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Frauenbios

Charlotte Gross

( Charlotte Gross, geb. Behr )
(6.3.1905 Samter bei Posen - 20.4.1999 Hamburg)
Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus
Detmerstraße 19 (Wohnadresse Hamburg-Barmbek)
Bestattet: Grablage Ohlsdorfer Friedhof, Fuhlsbüttler Straße 756: Geschwister-Scholl-Stiftung, Bn 73, 223
Charlotte Gross, Bild auf dem Ausweis für ehemalige politische Gefangene. Bildquelle: Archiv Gedenkstätte Ernst Thälmann
Geboren in Samter als Tochter eines Tischlermeisters zog Charlotte Gross 1911 mit ihren Eltern nach Berlin. Hier besuchte sie die Volksschule. Nach dem Schulabschluss und dem frühen Tod ihrer Mutter führte sie drei Jahre lang den Haushalt ihres Vaters, bis dieser 1923 erneut heiratete. Seit 1923 arbeitete Charlotte Gross als Fabrikarbeiterin in einem Berliner Metallbetrieb und war dort als Betriebsrätin aktiv. Zuerst war Charlotte Gross Mitglied des CVJM, dann bei den Naturfreunden; 1924 Eintritt in den kommunistischen Jugendverband. Sie wurde Mitglied der IAH (internationale Arbeiter Hilfe) und ab 1926 der KPD, sowie Leiterin des Roten Frauen- und Mädchenbunds.
Charlotte Gross war die Lebensgefährtin von Otto Wahls aus Hamburg, Mitglied des ZK der KPD, der nach 1933 ins Ausland ging. 1929 war das Paar, das sich 1927 kennengelernt hatte, von Berlin nach Essen gezogen. Ende 1932 trennte sich das Paar und Charlotte Gross zog nach Hamburg. Hier führte sie bis 1935 dem Vater von Otto Wahls den Haushalt und arbeitete dann wieder als Fabrikarbeiterin. 1936 lernte Charlotte Gross ihren späteren Ehemann Walter Gross, Dreher und ebenfalls Mitglied der KPD kennen. 1939 heiratete das Paar. [1] Das Paar wohnte in der Dettmerstraße 19 in Hamburg Barmbek
Walter Gross wurde 1944 als Soldat an der Ostfront getötet. Charlotte Gross beteiligte sich 1935/36 an der Arbeit der KPD-Frauengruppe um Thea Saefkow und Rosa Thälmann und kam deshalb in sogenannte Schutzhaft in die Konzentrationslager Fuhlsbüttel und Lichtenburg. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war Charlotte Gross fünfmal in Haft. Ihr zweites Kind gebar Charlotte Gross 1937 im Frauengefängnis Berlin/Barnimstraße. 1938 bis 1939 war sie im KZ Lichtenburg inhaftiert.
In den Jahren 1943/44 brachte Charlotte Gross als Kurierin der KPD-Widerstandsgruppe Bästlein-Jacob-Abshagen „in kleiner Anzahl illegale Schriften von Berlin nach Hamburg, vor allem NKFD-[Nationalkomitee Freies Deutschland, Zusammenschluss von kriegsgefangenen deutschen Soldaten] Materialien.“ [2] Als im Frühjahr 1944 die „Hamburger Kommunistenprozesse“ gegen 47 Widerstandskämpfer in 12 Prozessen verhandelt wurden, fuhr Charlotte Gross „in jenen Wochen mehrmals nach Berlin, um Franz Jacob und Anton Saefkow über den Verlauf der Prozesse Bericht zu erstatten. In ihrer Anklageschrift vom 22. August 1944 heißt es dazu: ‚ … die Angeschuldigte Gross (überbrachte) dem Jacob widerholt Nachrichten über den Ausgang von Hamburger Kommunistenprozessen, teils unter Mitteilung der Namen von Verurteilten, die sie im wesentlichen von Katharina Jacob erfuhr.‘ [Charlotte Groß und Katharina Jacob waren befreundet]. Von einer dieser Reisen brachte sie auch von Franz Jacob verfaßte Flugblätter mit, die sich mit der Terrorjustiz in den Hamburger Prozessen auseinandersetzten. Ihre letzte Zusammenkunft mit Jacob hatte Charlotte Gross am 16. Juni 1944 in Berlin. Von dieser Kurierfahrt brachte sie außer einer Reihe NKFD-Schriften und Flugblättern auch ein Exemplar einer parteiinternen Niederschrift Saefkows und Jacobs mit, die bis zum Ende der Hitlerherrschaft sicher aufgehoben werden sollte.“ [3]
