Senatskanzlei

Auszeichnung 1901 Alfred Ludwig Heinrich Karl Graf von Waldersee (1832-1904)

Alfred Ludwig Heinrich Karl Graf von Waldersee (1832-1904)

Auszeichnung 1901

Senatsantrag vom 31. Juli 1901 (SVorl. 129), Bürgerschaftsbeschluss vom 5. August 1901, Übergabe des Ehrenbürgerbriefs am 8. April 1902.

Begründung von 1901

Für seine Tätigkeit „im Interesse der Erhaltung des Weltfriedens“.

Hintergrund

Alfred Graf von Waldersee war ein deutscher Generalfeldmarschall mit außergewöhnlichen politischen Ambitionen. Er wurde von Hamburg anlässlich seiner Rückkehr aus China geehrt, wo er an herausragender Stelle die kolonialpolitischen Interessen des Deutschen Reiches und damit auch Hamburgs vertreten hatte.

Der 1832 in Potsdam geborene Waldersee war der Sohn eines preußischen Generals. Er schlug die für ihn vorgesehene militärische Laufbahn ein und wurde nach der Ausbildung in verschiedenen Kadettenanstalten 1850 zum Leutnant ernannt. Ab 1852 besuchte er die Artillerie- und Ingenieurschule, sechs Jahre später wurde er Adjutant der Artillerieinspektion. Im Deutsch-Österreichischen Krieg 1866 diente er als Adjutant im königlich preußischen Großen Hauptquartier und später im Stab des Generalgouverneurs von Hannover. Zum Major befördert, wurde er zum Generalstabsoffizier berufen. Als Militärattaché ging er 1870 zur preußischen Botschaft in Paris, wo er Informationen über die französische Armee sammelte, die im heimischen Generalstab zur Vorbereitung des Feldzuges gegen Frankreich herangezogen wurden. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 stieg Waldersee weiter in der militärischen Hierarchie auf. Nach Kriegsende war er mehrere Monate als Geschäftsträger des Deutschen Reichs in Paris tätig, 1873 wird er Stabschef des X. Armeekorps in Hannover.

Auf Initiative Helmuth Graf von Moltkes wird Waldersee 1882 dessen Stellvertreter und Generalquartiermeister im Großen Generalstab. Dort entwickelte Waldersee Moltkes militärstrategische Überlegungen weiter zu Planungen für einen Präventivkrieg gegen Russland und Frankreich. Waldersee geriet dabei in Konflikt mit Reichskanzler Otto von Bismarck und dessen Außenpolitik. Der Reichskanzler beharrte auf dem Primat der Politik, während Waldersee den Primat des Militärischen einforderte. Obgleich er sich mit seinen Forderungen nach militärischen Präventivschlägen nicht durchsetzen konnte, gelang es Waldersee, die Position des Militärs gegenüber dem Kriegsministerium und der Reichsführung nach und nach zu stärken. 1888 wurde er Moltkes Nachfolger als Chef des Großen Generalstabs. Waldersee arbeitete am politischen Sturz Bismarcks mit, wurde aber nicht, wie von manchen Zeitgenossen erwartet, dessen Nachfolger. Vielmehr kam es 1891 zu eher persönlichen Differenzen zwischen ihm und Kaiser Wilhelm II. Waldersee trat daraufhin als Generalstabschef zurück und wurde Chef des IX. Armeekorps in Altona. Sieben Jahre später wurde er Generalinspekteur in Hannover, im Jahr 1890 wurde er zum Generalfeldmarschall ernannt.

1900/01 erhielt Waldersee den Oberbefehl über die europäischen Interventionstruppen zur Niederschlagung des „Boxeraufstandes“ in China. Über seine tatsächlichen „Erfolge“ dort wird bis heute kontrovers diskutiert, unbestritten ist seine Verantwortung für zahlreiche blutige Strafexpeditionen. Nach seiner Rückkehr nahm Waldersee seinen Posten als Generalinspekteur in Hannover wieder ein. Bereits zu Lebzeiten erhielt er zahlreiche Ehrungen, weitere folgten posthum. Er starb 1904 in Hannover.

Waldersee war ein ungewöhnlich politisch ambitionierter Militär, der mit seinen Stellungnahmen und Aktivitäten wiederholt Kritik und Widerspruch hervorrief. Ende der 1890er Jahre forderte er vergeblich vom Kaiser, repressive Maßnahmen gegen die SPD zu ergreifen, durch die er die Monarchie in Gefahr sah. Seine Präventivkriegsstrategien wurden in einer modifizierten Variante Grundlage der deutschen Kriegsführung zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Das von Waldersee geforderte Primat des Militärischen erlebte während des Krieges in der Politik der Obersten Heeresleitung eine praktische Anwendung.

Mit Hamburg verband Waldersee wenig mehr als die Hoffnung der Hansestadt, durch sein kolonialpolitisches Engagement in China handelspolitische Vorteile zu erhalten. Sowohl der deutsche Einsatz in China als auch Waldersees Auszeichnung mit dem Ehrenbürgerrecht erfuhr bereits damals heftige öffentliche Kritik, besonders durch die Sozialdemokratie. Neuere Forschungen untermauern die Berechtigung solcher Kritik.