Symbol

4. März 2016 Ostasiatisches Liebesmahl

Rede des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz. Es gilt das gesprochene Wort.

Ostasiatisches Liebesmahl

Exzellenzen,
sehr geehrter Herr Frey,
sehr geehrter Mr. Lawrence,
sehr geehrte Mitglieder des Konsularischen Korps,
sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages,
sehr geehrte Damen und Herren,

in diesem Jahr war auf unserem größten Kinofestival, der Berlinale, ein philippinischer Film zu sehen, der sehr umfassend vom Widerstand gegen die spanischen Besatzer am Ende des 19. Jahrhunderts erzählt. Das Epos hat eine Länge von 485 Minuten, das sind gut acht Stunden, und war damit der längste Film, der je auf einer Berlinale lief. Und natürlich kam er aus Asien, dem Kontinent der Rekorde: In Asien gibt es die größten Megacities, das höchste Wirtschaftswachstum, die schärfste Chili der Welt (die Bhut Jolokia aus Nordindien), und nun auch noch den längsten Berlinale-Film. Der Film hat dann auch einen Preis gewonnen, nicht für seine Länge allerdings, sondern für seine, wie die Jury urteilte, neuen künstlerischen Perspektiven.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Die Dynamik Asiens besteht nicht nur in Rekorden und einem immer noch beeindruckenden ökonomischen Aufschwung, sie zeigt sich in vielen gesellschaftlichen Facetten, unter anderem auch im Film, in der Musik und in der Kunst. Europäer verbinden Chopin heute mit dem Namen Lang Lang, diskutieren über Flüchtlingspolitik mit Ai Weiwei und interessieren sich für koreanischen Pop. Es gibt eine starke gegenseitige Anziehungskraft zwischen dem modernen Asien und dem modernen Europa, die weit über wirtschaftliche Interessen hinausgeht. Das sollten wir im Blick behalten an diesem Abend, zu dem ich Sie sehr herzlich begrüße: Willkommen im Hamburger Rathaus, willkommen zum 96. Ostasiatischen Liebesmahl.

Meine Damen und Herren,

wie freier Handel die Kultur, die Wissenschaft und andere Bereiche des öffentlichen Lebens beflügelt, lässt sich in Europa wie in Asien beobachten. Für die Hafenstadt Hamburg kann man diese gegenseitige Befruchtung bis in die Zeit der Hanse zurückverfolgen, als deren Koggen über das Kaspische Meer bis nach Persien segelten und die Kaufleute ihren Handel nach Ostasien ausdehnten. Und auch im digitalen Zeitalter bilden Hafenstädte wie Singapur, Jakarta, Bangkok, Hongkong, Shanghai oder Osaka wichtige Knotenpunkte für den Austausch von Waren wie von Kulturgütern.

Kein freier Handel ohne offene Märkte. Deshalb hat die EU eine Reihe von Freihandelsabkommen mit asiatischen Ländern geschlossen, und das ist erst der Anfang. Wenn in Asien neue Wirtschaftsräume entstehen, in denen Zölle gesenkt und Handelshindernisse abgebaut werden, darf Europa nicht außen vor bleiben. Es war ein richtiger Schritt, dass Deutschland im vergangenen Jahr der Asiatischen Entwicklungsbank (AIIB) beigetreten ist. Und auch dass sich asiatische Staaten untereinander zu einer Wirtschaftsgemeinschaft mit einer – bislang noch begrenzten – Arbeitnehmerfreizügigkeit zusammentun, wie auf dem ASEAN-Gipfel im vergangenen November beschlossen, weist in eine erfolgversprechende Richtung.

Asien als Produktionsstandort für Konsumgüter – dieses Bild greift viel zu kurz. Was in Asien geschieht, hat weltweit Auswirkungen auf die Wirtschaft und die politische Stabilität. Das außerordentliche Wachstum in einigen Regionen Asiens und besonders in China hat auch die Konjunktur in Europa gestärkt, und ebenso direkt spüren wir nun seine Normalisierung. Auch politisch können wir in Asien bemerkenswerte Entwicklungen beobachten. So steht zum Beispiel Singapur heute für Stabilität und Fortschritt, was im ersten Jahr seiner Selbstständigkeit kaum jemand für möglich gehalten hätte. In kaum einer anderen Stadt der Welt leben so viele Kulturen friedlich zusammen, was Singapur zu einem beispielhaften Bindeglied macht, das unter anderem gute Beziehungen zu Malaysia und in die islamische Welt unterhält.

Gerade in einer Zeit, in welcher der Fokus in Europa notwendigerweise auf den Flüchtlingen und dem Euro liegt, sollten wir die politisch wie wirtschaftlich aufstrebenden Weltregionen im Blick behalten und die Beziehungen zu den ostasiatischen Ländern weiter vertiefen.

Trotz der Spannungen im Süd- und Ostchinesischen Meer oder im Verhältnis zu Nordkorea verläuft die Entwicklung in Ostasien und Pazifik insgesamt positiv und die diplomatischen Spielräume sind vergleichsweise groß. Die sollten wir nutzen und dabei auch alte Freundschaften wie die zu Japan, einer der größten und technologisch innovativsten Volkswirtschaften der Welt, weiter intensivieren.

Indonesien, das bevölkerungsreichste Land im ASEAN-Verbund, beeindruckt uns mit seiner gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung ebenfalls sehr und wird ein wichtiger Partner sein auf der Suche nach wirtschaftlichen Strategien für die weniger entwickelten Regionen Asiens. Ähnliches gilt für Indien, das sich seit dem Regierungswechsel neu positioniert hat.

Die Bedeutung Asiens nimmt also weiter zu, und das gilt nicht nur für einzelne Länder, die zurzeit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn wir im kommenden Jahr in Hamburg den G20-Gipfel und damit auch die Staats- und Regierungschefs wichtiger asiatischer Staaten zu Gast haben, werden wir den globalen Dialog fortsetzen.

Meine verehrten Damen und Herren,

die international tätigen Unternehmen in Deutschland werden auch in Zukunft gerne die Expertenmeinung des Ostasiatischen Vereins hören. Dieser kann in Hamburg mit dem German Institut for Global and Area Studies und anderen Einrichtungen auf die gesammelte wissenschaftliche Asien-Expertise zurückgreifen. Dass der Ostasiatische Verein nicht nur bei diesem schönen Mahl sein Wissen, seine Erfahrungen und seine Kontakte zugunsten aller teilt, dafür danke ich sehr. Veranstaltungen wie der „Hamburg Summit“, wie die „China Time“, die „India Week“ und das Kirschblütenfest hätten ohne die Kooperation mit Ihnen nicht die Bedeutung, für die sie geschätzt werden.

Ich freue mich, dass wir nun die Gelegenheit haben, von Mister Michael Lawrence, dem Chief Executive des Asia House London, die britische Sicht auf den asiatisch-pazifischen Raum und das Engagement Europas dort kennenzulernen. Und ich bin mir sicher, dass wir auch darüber hinaus mehr Gesprächsstoff haben werden, als in einen Abend passt.

Vielen Dank.

Empfehlungen