Interview „Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert.“

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Nach ihrem ersten Jahr im Amt zieht die Hamburger Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen, Ingrid Körner, eine kämpferische Zwischenbilanz.

„Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert.“

Ingrid Körner im Gespräch


Ihre Antriebsquelle war stets ihre unmittelbare Betroffenheit: Ingrid Körner, ehemalige Studienrätin und Mutter einer Tochter mit Down-Syndrom, musste in den 1980er Jahren lernen, dass Kinder mit Behinderungen in unserer Gesellschaft alles andere als „normal“ aufwuchsen. So nahm Körner den Kampf für mehr Inklusion und Normalisierung auf. Neben einer Reihe anderer Funktionen in nationalen und internationalen Organisationen der Behindertenpolitik ist Ingrid Körner seit Juli 2011 Hamburger Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen. Im Frühjahr gründete sie das „Inklusionsbüro“. Im Interview spricht Körner über Frustrierendes und Inspirierendes im Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zum Thema Behinderung.


Hamburg im Juni 2012

Frau Körner, lassen sich nach genau einem Jahr im Amt schon konkrete Erfolge feiern?

Die Ziele, die ich mir für die Gleichstellung behinderter Menschen in unserer Stadt Hamburg gesetzt habe, sind natürlich viel weit reichender als das, was ich in diesem ersten Jahr erreichen konnte. Da bin ich ganz realistisch und habe keine Traumvorstellungen. Andererseits kann ich durchaus in einigen Bereichen sagen: Da hat sich etwas bewegt. Zum Beispiel haben manche Senatorinnen und Senatoren in Gesprächen mit mir überhaupt erst einmal zur Kenntnis genommen, dass die neue UN-Behindertenrechtskonvention auch eine neue Handlungsgrundlage für die Politik bedeutet. So ist es beispielsweise ein erster Erfolg, dass jetzt in jede Drucksache, die den Senat erreicht, als zu prüfender Punkt „Auswirkungen auf die Inklusion“ von Menschen mit Behinderungen aufgenommen wurde.


Ihre Funktion ist ein Ehrenamt – neben anderen ehrenamtlichen Engagements in internationalen Organisationen der Behindertenhilfe. Woher nehmen Sie Energie und Bestätigung?


Ich habe vor vielen Jahren den Lehrerinnenberuf aufgrund des Umzugs meiner Familie aus dem Bundesland Hamburg aufgeben müssen, es gab da bürokratische Hindernisse. Damals sagte ich mir: Dann werde ich eben ehrenamtlich arbeiten. Und ich merkte schnell, dass es durchaus einfacher sein kann, in Ehrenämtern Einfluss zu nehmen als in einer bezahlten Position. Denn im Ehrenamt bin ich unabhängig und kann mich flexibel und zielgenau an diejenigen wenden, die ich gerade für die richtigen Ansprechpartner halte. Zurzeit wird unter den Behindertenbeauftragten der Länder heftig diskutiert, ob das Ehrenamt oder die bezahlte Anstellung die bessere Variante ist. Aber ich halte dem Ehrenamt ganz fest die Stange, gerade wegen der Unabhängigkeit. Ich möchte nicht Teil einer Hierarchie sein und deshalb ein Blatt vor den Mund nehmen müssen. Außerdem ist es ein Signal an Menschen in der Behindertenhilfe, ihr Anliegen schnell und bedenkenlos an mich herantragen zu können, gerade weil ich nicht „Behörde“ bin.


Der Begriff „behindert“ hat viel mit Normung zu tun und geht oft mit Herabsetzung einher. Unter Jugendlichen gilt er sogar als Schimpfwort. Wie gehen Sie mit diesem schwierigen Begriff um?


