Gängeviertel Hamburg Ein Stück vergessene Geschichte

Das Hamburger Gängeviertel, das sowohl Einheimischen als auch Besuchern bekannt ist, befindet sich unweit des Gänsemarkts in der Innenstadt. Doch mit den historischen Gängevierteln hat der heutige Gebäudekomplex nicht sehr viel gemein. 

Gängeviertel Hamburg - Die Slums der Stadt

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Hamburgs historische Gängeviertel 

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Die Hamburger Gängeviertel waren verschiedene Areale in Hamburg, die so dicht bebaut waren, dass in vielen Gängen nicht einmal ein Handwagen durchpasste. An der Hauptstraße stand oft ein großes Fachwerkhaus, von dem man mittels eines Durchganges ("Twiete") in den Hinterhof gelangte. Dort wurden bis 1840 die so genannten Buden errichtet. Sie hatten ein bis zwei kleine Räume im Erdgeschoss und einen Dachboden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war so gut wie jede freie, verfügbare Fläche innerhalb der Stadtmauern bebaut. Der Vorteil der Holzbauten war die einfache Möglichkeit des leichten Aufstockens.

Die Wohnungen waren feucht, hatten Ungeziefer und waren viel zu klein. Bis zu fünf Personen wohnten auf 20 bis 25 Quadratmetern Fläche. Eine Kanalisation war nur ansatzweise vorhanden und konnte wegen der Baufälligkeit vieler Häuser auch nicht nachträglich angelegt werden. So gab es für einen gesamten Häuserblock oft nur ein Plumpsklo in den Hinterhöfen. Aufgrund der sehr hohen Nachfrage waren die Unterkünfte sehr teuer, die Eigentümer kümmerten sich meist jedoch nicht um die Instandhaltung. 

Die Bewohner der Armenviertel


Die Gängeviertel wurden von mittleren und ärmeren Hamburger Arbeiterfamilien bewohnt. Neben Wohnungen gab es auch kleinteiliges Gewerbe. Ein großes Problem innerhalb der eng bewohnten Viertel waren neben Prostitution und einem ausschweifenden Alkoholkonsum der Mangel an kirchlicher und staatlicher Kontrollmöglichkeit. Es entwickelte sich ein Viertel im Viertel.  

Ein Großteil der in den Gängeviertel lebenden Männer arbeitete als Hafenarbeiter. Deren Arbeit war hart: Geringe Löhne, 12-Stunden-Schichten, unbezahlte Arbeitslosigkeit während der Wintermonate und Nachtarbeit waren keine Seltenheit. Die Arbeiter waren auf kurze Arbeitswege angewiesen, denn günstige Verkehrsmittel gab es damals noch nicht – die U-Bahn wurde erst im Jahr 1912 in Betrieb genommen.

Das Gängeviertel in der Altstadt

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Das erste Gängeviertel entstand ab der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts rund um die Hauptkirche St. Jacobi. Durch einen Bevölkerungsanstieg im darauffolgenden Jahrhundert kam es auch zur Bebauung der kleinsten und lichtlosesten Hinterhöfe. Es kam zur Bebauung der Elbinseln Kehrwieder/Brook und Wandrahm – dem Gebiet der späteren Speicherstadt. Der Kehrwieder galt als Arbeiter- und Handwerkerviertel mit teils enger Bebauung im Stil der Gängeviertel.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in der Altstadt ein Massenwohnquartier mit mehrgeschossigen Mehrfamilien-Mietshäusern. Im Jahr 1842 zerstörte der Große Brand einen Großteil des historischen Stadtkerns. Moderne Gebäude wurden auf dem zerstörten Gebiet errichtet, während die Entwicklung des Gängeviertels in der Altstadt auf dem Niveau einer mittelalterlichen Stadt stagnierte.

Das Gängeviertel in der Neustadt


Das Gängeviertel in der Neustadt befand sich rund um die Hauptkirche St. Michaelis. Es entstand erst mit Vergrößerung der Stadt im 17. Jahrhundert und besaß teils systematisch geplante, teils labyrinthische Fahrstraßen. Industrialisierung und Landflucht führen am Ende des 18. Jahrhunderts zu einer erneuten Steigerung der Einwohnerzahl. Die neue Situation war durch Bautätigkeit allein kaum zu bewerkstelligen. Die Menschen mussten noch enger zusammenrücken. Hauptmieter nahmen zusätzlich noch Untermieter auf. Auch wegen der stetigen Mieterhöhungen, die einmal jährlich bezahlt werden mussten.

Der durchschnittliche Jahresmietzins im Zeitraum von 1788 bis 1799 stieg um über 200 Prozent – von 21 auf 64 Mark. Dafür waren hohe Rücklagen erforderlich, die viele der Menschen aufgrund von Gelegenheitsjobs nicht hatten. Das resultierte in häufigem Umziehen innerhalb des Viertels. Die Personen blieben, nicht zuletzt wegen fehlender Alternativen und weil sie an ihren Quartieren, an ihrem Lebensstil, der Nachbarschaft, der Solidarität und auch an der „Unsittlichkeit“ und „Unkontrollierbarkeit“ hingen. 

Abriss der Gängeviertel


Nach einer Choleraepidemie im Jahr 1892 und einem Streik der Hafenarbeiter vier Jahre später wurde entschieden die Gängeviertel abzureißen und zeitgemäße Gebäude mit breiten Straßen zu errichten. Dies geschah in unterschiedlichen Phasen im Zeitraum von 1903 bis 1964. Lediglich das moderne "Gängeviertel" am Valentinskamp, die Krameramtsstuben und der Bäckerbreitergang erinnern heute noch an die frühere hamburgische Häuserbebauung.  

Projekt: "Wir waren das dunkle Herz der Stadt"


Der Hörbuchproduzent, Maler und Filmemacher Andreas Kamers will ein Hamburg in Erinnerung rufen, das nicht mehr existiert. Dafür realisiert er derzeit eine Dokumentation mit dem Namen "Wir waren das dunkle Herz der Stadt". Der Film zeigt am Beispiel einer Familie über drei Generationen und mehrere Jahrzehnte hinweg den Untergang der Hamburger Gängeviertel. Die Hauptfigur ist Walter Wedstedt, Kamers Großvater. Der Film wird im Verlauf des Jahres 2016 seine Premiere erleben, heißt es auf Karmers Homepage. Einen der Trailer können Sie sich bereits jetzt anschauen.

Mehr Infos zum Projekt: "Wir waren das dunkle Herz der Stadt

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