Senatskanzlei

Expertise Der Hindenburg-Mythos und Verleihung des Ehrenbürgerrechts


Der Hindenburg-Mythos und Verleihung des Ehrenbürgerrechts

„Das unbedingte Vertrauen, daß alle Parteien Deutschlands seiner militärischen Führung schenken, ist die schönste Huldigung, die seiner Feldherrengröße dargebracht werden kann. Ihn für bestimmte politische Richtungen reklamieren oder seine knappen Antworten auf die an ihn gerichtete Telegrammflut zur Verunglimpfung politisch Andersdenkender ausmünzen, heißt Mißbrauch mit seiner Bedeutung treiben“, schrieb am 2. Oktober 1917 das sozialdemokratische „Hamburger Echo“ in seinem Artikel zum 70. Geburtstag des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg. Der „Vorwärts“ lobte am selben Tag, sein „Ruhm blieb kein kalter Feldherrenruhm, sondern wurde warm und innerlich empfunden, weil Hindenburg nicht bloß siegte, sondern weil er im Jahre 1914 einen Sieg errang, der vom ganzen deutschen Volke vor allen als der notwendige und gerechte empfunden wurde.“ Es sei Hindenburg gewesen, „der die Heimaterde befreit hatte, nicht nur von irgend einem Feind, sondern von dem eigentlichen Feind, den das Volk verabscheute, von dem russischen Zarismus, seinen Greueln und Trabanten.“[97] Die sozialdemokratische Presse berichtete zwar ansonsten nüchterner als die meisten anderen Blätter über den Bürgerschaftsbeschluss vom Vortag, Hindenburg zum Ehrenbürger Hamburgs zu ernennen, aber sie begrüßte die Auszeichnung ebenfalls.[98]

„Der Senat weiß sich mit der gesamten Bevölkerung Hamburgs eins in dankbarer Verehrung des siegreichen und ruhmgekrönten Feldherrn und in bewundernder Anerkennung dessen, was er Großes geleistet hat und noch täglich leistet“, hatte der hamburgische Senat am 26. September 1917 seinen Beschluss begründet. Die Bürgerschaft ergriff dann in ihrer Sitzung am 1. Oktober „gern die Gelegenheit, dem Manne ihren unauslöschlichen Dank zu bekunden, der in dem ganz Deutschland aufgezwungenen Kampfe in so überragender Weise sich um unser Vaterland verdient gemacht hat, der an der Front neue Kraft zu schaffen versteht. Die Bürgerschaft stimmt daher freudigst der Verleihung des Ehrenbürgerrechts der Freien und Hansestadt Hamburg an den Generalfeldmarschall von Hindenburg zu“.[99] Sie tat dies einstimmig, und Präsident Schön nutzte die Gelegenheit der Aussprache für weitere Lobesbekundungen.[100]

Schon im Vorfeld des 70. Geburtstages hatten mehrere Unternehmer und andere einflussreiche Bürger Hamburgs den Senat aufgefordert, sich um eine angemessene Ehrung Hindenburgs anlässlich seines 70. Geburtstag am 2. Oktober 1917 zu bemühen.[101] Hindenburg selbst hatte mit Blick auf den andauernden Krieg öffentlich gebeten, „von allen Festlichkeiten und Glückwünschen, die mir zugedacht werden, Abstand zu nehmen“.[102] Allerdings war Hamburg nur eine in einer Vielzahl deutscher Städte, die Hindenburg damals zu ihrem Ehrenbürger ernannten. Allein in Thüringen waren es 83 Kommunen, die ihn auf diese Weise auszeichneten.[103] In Oldenburg kürte man mit ihm sogar den ersten Ehrenbürger.[104]