„Im Zusammenhang mit den Anfang Juli 1944 in Berlin erfolgten Festnahmen Anton Saefkows, Franz Jacobs, Otto Marquardts u. a. wurden auch Katharina Jacob und Charlotte Gross sowie Hanna Marquardt festgenommen. Während Hanna Marquardt in Hamburg in Haft verblieb, wurden Katharina Jacob und Charlotte Gross nach Berlin gebracht. Beide Frauen wurden vor dem Volksgerichtshof in der Prozeß-Serie gegen die Berliner KPD abgeurteilt. In der Verhandlung am 20. September 1944 beantragte der Staatsanwalt gegen Charlotte Gross die Todesstrafe, der Richter entschied auf 10 Jahre Zuchthaus.“ [4]
Am 20.4.1945 konnte sie beim Evakuierungsmarsch aus dem Frauenzuchthaus Jauer entfliehen. Charlotte Gross machte sich über diesen Evakuierungsmarsch Notizen: „Evakuierung Frauenzuchthaus Jauer. Todesmarsch am 26.1.45 [an anderer Stelle: Sonntag 28.1.45] morgens 5 ½ Uhr unter SS Bewachung 950 Frauen ohne Pause bis abends 18 Uhr [an anderer Stelle: 17 ½ Uhr]. Wer zusammenbrach wurde erschossen.“ [5]
Die Frauen mussten 27 Kilometer ohne Rast an diesem Tag gehen, als „Proviant: 1/3 Brot, 30 (Gr.) Margarine und 100 Gr. Wurst. Wetter: Schnee, Sturm. Gelaufen bis Goldberg, Ziegelei, 2 Tage Rast. Verpflegung: Montag: ¾ Ltr. Grütze. Dienstag: ½ Ltr. Kohlrüben.
Mittwoch 31.1.: Morgens ½ Ltr. Grütze, 1 Stück Brot, ¼ Harzer. Gelaufen bis Pilgramsdorf, 12 Klm., Scheune.
Donnerstag 1.2. Keine Verpflegung, gefahren bis Löwenberg, Greifenberg 25 Klm. Wetter sehr schlecht, Schnee und Regen. Scheune sehr eng, große Prügelei.
Freitag 2.2 Morgens ein Teil der Frauen Kartoffelsuppe. Verpflegung: 1 Stück Brot. Marsch nach Welkersdorf: 15 Klm. (Gefahren.) Sonnabend Verpflegung: Brot, ½ Ltr. Kartoffelsuppe. Sonntag 4.2. Verpflegung: Brot, Abmarsch nach Lauban, 14 Klm. Verpflegung: ½ Ltr. Mehlsuppe (gelaufen)
Montag 5.2. Verpflegung: Ganz groß, Brot, Margarine, 1 Löffel Hackfleisch. Nach Görlitz 24 Klm., sehr kalt und windig (gefahren.) Männergefängnis. Normale Verpflegung und Behandlung. Viele Erfrierungen und Krankheiten, 1 x Ruhr. Alle sehr erschöpft. Begleitmannschaft: SS-Scharführer Laub (Laug?) Litzmannstadt. Noch 1 SS-Mann, 5 SS-Frauen, alles Deutsch-Russen. 3 Beamtinnen von Jauer. 680 Frauen in Görlitz angekommen.“ [6]
Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus war Charlotte Gross weiter politisch aktiv, so in der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) und in der KPD/DKP. Während des Verbots der Hamburger VVN setzte sie ihre antifaschistische Tätigkeit in der neugebildeten „Freien Beratungsstelle für die Opfer des Faschismus“ fort. Später war sie Mitglied des Präsidiums der VVN-BdA. Außerdem war sie bereits in den 1950er Jahren im Erholungsheim „Heideruh“ Buchholz Ahornweg 45 tätig, einem Erholungsheim für die im antifaschistischen Widerstand aktiv gewesenen Kameradinnen und Kameraden. Sie wurde auch Vorsitzende des Ferienheimes.
Charlotte Gross fungierte auch als Schriftführerin im Kuratorium Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer (Ohlsdorfer Friedhof).
Text: Rita Bake
Quellen:
1 Anklageschrift (Abschrift): Der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof 8 J 180/44 g. Berlin, 22. August 1944. Aus: Archiv/Sammlung: Gedenkstätte E. Thälmann Hamburg.
2 Ursel Hochmuth, Gertrud Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand 1933-1945. Frankfurt a M. 1969, S. 372.
3 Ursel Hochmuth, Gertrud Meyer, a. a. O., S. 377.
4 Ursel Hochmuth, Gertrud Meyer, a a. O., S. 379.
5 Abschrift vom 30.12.2003 der von Charlotte Gross in Sütterlin mit Bleistift verfassten Notizen. Archiv/Sammlung Gedenkstätte E. Thälmann Hamburg.
6 Ebenda.
 

