Auszeichnung 1999 Prof. Dr. Marion Hedda Ilse Gräfin Dönhoff (1909-2002)

Ehrenbürgerin Marion Gräfin Dönhoff. Ehrenbürgerin Marion Gräfin Dönhoff.

Prof. Dr. Marion Hedda Ilse Gräfin Dönhoff (1909-2002)

Auszeichnung 1999

Senatsantrag vom 7. September 1999 (Drs. 16/2979), Bürgerschaftsbeschluss vom 29. September 1999, Verleihung am 29. September 1999.

Begründung von 1999

Verdienste um „die demokratischen Werte Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte“.

Hintergrund

Marion Gräfin Dönhoff war Journalistin, Buchautorin und Verlegerin. Die langjährige Mitherausgeberin der Wochenzeitung DIE ZEIT avancierte in der Nachkriegszeit zu einer der bedeutendsten deutschen Publizistinnen.
Die 1909 im Schloss Friedrichshain in Ostpreußen geborene Dönhoff war die Tochter eines Diplomaten und Politikers. Ihre Mutter war Hofdame der letzten deutschen Kaiserin Auguste Viktoria. Nach einem schweren Unfall 1924 kam Dönhoff zunächst in ein Berliner Mädchenpensionat, gegen dessen strenge Regeln sie rebellierte. Sie wechselte zwei Jahre später auf ein Gymnasium in Potsdam, wo sie als einziges Mädchen in einer Jungenklasse 1929 ihr Abitur machte. Anschließend absolvierte sie eine Haushaltsschule. Es folgten längere Reisen durch die USA und Afrika. Ab 1931 studierte sie an den Universitäten Königsberg und Frankfurt am Main Volkswirtschaftslehre. Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 wechselte sie an die Universität Basel, wo sie 1935 promoviert wurde. Dönhoffs Freundschaft mit kommunistisch orientierten Kommilitonen und ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus bescherten der liberalen Protestantin bereits damals den Spitznamen „rote Gräfin“.

Mit Kriegsbeginn 1939 übernahm sie die Verwaltung der familieneigenen Güter. Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein unternahm Dönhoff ausgedehnte Reisen durch Europa. 1940 besuchte sie zweimal Moskau, zuletzt als Station auf einer Fahrt nach Persien. Während des Krieges unterhielt sie Kontakt zu Mitgliedern des Kreisauer Kreis, die dem konservativen Widerstand gegen Hitler angehörten. Die Gestapo verhörte sie nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 infolge der Denunziation durch einen Onkel, aber sie kam nicht in Haft. Nach sorgfältiger Planung floh sie Anfang 1945 vor den heranrückenden sowjetischen Truppen von Ostpreußen nach Westfalen. Nach Kriegsende fuhr sie als Beobachterin zu den Nürnberger NS-Kriegsverbrecherprozessen.

Dönhoffs darauf basierende Memoranden erregten die Aufmerksamkeit der ZEIT-Gründer, die sie zur Mitarbeit einluden. In ersten Beiträgen sprach sie sich auch gegen Besatzungswillkür und die Demontagepolitik aus. Später scheute sich nicht, die Politik des neu gegründeten Staates Israel zu kritisieren. In der ZEIT übernahm sie das Ressort Politik, verließ jedoch 1954 aus Protest gegen die Zusammenarbeit mit NS-belasteten Autoren wie den Staatsrechtler Carl Schmitt die Zeitung. Danach verfasste sie Reportagen für andere Zeitungen und hospitierte beim Observer in London. Ein Jahr später holte Gerd Bucerius sie nach Klärung der internen Auseinandersetzungen wieder zur ZEIT zurück. Dort machte sie Karriere, stieg zur Chefredakteurin auf und wurde 1973 Mitherausgeberin. Sie prägte die liberal-konservative Grundhaltung der ZEIT maßgeblich mit. Ein vorrangiges Anliegen Dönhoffs war die Aussöhnung mit dem Osten, zunächst mit Polen, später mit Russland. Willy Brandt nahm sie 1970 in Anerkennung ihrer Verdienste zur Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Vertrages mit nach Warschau. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 forderte sie gemeinsam mit namhaften anderen Autoren in einem öffentlichen Manifest unter anderem größeres Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein in Deutschland ein. Einige Jahre später prangerte sie in einem Buch Auswüchse des Kapitalismus an. Dönhoff blieb bis zu ihrem Tod auf Schloss Crottorf im Siegerland 2002 eine kritische Begleiterin des Zeitgeschehens.

Sie engagierte sich an vielen weiteren Stellen gesellschaftspolitisch. Unter anderem setzte sie sich für Dissidenten wie Robert Havemann und Lew Kopelew ein, wirkte in wissenschaftspolitischen Gremien mit und gründete 1988 die Marion-Dönhoff-Stiftung, die Wissenschaftlern aus Osteuropa Aufenthalte in Deutschland finanzierte. Schon früh erhielt Dönhoff Preise und Ehrungen für ihren vielfältigen Einsatz und war zeitweilig als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt im Gespräch. Die Freie und Hansestadt Hamburg ernannte sie unter anderem 1994 zur Professorin. Ihre Auszeichnung mit dem hamburgischen Ehrenbürgerrecht stieß auf einhellige Zustimmung.

Empfehlungen