Natürlich macht uns die Stigmatisierung, die den Begriff begleitet, große Sorgen. Lange Zeit wurden behinderte Menschen mit einem Negativ-Stempel versehen. Dem gegenüber ist der Ansatz der neuen Behindertenrechtskonvention grundlegend anders: Gleichwertigkeit, gleiche Rechte, Gemeinsamkeit, Inklusion. Der wichtigste Unterschied in der Definition von „behindert“ ist heute: Die Behinderung kommt von außen, sie liegt nicht in dem Menschen selbst. So wie man von einer „Verkehrsbehinderung“ spricht, die den Fahrern von außen zugefügt wird. Menschen sind also nicht behindert, sie werden behindert – durch äußere Lebensumstände. So sind Sehbehinderte vor allem deshalb behindert, weil ihre Umgebung auf die Bedürfnisse Sehender zugeschnitten ist. Es sind feine Bedeutungsnuancen: Wenn von den Betroffenen selbst die Rede ist, müsste man statt von „Menschen mit Behinderung“ besser von „Menschen mit Beeinträchtigung“ sprechen.


Sie sind Mutter einer Tochter mit Down-Syndrom. Haben Sie dadurch den Kampf gegen Klischees und das Bohren dicker Bretter gelernt?


Das ist für mich der Motor schlechthin! Es ging ja mit der Geburt los: Da hieß es, es werde sich für uns als Eltern alles ändern, und dann stellte sich nach und nach heraus, dass sich in unserer Familie nur ganz wenig änderte. Meine Tochter hat vieles gelernt, von dem es vorher hieß, das werde alles nicht gehen. Und wir konnten immer fröhlich mit ihr in den Urlaub fahren. Aber ich bin immer noch wie damals entsetzt über die viel zu negativen Perspektiven, die Kindern mit Down-Syndrom durch so genannte Experten mit auf den Lebensweg gegeben werden. Meiner Tochter wurde vorausgesagt, sie werden vielleicht erst mit fünf Jahren sprechen können, vielleicht aber auch nie. Sie konnte es mit nicht einmal drei Jahren wunderbar. Meine Tochter ist heute 36 und arbeitet als Gastronomiehelferin. Natürlich ist die Bandbreite der möglichen Entwicklungen stark von den individuellen Voraussetzungen und der Förderung abhängig. Meine Tochter würde, wenn ich mich nicht für die Integration engagiert hätte, während ihres gesamten Lebenswegs immer Sondereinrichtungen für sich vorgefunden haben. Die waren für sich genommen alle nicht schlecht, aber mir fehlte dabei der selbstverständliche Umgang mit gleichaltrigen nicht behinderten Menschen.   


Mein nicht behindertes Kind geht auf eine Schule, in der in jeder Klasse bewusst auch so genannte „Integrationskinder“ mit verschiedenen Formen der Behinderung unterrichtet werden. Was lernt es dadurch?


Sehen Sie, allein dieser Begriff „Integrationskinder“! Es macht mich ganz traurig, dass der sich so durchgesetzt hat. Es ist ein falscher Denkansatz, die behinderten Menschen in die Gruppe der nicht behinderten integrieren zu wollen! Alle Kinder dieser Klassen sind Integrationskinder, denn alle gehören von Anfang an zusammen! In solchen Klassen lernen die Kinder ganz schnell den Aspekt der Selbstverständlichkeit: Es ist selbstverständlich, dass jemand langsamer lernt oder eine Gebärdensprache braucht. Das nennen wir Normalisierung, und das sollte an jeder Schule so sein. Früher war es schlicht nicht möglich, dass meine Tochter mit einem nicht behinderten Freund auf dieselbe Schule gehen konnte. Deshalb habe ich mich schon 1982 als eine der Ersten sehr für diese integrative Schulform eingesetzt. Wir wussten damals natürlich noch nicht, ob integrative Schule funktioniert, aber wir setzten sie als Modellversuch durch. Später hat eine wissenschaftliche Studie bestätigt, dass es entgegen der Erwartung vieler überhaupt keine Nachteile für die nicht behinderten Schüler gibt.


In welchen Bereichen des Alltagslebens in einer Metropole wie Hamburg ist die Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Menschen mit Einschränkungen am größten?


