Hamburg geht ein smartes Licht auf Das Projekt MySMARTLife

Die Digitalisierung macht auch vor Quartieren und Städten nicht halt. Um Energie zu sparen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und den Verkehr sauberer und cleverer zu gestalten, kommt man um den Einsatz digitaler Technologie nicht herum. Deswegen ist von „smarten Lösungen“ schon lange zu hören. Und alle großen Städte wetteifern darum, sich den Titel einer „Smart City“ an die Brust heften zu können. Doch die Zukunft muss auch hier erst einmal hart erarbeitet werden. Mit dem Projekt „mySMARTLife“ wird es in Hamburg nun konkret. Der Stadtteil Bergedorf dient dabei in den kommenden Jahren als ein Labor für innovative Lösungen.

Smart vor alter Windmühle

Das Projekt MySMARTLife

Viele Städte, ein Projekt

Horizon 2020 heißt der EU-Technologie- Fördertopf, der „mySMARTLife“ möglich macht (siehe Kasten). Mit dem Geld aus Europa kann Hamburg jetzt eine Reihe innovativer Vorhaben realisieren. Dabei ist „mySMARTLife“ kein rein hanseatisches Projekt, es wurde von Hamburg, der finnischen Hauptstadt Helsinki und der französischen Stadt Nantes gemeinsam entwickelt. Hinzu kommen die sogenannten Follower Städte Varna (Bulgarien), Bydgoszcz (Polen), Rijeka (Kroatien) und Palencia (Spanien). Fünf Jahre lang werden die Partner anhand konkreter Maßnahmen Wege und Strategien aufzeigen, wie sich die Städte den aktuellen Herausforderungen in den Bereichen Energie, Mobilität und Technik stellen können. Wichtig ist dabei auch die Frage, wie Bürgerinnen und Bürger aktiv in Entscheidungsprozesse einbezogen werden können. Während die spanische Technologiestiftung CARTIF das Gesamtprojekt koordiniert, liegt die Leitung des deutschen Projektteils bei der Bezirksverwaltung Bergedorf. Insgesamt erhält „mySMARTLife“ 20 Millionen Euro aus dem EU-Topf. „Auf Hamburg entfallen davon rund 6 Millionen Euro“, sagt Christoph Lindemann vom Bezirksamt Bergedorf. Durch weitere Finanzierungen und Partner aus der Privatwirtschaft stehen für die Hamburger Projekte in den kommenden fünf Jahren insgesamt 18 Millionen Euro zur Verfügung, so der Leiter der Abteilung SMARTCity und Innovation.

Cleverer heizen

Schwerpunkt der „mySMARTLife“-Aktivitäten ist das Bergedorfer Zentrum, wo gerade sowieso viel passiert. In Bergedorf-Süd werden mehrere Altbauten saniert und dabei auch energetisch erneuert. Quasi direkt daneben, entlang des Schleusengrabens, entstehen gerade zirka 1.500 neue Wohneinheiten. Hier nutzt Bergedorf die Gunst der Stunde, um die Infrastruktur und die Gebäude auf den neuesten Stand zu bringen. Die Häuser werden zu „smart Homes“ entwickelt, die ihren Energieverbrauch digital erfassen und so optimale Steuerung, Kontrolle und Ressourceneffizienz ermöglichen. Besondere Bedeutung wird einem Nahwärmenetz zukommen, an das die neuen Gebäude angeschlossen werden. „Wir wollen zum Beispiel die Abwärme nutzen, die auf dem Technologiezentrum EnergieCampus, beim Fraunhofer Institut oder beim neuen Windkraftlabor entsteht“, erläutert Lindemann. Diese Wärme wird in dem Netz zwischengespeichert. Zum Einsatz kommen könnte dabei auch ein sogenannter Eisspeicher. Dahinter verbirgt sich ein Wasserspeicher, der im Sommer Wärme aufnimmt, die im Winter zum Heizen wieder entnommen wird. Dabei kann das Wasser im Speicher so weit abkühlen, dass Eis entsteht – daher der merkwürdige Name. Nicht nur technologisch weit vorne, auch bürgernah soll die Energieversorgung in Bergedorf werden. Deshalb ist unter anderem die Genossenschaft Energienetz Hamburg e.G. mit an Bord. Genossenschaftliche Betriebs- und Wirtschaftlichkeitsmodelle sollen analysiert und umgesetzt werden, als „smarte“ Teilhabe am Energiemarkt.

Sauber unterwegs

Hamburg wächst, und der Zustrom an neuen Bürgerinnen und Bürgern wird voraussichtlich anhalten. Das bedeutet mehr Energieverbrauch, aber auch mehr Verkehr. Zur smarten City Hamburg gehören deshalb unweigerlich neue Lösungen im Nahverkehr. Für Bergedorf bedeutet das zum Beispiel, dass ab 2018 zehn neue E-Busse unterwegs sein werden. Die Ladeinfrastruktur dafür wird beim Nahverkehrsanbieter und Projektpartner VHH gerade eingerichtet. Gemeinsam mit VW bzw. deren Ende 2016 gestartetem Tochterunternehmen Moia sollen in Bergedorf zudem neue Verkehrskonzepte entwickelt werden. „Intermodale Verkehrsplattformen“ werden es Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, einfach und komfortabel zwischen Bahn, Bus, Fahrrad und Elektroautos zu wechseln, so der Plan. Eines der im Wortsinn sichtbarsten Elemente von „mySMARTLife“ werden intelligente Straßenbeleuchtungen sein. Entlang des Radwegs am Schleusengraben werden sie dafür sorgen, dass die Leuchten heller werden, wenn sich ein Radfahrer nähert. In der Bergedorfer City sollen „Humble Lampposts“ installiert werden. Diese neuartigen Straßenlaternen sparen nicht nur Strom, sondern dienen auch als Träger für eine digitale Infrastruktur. Das können Sensoren sein, die Umweltdaten oder Verkehrsströme messen, öffentliche WLAN-Punkte, Info-Bildschirme oder Steckdosen für E-Bikes. Die Laternen könnten aber auch beispielsweise Teil einer Lösung sein, mit der über Smartphone freie Parkplätze gefunden werden.

Bürgerinnen und Bürger werden befragt

Bei so viel Technik ist Skepsis nicht weit. Das vielbeschworene „Internet der Dinge“ sorgt immer wieder auch durch Sicherheitslücken und Hackerangriffe für Schlagzeilen. Und dann ist da der Aspekt der Überwachung, der bei dieser Technologie immer mitgedacht werden kann. „Ich würde mich freuen, wenn Bürgerinnen und Bürger diese kritischen Fragen stellen“, sagt Christoph Lindemann. Das smarte Quartier Bergedorf soll keine technikgläubige Jubelveranstaltung werden. Die Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, an den Prozessen zu partizipieren und auch kritisch zu sein. Ab Mai finden erste Veranstaltungen statt. Sowohl die Hafen City Universität als auch die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) werden die Prozesse begleiten.

EU Förderprogramm Horizon 2020

Das größte jemals von der EU aufgelegte Förderprogramm für Forschung (Laufzeit 2014-2020) ist das Hauptinstrument der Europäischen Union zur Förderung von Wissenschaft, technologischer Entwicklung und Innovation. Insgesamt stellt das Programm rund 80 Mrd. Euro bereit. Neben der Förderung von Spitzenforschung und der Stärkung der industriellen und wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit Europas dient das Programm auch zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen wie Gesundheit, Energieeffizienz, Klimaschutz oder Sicherheit.

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