Den Wasserstand habe ich auch heute noch immer im Auge

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Ich wohnte damals auf der Veddel, in der Harburger-Chaussee 35 im  4. Stock. Ab ca. 2 Uhr nachts  sah ich die auf der Straße parkenden Autos, z.T. mit Hup-Signal und Blinklicht (durch Kurzschluss) auf einer Flutwelle treiben.

Veddel Veddeler Brückenstraße/Veddeler Damm

Den Wasserstand habe ich auch heute noch immer im Auge


Das Wasser stand schon in den Parterre-Wohnungen, deren Bewohner sich in den darüber liegenden Wohnungen in Sicherheit gebracht hatten. An den Häuserblock grenzten in totaler Dunkelheit liegende Kleingärten und Bauernhäuser, die Todesschreie der Pferde, Kühe und Schweine werde ich nicht vergessen. Morgens um ca. 7 Uhr, das Wasser stand nur noch 20 cm hoch, bin ich auf die Straße gerannt. Ein Freund, damals mit Gipsbein, bat mich, am Ende des Häuserblocks nach seinen Großeltern zu sehen. Im 2. Wohnblock traf ich einen weiteren Kumpel, der mit mir kam. Am Ende des 3.  Blocks sahen wir die Bescherung: Der Spreehafen-Deich war gebrochen und die angrenzenden Kleingärten standen tief unter Wasser. Gleich in der Nähe lag ein totes Ehepaar auf dem Dach ihres Behelfsheimes. Es stand sofort fest, wir brauchen ein Boot, um noch Lebende von den Dächern zu holen. Wir hatten Glück, durch den Deichbruch sahen wir einen Elbkahn liegen. Dieses angeleinte Rettungsboot mit Stahlrumpf haben wir uns "ausgeliehen" und sind dann losgerudert. Da wir das Gelände gut kannten, sind wir erst die Durchgangswege, die relativ frei von Gerümpel waren, gerudert, die vielen Zäune aus Stacheldraht  waren kein Hindernis.

Nicht weit vom Häuserblock stießen wir auf eine im Wasser treibende Mädchenleiche. Es war A. mit der ich am Vorabend noch in der "Brückenklause" getanzt hatte. Weiter, wir müssen Leben retten. Wir haben dann mehrere Stunden lang viele Familien, z.T. Säuglinge, von den Dächern und aus den Häusern geholt und im Pendelverkehr zum Häuserblock gerudert, gegen die Kälte und den Wind und ohne Verpflegung. Auf der letzten Tour konnten wir meinen ehemaligen Klassenkameraden Klaus S.  mit Familie (5) vom Dach retten. Die Großeltern meines Freundes waren leider tot. Um die vielen Wasserleichen konnten wir uns nicht kümmern. Die mit Gummi-Schlauchbooten ausgestatteten Soldaten mussten wegen der Stacheldrähte abdrehen. Am nächsten Tag habe ich auf Bitten unseres Hausarztes Milch und Kleinkinder-Nahrung "organisiert". Meinen Ruder-Kumpel Peter, genannt „Idel", habe ich leider aus den Augen verloren. Jetzt wohne ich in Grünendeich wieder unmittelbar  am Deich, wegen Hochwasser war das Fluttor hier im Januar geschlossen, aber den Wasserstand habe ich auch heute immer im Auge.


Helmut Hebling, damals 19 Jahre alt und Bankkaufmann-Lehrling – Online veröffentlicht am 31.01.2012

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