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(Datenbank Stand: April 2021) Frauen stellen mindestens die Hälfte der Menschheit. Wenn es aber um Erinnerungen geht, sind es immer noch in der Mehrzahl Männer, die die Spitzenplätze einnehmen.

Hammonia

Hamburger Frauenbiografien-Datenbank

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Stand April 2021: 1239 Kurzprofile von Frauen und 434 sonstige Einträge z. B. Vereine, Aktionen, Zusammenschlüsse und Überblicksdarstellungen zu Themen der Frauenbewegungen.

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Januar 2021: Katherina Hanen, Ingeborg Hecht

Februar 2021: Anita Horz

März 2021: Gertrud Bing, Ilse Hirschbiegel, Hilde David, Aenne Bohne-Lucko, Hildegard Stromberger, Angela Bernhardt, Emilie Rücker, Adele Will, Dora und Claudine Staack, Andrea Karsten,
wesentlich aktualisiert: Zwangsarbeiterinnen für Valvo Radioröhrenfabrik und der Hamburger Batterie-Fabrik Otto Gross, Käthe Strutz

April 2021: Adeline Gräfin von Schimmelmann
wesentliche aktualisiert: Anna Andersch-Marcus; Tatiana Ahlers-Hestermann; Marie Anne Lippert; Marienkrankenhaus; Annemarie Marks-Rocke; Katharina Mayberg; Erna Mayer; Ottilie Metzger-Lattermann; Else Mögelin; Molckenbuhr'sche Stiftung für alte weibliche Dienstboten; Erna Mros; Nanny-Jonas Stift; Martha Naujoks; Anna Maria Pyrker; Charlotte Ida Popert; Adele Reiche; Minna Rist; Martha Rauert; Vierländerin Brunnen; Rosemarie Sacke; Sophie Albrecht, Ida Eberhardt

Was erwartet Sie in der Frauenbiografie-Datenbank?

Die Zahlen allein für Hamburg sind ernüchternd: ca. 2545 Straßennamen sind nach Männern benannt, gegenüber 441, die nach Frauen benannt wurden. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Anzahl der Denkmäler und Erinnerungstafeln. Auch bei Ehrungen und Auszeichnungen wird oft an IHN und nur wenig an SIE gedacht.

