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Was Jutta Dierks aus Neuenfelde als geborene Meyer während der Flut in Francop erlebte

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Wir hatten erst eine Stunde geschlafen, als Opa plötzlich an der Kammertür klopfte und uns zum Aufstehen aufforderte. „Macht schnell!“ rief er, „Das Wasser kommt!“. Wie elektrisiert kamen wir aus den Federn und in unsere Plünnen. Alles klappte, als hätten wir es vorher trainiert, und in kurzer Zeit saßen wir auch schon im Auto.

Was Jutta Dierks aus Neuenfelde als geborene Meyer während der Flut in Francop erlebte

Unser Ziel war: Nincop. Glaubten wir doch, dort vor Hochwasser sicher zu sein. Das war aber ein Trugschluß. Denn bereits nach zweihundert Metern, in Höhe der Francoper Post und Gastwirtschaft Carl Reiner, ging es nicht mehr weiter. Dort war der Deich gebrochen! Also, zurück, marsch-marsch! Aber auch der Rückweg war auf einmal problematisch. Wir mußten unser Auto vor dem Haus von Herbert Hadler stoppen und es fluchtartig verlassen. Das Wasser kam! Gottseidank war es bis zu unserem Haus nur noch ein Katzensprung. Wir waren auf einmal wieder dort, woher wir vor wenigen Minuten erst geflüchtet waren!

Vater riet uns, nicht erst die eigene Wohnung im Parterre, sondern gleich das Obergeschoß aufzusuchen. In diesem Augenblick kracht es aber schon ohrenbetäubend! Unser Haus fing an zu schwanken. Was war geschehen? Meines Erachtens war der Krach aus der Wohnung unseres Mieters gekommen. Ohne lange zu überlegen, pirschte ich mich in die Richtung des Geschehens und, was ich dort zu sehen bekam, war furchterregend! Ich schaute nämlich nicht ins Zimmer, sondern in den Nachthimmel. Die Giebelwand unseres Hauses war vollständig herausgefallen! Wie wir später erfuhren, hatten lediglich die beiden stabilen Schornsteine den übrigen Teil des Hauses zusammengehalten. Sonst wären wir alle von Balken und Gesteinsbrocken begaben worden!

Ängstlich und auf Rettung hoffend, verharrten wir die nächste Zeit dicht zusammengedrängt in unserer mißlichen Lage. Die Nacht wurde für uns besonders lang. Wer sollte uns in dieser Situation befreien?
Es war schon Samstagmorgen, als wir von draußen Stimmen und Motorengeräusche vernahmen. Doch wie und woher sollten mögliche Retter wissen, daß wir hier oben saßen und auf ihre Hilfe warteten?

Mein Vater hatte plötzlich eine rettende Idee: Er kroch auf einen Dachbalken hinauf und schlug mit aller Wucht von Innen ein Loch ins Dach. Durch dieses Loch steckte er eine Stange, an die wir ein weißes Tuch gebunden hatten. Die war das optische Zeichen dafür, daß wir Hilfe brauchten. Und tatsächlich: nach einiger Zeit wurde unser Signal von den Soldaten wahrgenommen.

Ein Hubschrauber versuchte in mehreren Anflügen an unser Haus heranzukommen und eine günstige Position zu erreichen. Auf unserem Dachboden zu landen, war natürlich nicht möglich, deshalb gab uns die Besatzung immer wieder Zeichen, aufs Dach zu klettern. In dieser Situation wurde mir bewußt, zu welchen Leistungen der Mensch fähig ist, wenn er in Not gerät! Wir versuchten tatsächlich diese Klettertour aus einem Dachloch heraus, nachdem wir vorher die Ziegel entfernt hatten. Ängstlich nahmen wir Kontakt zu den Soldaten auf. In unentwegten Anflügen zog die Hubschrauberbesatzung einen nach dem anderen von uns ins Hubschrauberinnere. So wurden wir gerettet.

Wir stiegen in die Lüfte und ließen kaputte Häuser und eine Wasserwüste unter uns. Auf dem Flugplatz in Fuhlsbüttel war Endstation. In der dort eingerichteten Sammelstelle wurden wir erst einmal betreut. Dann fuhr ein Reisebus vor, der uns nach Altona in eine zur Notunterkunft umfunktionierte Schule bringen sollte.


Gekürzter Auszug aus „Was Jutta Dierks aus Neuenfelde als geborene Meyer während der Flut in Francop erlebte“ in: von Mohr, Henry; Köpke Rudolf (Hg.): Die große Flut. Augenzeugen berichten über ihre Erlebnisse vom 16. auf den 17. Februar 1962. Hamburg 2003, S. 49-52.

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