Angesichts der heutigen, eingangs erwähnten kritischen Sicht auf Hindenburg ist diese damals übergroße Zustimmung in Hamburg wie im Deutschen Reich erklärungsbedürftig. Sie basierte unter anderem auf dem zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Deutschland geschlossenen sogenannten Burgfrieden. Kritische Stimmen und dezidierte Gegner des Krieges, die es besonders in der Sozialdemokratie gab, traten in den Hintergrund oder verstummten damals völlig. Aus dem Gefühl einer existentiellen nationalen Bedrohung erwuchs ein breiter politischer Konsens zur Kriegsunterstützung. Die maßgeblichen politischen Kräfte im Deutschen Reich vertagten alle politischen und sozialen Konflikte, um erst einmal in gemeinsamer Anstrengung den Krieg zu gewinnen.[105] Die zweite wichtige Ursache ist der Mythos, der um Hindenburg entstand und den dieser maßgeblich mit beförderte. Er bot sich aktiv als Projektionsfläche an für die „verstärkte Sehnsucht nach Helden“, als die (massen-)mörderische Grausamkeit des modernen Krieges in kürzester Zeit zutage trat und die weit verbreiteten romantischen Kriegsvorstellungen zerstörte.[106]

Der 1914 bei Kriegsbeginn reaktivierte Hindenburg war seinem Biografen Wolfgang Pyta zufolge ein Meister der medialen Selbstinszenierung.[107] Ihm in die Hände spielte die damalige deutsche Kriegspropaganda, von der General Hindenburg als Oberbefehlshaber der Achten Armee in der von deutschen Publizisten zum Mythos gemachten „Schlacht von Tannenberg“ Ende August 1914 profitierte – diese wurde neueren Forschungen zufolge „zu einer verspäteten Revanche für [die Niederlage gegen polnisch-litauische Truppen bei Tannenberg ] 1410 stilisiert, zu einer Verteidigung ‚uralten deutschen Bodens‘ gegen einen stets drohenden slawischen Feind“.[108] Auch Hindenburgs damaliger Stabschef Erich Ludendorff wurde für den Sieg zunächst verehrt. Beide bildeten ab Sommer 1916 die Dritte Oberste Heeresleitung (OHL). Der entschiedene Kriegsbefürworter Ludendorff avancierte dort zeitweilig zum de facto mächtigsten Mitglied. Formal war Hindenburg aber der Vorgesetzte. Die OHL traf zunehmend auch politische Entscheidungen und setzte den Primat des Militärischen gegenüber der Politik durch. Sie verantwortete den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und damit den Kriegseintritt der USA. Hindenburg, so lautet das Resultat einschlägiger Forschungen, agierte primär auf seinen eigenen Vorteil bedacht und ging dabei mehr oder weniger rücksichtslos gegenüber allen vor, die ihm im Weg standen.[109]

Als „Held von Tannenberg“ verstand es Hindenburg, Pyta zufolge, geschickt, sich ab 1917 zunehmend auch als Schutzherr gegen den „gewaltsamen Export des sowjetrussischen Gesellschafsmodells“ in Szene zu setzen.[110] Doch spätestens im Sommer 1918 wurde die militärische Situation der vom Deutschen Reich angeführten Mittelmächte hoffnungslos. Ende September 1918 forderte die OHL Waffenstillstandsverhandlungen und eine parlamentarische Regierung. Damit gestand sie die militärische Niederlage zwar de facto ein, übertrug aber gleichzeitig den zivilen Politikern die Verantwortung für die Beendigung des Krieges. Eine perfide Kampagne begann. Hindenburg und Ludendorff hatten in der Folge maßgeblichen Anteil an der Entstehung der „Dolchstoßlegende“, mit der die Schuld für die von den Militärs zu verantwortende militärische Niederlage auf die Sozialdemokratie und andere demokratische Politiker abgewälzt werden sollte. Dies sollte zu einer schweren Hypothek für die erste deutsche Demokratie werden. Die „Dolchstoßlegende“, obwohl sachlich völlig haltlos, fand in der Weimarer Republik vor allem in rechtsnationalen Kreisen breite Unterstützung. Die Nationalsozialisten nutzten sie ebenfalls für ihre Propaganda.[111]