Trotz aller Leistungen von Frauen scheint die Erinnerung an sie schneller zu verblassen, sind die Archive und Netze der Erinnerung besonders löchrig - erweist sich die Wertschätzung weiblichen Wirkens als gering. Wie oft heißt es, wenn auch Frauen geehrt werden könnten:

„Uns ist dazu keine Frau von Bedeutung bekannt!“

Ein Argument, das in Zukunft keine Chancen hat, denn es gibt jetzt diese Datenbank. Eine Bank, die ihren Anlegerinnen und Anlegern hohe Renditen verspricht, denn das Kapital ist das historische Wissen. Geschöpft aus Archivmaterialien, Lexika, Zeitungsartikeln und –notizen, aus veröffentlichten Biografien, zusammengetragen und erforscht von Einzelpersonen etc., bietet die Datenbank die beste Voraussetzung für eine hohe gesellschaftliche Wirksamkeit - im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit. Die Früchte dieser Datenbank sollen die Bedeutung von Frauen für Hamburgs Geschichte leicht zugänglich machen und selbstverständlich in den Alltag von heute tragen.

Im Mittelpunkt stehen verstorbene Frauen, die in Hamburg gewirkt und/oder gewohnt und die Spuren hinterlassen haben. Das können Autorinnen, Schauspielerinnen, Wohltäterinnen, Kneipenwirtinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, bildende Künstlerinnen, Sängerinnen, Unternehmerinnen, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen, Juristinnen, Journalistinnen, Widerstandkämpferinnen gegen und Opfer des NS-Regime etc. sein – aber auch Täterinnen.

Wir stellen keineswegs nur „prominente“ Frauen oder hehre Vorbilder vor – sondern auch das Wirken und Leben der „kleinen Frau“ auf der Straße, die oft im Stillen gearbeitet hat, für die Familie, die Stadt, die Partei, die Kunst, für sich.

Darüber hinaus präsentieren wir Ihnen auch Orte, Einrichtungen, Vereine und Themen, die für Frauen von historischer Bedeutung waren und sind.

An dieser Datenbank wird kontinuierlich gearbeitet. Es werden laufend neue Namen und Rechercheergebnisse eingestellt.

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Die einzelnen Frauen sind in der Regel mit einer Adresse verzeichnet – für ihre Wohnung bzw. ihren Wirkungsort. Mehrere Umzüge und Ortswechsel können in der Regel nicht recherchiert werden.

Achtung: Die Namen und Verläufe von Straßen haben sich oft verändert. Wer wissen möchte, wo bestimmte Hausnummern heute zu finden sind, muss alte Stadtpläne oder u. U. Grundbucheintragungen einsehen. Es gibt beim Statistikamt Nord einen alte Kartei der so genannten "Hausnummerhistorien", in der sich alte und neue Hausnummern gegenüberstehen. Bei Umnummerierungen von Hausnummern aber auch bei Umbenennungen von Straßennamen kann hier eine raschere Auskunft möglich sein, als über den Vergleich von alten und neuen Lageplänen (freundliche Auskunft von Jörg-Olaf Thießen Staatsarchiv Hamburg). Wer dann noch nicht weiter kommt, sollte sich an das Staatsarchiv wenden. Viele Stadtpläne sind bereits online einsehbar.

Verantwortlich für die Datenbank:

Dr. Rita Bake
stellvertretende Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg a. D.
Gründerin des Gartens der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Die Datenbank wurde von ihr zusammengestellt und wird laufend von ihr ergänzt und erweitert.
Diverse Frauenbiografien sind von verschiedenen Autorinnen und Autoren verfasst worden. Die Namen der Autorinnen und Autoren finden Sie jeweils am Ende ihrer Beiträge. Es gibt auch eine Rubrik: Autorinnen und Autoren, in der Sie deren biografische Angaben finden.

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