Das sind vor allem zwei Bereiche: Wohnen und Arbeiten. Im Wohnbereich gibt es bis heute die Beschwerden und Gerichtsklagen von Nachbarn, weil die schwer- und mehrfach behinderten Menschen aus der Wohngruppe nebenan so abstoßende Geräusche machen, wenn sie im Hof sind. Dabei haben sie nur eine andere Form der Sprache, die sich für unsere Ohren eben wie unartikulierte Laute anhört. Auch wenn diese Klagen heute keine Chance mehr haben und auch wenn es positive Gegenbeispiele gibt, hat sich die Sichtweise bei der Mehrheit nicht geändert: Bitte nicht in meiner Nähe! Das senkt auch den Wert meines Grundstücks!


Und der Bereich des Arbeitens?


Da wird seit endlosen Zeiten nach dem Muster argumentiert: Diese Menschen können doch in betreute Werkstätten gehen, warum sollen wir uns in unserem Betrieb auf sie einstellen? Die Rechtslage ermöglicht den Unternehmen jede Menge Schlupflöcher, keine behinderten Kollegen einstellen zu müssen. Dass durch die bewusste Aufnahme behinderter Menschen als Kollegen das Arbeitsklima besser wird und daraus eine höhere Produktivität entsteht, diese Rechnung wird meist nicht aufgemacht. Gerade  Großunternehmen tun sich mit der Aufnahme behinderter Mitarbeiter enorm schwer, das liegt an der hohen Rationalisierung und Spezialisierung der Konzerne. Damit entfallen viele Nischen für einfachere Tätigkeiten. Allmählich machen zum Glück vor allem kleine und mittlere Betriebe den großen vor, wie es besser geht. Gerade erst haben wir in diesem Jahr den Integrationspreis an einen familiengeführten Getränkeshop vergeben, der zwei behinderte und einen nicht behinderten Angestellten und dazu noch einen behinderten Praktikanten hat. Die Inhaberfamilie ist begeistert und will es nie wieder anders machen – das sind unsere Botschafter für andere Unternehmen!


Seit 1990 gab es beim Senat „Behindertenbeauftragte“, seit 2002 gibt es Ihr Amt. Nun haben Sie dieses Jahr das „Inklusionsbüro“ eingerichtet – bedeutet das nochmals eine Ausweitung der Aktivitäten für behinderte Menschen?


Im Inklusionsbüro hier im Haus arbeiten jetzt drei Mitarbeiter, übrigens bewusst alle nicht behindert. Das ruft oft Erstaunen hervor, aber das ist ja die Botschaft: Es sollen sich doch gerade die nicht beeinträchtigten Menschen dieses Themas annehmen und die neue Denkweise in die Tat umsetzen! Die drei Mitarbeiter wurden aus verschiedenen Behörden rekrutiert und finanziert, für die sie schon zuvor tätig waren. Hier kann ich sie gezielt einsetzen, um die „dicken Bretter“ zu bohren, denn ich allein könnte all das gar nicht leisten. Zusammen werden wir die schon existierenden Initiativen stärken und miteinander vernetzen. Wir werden zum Beispiel im Medizin- und Gesundheitsbereich neue Projekte anstoßen, wo es noch sehr wenig gibt, und auch weiter auf die Arbeitswelt und die Betriebe einwirken, um dort verstärkt Menschen mit Beeinträchtigungen einzubringen. 


Sie haben im Juni eine „Inklusionsparty“ veranstaltet. Wurde Ihnen das Thema in Hamburg bislang zu freudlos behandelt?


Die Idee zu dieser Party wurde vom Behindertenbeauftragten des Bundes, Hubert Hüppe, an mich herangetragen. Er hatte in Hamburg drei erfolgreiche Projekt-Initiatoren für Inklusion ausgezeichnet – die Schlumper mit ihrer Schule, das Zentrum für Disability Studies an der Uni Hamburg sowie die Schulbehörde – und wollte das einfach mit uns feiern. Ich fand auch, Inklusion soll Spaß machen. Beim Feiern treten auch noch einmal ganz andere Qualitäten ganz unterschiedlicher Menschen zutage.



Das Interview führte Oliver Driesen, urbanista.

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