Hindenburg erwies sich, so Pyta, damals erneut als „Meister des politischen Doppelspiels“. Es gelang Hindenburg nicht nur, die Verantwortung für die Kriegsniederlage und danach für den als schändlich bezeichneten Versailler Friedensvertrag „ausgerechnet jenen politischen Kräften“ anzulasten, „die einen bereits verlorenen Krieg geerbt hatten“, sondern sich auch als „Moderator des Übergangs“ zu profilieren. Die revolutionäre Entwicklung im November 1918 half ihm, seinen Mythos zu bewahren: Hindenburg stellte sich nach dem Krieg „in den Dienst der neuen staatlichen Autoritäten und sorgte für die Überführung des Frontheeres in die Heimat“. An Ludendorff blieb hingegen in der öffentlichen Wahrnehmung eine Mitschuld für die militärische Niederlage haften. Hindenburg aber machte eine große politische Karriere. Er wurde nach dem Tod des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert 1925 in das höchste Staatsamt gewählt, obwohl er nach wie vor die Monarchie als Staatsform favorisierte. Das parlamentarische System schätzte er nicht, äußerte sich des Öfteren sogar verächtlich darüber. Nach zunächst gegenüber der demokratischen Verfassung trotzdem loyaler Amtsführung ging er im Zuge der Weltwirtschaftskrise ab 1930 dazu über, Präsidialkabinette zu etablieren, die von ihm als Staatspräsidenten abhängig waren.[112]

Pyta sieht Hindenburg im Januar 1933 dann durchaus in einer schwierigen Entscheidungslage: Die Wähler hatten die NSDAP wiederholt zur weitaus stärksten Kraft gemacht. Hindenburg habe damals „vor der Wahl [gestanden], entweder im formalen Einklang mit der Verfassung Hitler zum Reichskanzler zu ernennen oder den risikoreicheren Weg zu gehen und die Regierungsgewalt allein auf die Präsidialgewalt auszurichten. Hitler warb geschickt damit, daß nur die Überlassung des Kanzleramtes an ihn es dem Reichspräsidenten möglich machte, einer Konfrontation der Präsidialgewalt mit dem Parlament auszuweichen, ohne im Gegenzug den Parlamentarismus wieder einzuführen. Indem Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannte, legte er ein weiteres und besonders nachdrückliches Zeugnis dafür ab, daß sein Denken nicht staatsfixiert war – denn dann hätte er die Autorität seines Amtes ausgereizt –, sondern um die Einheit der Nation als oberstem Gut kreiste, die nicht mit autoritären Mitteln allein gestiftet werden konnte.“[113]

Damit nährte Pyta die heute in der Forschung und Öffentlichkeit verbreitete These, Hindenburg habe bewusst den „Steigbügelhalter“ Hitlers gegeben.[114] Wenngleich Pytas zentrale These von der „stets“ aktiven Rolle Hindenburgs Kritik fand, so gelten doch frühere Interpretationen, die vorrangig eine Überforderung des hochbetagten Reichspräsidenten bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler ausmachten, heute als wenig stichhaltig.[115] Weitgehender Konsens in der jüngeren Forschung ist, dass Hindenburg sich für die Kooperation mit Hitler und den Nationalsozialisten entschied, um seinen Mythos im Zuge der „nationalen Erhebung“ zu mehren. Er versuchte keineswegs, wie manche Zeitgenossen hofften und einige spätere Interpreten nahe legten, deren Gewaltherrschaft Grenzen zu setzen.[116]

Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges flammte in vielen deutschen Gemeinden die Diskussion über Hindenburg auf. Allerdings gab es in der Debatte um Hindenburg-Ehrungen und deren Rücknahme lange Zeit Unsicherheiten. Vielerorts diskutierte man kontrovers darüber, ob der Bezugspunkt der jeweiligen Ehrung der Weltkriegsgeneral, der „Held von Tannenberg“ oder „der Steigbügelhalter Hitlers“ gewesen sei, bzw. ob dieses einen relevanten Unterschied markiere. Von der früheren, parteiübergreifenden „Helden-Verehrung“ war jedoch kaum etwas übrig geblieben, die kritische Sicht überwog fortan. So kam es nach 1945 zu mehreren Konjunkturen, in denen nach Hindenburg benannte Schulen, Plätze und Straßen umbenannt wurden. Zentrales Argument war meist, dass Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte, was ihn desavouiert habe. Eine erste solche „Diskussions-Welle“ gab es in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, die zweite erfolgte in den 1960er Jahren im Kontext der generell zunehmend kritischen Reflexion der NS-Zeit. Mancherorts kam es dabei aber auch nur zu wiederholten Debatten über eine solche Umbenennung.[117] Dabei weitete sich die Kritik, befördert durch neue Forschungen, aus. Hindenburg ist heute sowohl wegen seiner Rolle bei der Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler 1933 umstritten, als auch wegen seines fragwürdigen Verhaltens als führendes Mitglied der Obersten Heeresleitung im Ersten Weltkrieg und der Herausbildung der sogenannten „Dolchstoßlegende“.[118]

