Senatskanzlei

Auszeichnung 1993 Dr. h.c. Rudolf Karl Augstein (1923-2002)

Dr. h.c. Rudolf Karl Augstein (1923-2002)

Auszeichnung 1993

Senatsbeschluss vom 16. November 1993 (Drs. 15/153), Bürgerschaftsbeschluss vom 27. Januar 1994, Verleihung am 27. Januar 1994.

Begründung von 1993

Herausragende Verdienste „am demokratischen Neuaufbau der Bundesrepublik“ nach 1945 und um Hamburg als Medienmetropole der Bundesrepublik Deutschland.

Hintergrund

Rudolf Augstein war ein deutscher Verleger und Publizist. Als Gründer und Herausgeber des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL und als ein Protagonist des investigativen Journalismus zählte er zu den prominentesten Verlegern Deutschlands.

Augstein wurde 1923 als Sohn eines Kaufmanns in Hannover geboren. Nach dem Abitur 1941 absolvierte er ein Volontariat beim Hannoverschen Anzeiger. Ein Jahr später wurde er zum Kriegsdienst herangezogen, zunächst als Funker, später als Artilleriebeobachter. Nach Kriegsende arbeitete er als Redakteur beim Hannoverschen Nachrichtenblatt. Auf Betreiben der Briten wechselte er 1946 zur Wochenzeitschrift Diese Woche, die aber wenig später eingestellt wurde.

1947 gründete Augstein in Hannover das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, das er in der Folgezeit als Chefredakteur und Herausgeber leitete und prägte. Durch seine kritische Berichterstattung handelten sich das Nachrichtenmagazin und sein Herausgeber wiederholt Beschwerden und juristische Anzeigen ein. Die Konflikte eskalierten Anfang 1962, als der SPIEGEL in einem auf vertrauliche Quellen gestützten Artikel das Verteidigungskonzept der Bundeswehr infrage stellte. Augstein und sieben weitere Mitarbeiter wurden unter dem Verdacht des Landesverrats zeitweilig inhaftiert, was eine Welle von Protesten auslöste. In der Folge trat Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß von seinem Amt zurück. Die SPIEGEL-Affäre markierte auch das Ende der Ära von Bundeskanzler Konrad Adenauer, ohne dafür ursächlich zu sein. Das Magazin und Augstein – unter Pseudonym – hatten die Politik des Kanzlers wiederholt scharf kritisiert. DER SPIEGEL untermauerte auch in der Folgezeit mit kritischen Beiträgen zu politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seinen Anspruch, das von Augstein geforderte „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu sein.

Augstein weitete sein publizistisches Engagement aus und veröffentlichte mehrere Bücher. Ferner beschloss er in den 1960er Jahren die Gründung der Rudolf Augstein Stiftung, die seinen Nachlass verwalten und sich für mildtätige Zwecke einsetzen sollte. Die Stiftung dehnte später ihr Engagement auf die Förderung journalistischen Nachwuchses und der Kunst aus. Für die FDP, der er seit 1957 angehörte, kam er 1972 in den Deutschen Bundestag, legte sein Mandat aber nach wenigen Wochen wieder nieder. Mit dem SPIEGEL habe er sich größere Möglichkeiten zur politischen Einflussnahme versprochen, spekulierten Beobachter später über die Motive dieser Entscheidung.

1974 schenkte Augstein 50 Prozent der Anteile den Mitarbeitern seines Unternehmens und führte damit ein viel beachtetes Beteiligungsmodell ein. 1988 startete im Privatfernsehen die Sendung Spiegel-TV. Im Zusammenhang mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Deutschlands 1989/90 kam es zu einer Kontroverse Augsteins mit dem SPIEGEL-Chefredakteur Erich Böhme. Im Unterschied zu Böhme begrüßte der sich selbst als „nationalen Patrioten“ bezeichnende Augstein die Wiedervereinigung. In den 1990er Jahren zog sich Augstein mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft beim SPIEGEL zurück. Er blieb aber bis zu seinem Tod 2002 in Hamburg durch Kommentare und andere Stellungnahmen zu politischen Fragen in der Öffentlichkeit präsent.

Augstein erhielt für sein wegweisendes publizistisches Engagement zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrere Ehrendoktorwürden. Allerdings fand er mit seinen pointierten Einlassungen auch viele Kritiker. Die Verleihung des hamburgischen Ehrenbürgerrechts fand ebenfalls nicht die Zustimmung aller politischen Parteien, wobei seine herausragenden Verdienste als Verleger und Publizist nicht grundsätzlich infrage gestellt wurden.