Senatskanzlei

Auszeichnung 1986 Dr. h.c. Herbert Richard Wehner (1906-1990)

Dr. h.c. Herbert Richard Wehner (1906-1990)

Auszeichnung 1986

Senatsantrag vom 8. April 1986 (Drs. 11/6018), Bürgerschaftsbeschluss vom 15. Mai 1986, Verleihung am 15. Mai 1986.

Begründung von 1986

„Verdienste um Hamburg und um den Aufbau der Bundesrepublik Deutschland“.

Hintergrund

Herbert Wehner war ein deutscher Politiker und führender Sozialdemokrat. Der Abgeordnete des Wahlkreises Hamburg-Harburg bestimmte nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem als Bundesminister und Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion die Politik seiner Partei in der Regierungsverantwortung mit.

Wehner wurde 1906 als Sohn eines Schuhmachers in Dresden geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Als Stipendiat absolvierte er von 1921 bis 1924 eine Ausbildung im Verwaltungsdienst, danach eine Lehre zum Kaufmann. Nebenher bildete er sich in Abendkursen in Literaturgeschichte, Volkswirtschaftslehre und Philosophie weiter. In radikalen linksgerichteten Jugendgruppen und bei einschlägigen Zeitungen sammelte er erste politische Erfahrungen. 1927 trat Wehner in die KPD ein. Dem raschen Aufstieg in der Parteiorganisation folgte 1930 die Wahl in den Sächsischen Landtag, wo er als Fraktionsvorsitzender fungierte. Nach dem Verbot der KPD durch die Nationalsozialisten 1933 engagierte er sich im kommunistischen Widerstand. Wiederholt nur knapp der Verhaftung entgangen, emigrierte Wehner zunächst nach Prag, später nach Paris und 1937 nach Moskau. 1941 reiste er mit dem Parteiauftrag nach Schweden, von dort die kommunistische Organisation zu unterstützen. Ein Jahr später wurde er wegen Spionage in Stockholm verhaftet. Die Umstände der Inhaftierung erregten das Misstrauen seiner Genossen, so dass ihn die KDP 1942 mit dem Vorwurf des Verrats ausschloss. Nach der Entlassung aus der Haft 1944 arbeitete er in einer Fabrik und als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Archivs.

1946 kehrte Wehner nach Deutschland zurück, trat der SPD in Hamburg bei und war als Redakteur beim sozialdemokratischen Hamburger Echo tätig. Unterstützt vom damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher kandidierte Wehner 1949 erfolgreich für den ersten Deutschen Bundestag. Er gehörte dem Parlament als Abgeordneter des Wahlkreises Hamburg-Harburg bis 1983 ununterbrochen an. Wehner übernahm in dieser Zeit mehrere führende Ämter und Funktionen. Von 1966 bis 1969 war er Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, danach bis 1983 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.

Anschließend zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Wehner starb nach langer und schwerer Krankheit 1990 in Bonn.

Wehner, ein später Befürworter des reformorientierten Godesberger Programms der SPD, gilt unter anderem als Architekt der Großen Koalition 1966 in Bonn und damit der ersten Regierungsteilnahme seiner Partei auf Bundesebene. Als führendes SPD-Mitglied und als Bundesminister trug er zur Verständigung mit den ehemaligen Kriegsgegnern Deutschlands bei. „Zuchtmeister“ Wehner war Zeitzeugen zufolge als strenger Vorsitzender ein wesentlicher Garant des Zusammenhalts der SPD-Bundestagsfraktion in der Regierungsverantwortung.

Allerdings war Wehner bereits zu Lebzeiten heftig umstritten. Besonders durch seine wiederholt heftigen verbalen Attacken fühlten sich zahlreiche politische Gegner und auch so mancher Parteifreund beleidigt und gekränkt. Des Weiteren fand sein Verhalten beim Rücktritt Willy Brandts als Bundeskanzler 1974 vor allem parteiinterne Kritik. Mit Blick darauf kam es im Vorfeld der Auszeichnung mit dem hamburgischen Ehrenbürgerrecht, das er anlässlich seines 80. Geburtstages verliehen bekam, zu vorübergehenden Dissonanzen. In den 1990er Jahren flammte dann die Kritik an Wehners kommunistischer Vergangenheit wieder verstärkt auf. Funde in den nun zugänglichen Moskauer Archiven lassen besonders sein Verhalten während des Exils in der russischen Hauptstadt fragwürdig erscheinen.