Fußnoten

  • [97] Vorwärts, 02.10.1917, S. 2.
  • [98] Hamburger Echo, 02.10.1917; zu den „Jubelberichten“ u.a. Hamburger Nachrichten, 28.09.1917 und 02.10.1917; Hamburger Fremdenblatt, 02.10.1917.
  • [99] Sitzungsprotokoll der Bürgerschaft, 01.01.1917.
  • [100] Ebd.
  • [101] In: StAHH 111-1_58468.
  • [102] Kölnische Zeitung, 18.09.1917.
  • [103] Günther, Ehrenbürger der Stadt Weimar (wie Anm. 12), S. 120.
  • [104] Sarah Bischoff: Oldenburgs Ehrenbürger: „Die Stadt hat damit ein Zeichen gesetzt, für sich selber und für andere“, in Witkowski, Mareike (Hrsg.): Oldenburger Erinnerungsorte. Vom Schloss bis zur Hölle des Nordens, von Graf Anton Günther bis Horst Janssen, Oldenburg 2012, S. 13.
  • [105] Die Literatur zum Ersten Weltkrieg ist inzwischen kaum mehr überschaubar. Zur Diskussion über aktuelle Darstellungen siehe die Beiträge in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 65 (2014) 5-6.
  • [106] Jesko von Hoegen: Der Hindenburg-Mythos. Genese, Inhalte und Funktionen des Personenkults um Paul von Hindenburg, in: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos und Medien in der Politik, Würzburg 2011., S. 106-124, hier S. 109.
  • [107] Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2009 (Erstveröffentlichung 2007), S. 115-153.
  • [108] Hoegen, Hindenburg-Mythos (wie Anm. 106), S. 107; Anna von der Goltz: Die Macht des Hindenburg-Mythos. Politik, Propaganda und Popularität im Ersten Weltkrieg, in: Vittoria Borsò (Hrsg.): Die Macht des Populären. Politik und populäre Kultur im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2010, S. 31-56.
  • [109] So u.a. Heinrich August Winkler: Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie, München 1993, S. 23.
  • [110] Pyta, Hindenburg (wie Anm. 107), S. 391.
  • [111] Manfred Nebelin: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg, München 2011, S. 278.
  • [112] Insgesamt: Ursula Büttner: Die überforderte Republik 1918-1933. Leistungen und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008.
  • [113] Pyta, Hindenburg (wie Anm. 107), S. 798.
  • [114] Süddeutsche Zeitung, 07.01.2013; ein modifizierter „Steigbügelhalter Hitlers“-Vorwurf wird dem vormaligen Reichskanzler und Vizekanzler im Kabinett Hitlers, Franz von Papen, gemacht. Vgl. Joachim Petzold: Franz von Papen. Ein deutsches Verhängnis, München 1995.
  • [115] Wolfgang Kruse: Rezension zu: Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Berlin 2007, in: H-Soz-u-Kult, 28.01.2008, . Ein Beispiel für die These von der Überforderung Hindenburgs ist Werner Maser: Hindenburg. Eine politische Biographie, Rastatt 1989.
  • [116] U.a. Anna von der Goltz: Hindenburg. Power, Myth and the Rise of the Nazis, Oxford 2009.
  • [117] Thamer, Straßennamen (wie Anm. 1), S. 260-262.
  • [118] Dies spätestens seit der Biografie von Pyta, Hindenburg (wie Anm. 107).