Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Neonazis und NPD demonstrieren gemeinsam gegen die Wehrmachtsausstellung in Hamburg

Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Neonazis und NPD demonstrieren gemeinsam gegen die Wehrmachtsausstellung in Hamburg

Rund 1.200 Rechtsextremisten nahmen am 31.01.2004 unter dem Motto "Reemtsma lügt - Wahrheit siegt!" an einem Protestmarsch gegen die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" teil. Zu der nach Angaben der Veranstalter größten "nationalen" Demonstration in Hamburg seit Kriegsende hatten sowohl norddeutsche Neonazis als auch die NPD aufgerufen.

Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung am 31.01.2004 in Hambug-Winterhude Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung am 31.01.2004 in Hambug-Winterhude

Verantwortlich für die Demonstration zeichneten "Freie Nationalisten" aus dem Umfeld des "Aktionsbüros Norddeutschland". In Flugblättern und im Internet traten die Initiatoren - in Anspielung auf das für die Ausstellung verantwortliche "Hamburger Institut für Sozialforschung" - unter dem Kampagnennamen "Hamburger Institut für Feindaufklärung" auf. An der Mobilisierung beteiligte sich auch die NPD, die in ihrem Parteiorgan "Deutsche Stimme" einen Demonstrationsaufruf veröffentlichte.

Wie bereits bei anderen Anlässen hatten "Freie Nationalisten" im Vorfeld der Veranstaltung entlang der Marschroute, die vom U-Bahnhof Saarlandstraße zum Ausstellungsort in der Kampnagelfabrik in Winterhude führte, Flugblätter verteilt, um die Anwohner über den Protestmarsch zu informieren. Der Aufzug verlief ohne größere Zwischenfälle. Neben verbalen Protesten von Anwohnern wurden nur vereinzelt Eier auf die Demonstrationsteilnehmer geworfen.

Auf den zwei Zwischenkundgebungen in der Jarrestraße sprachen neben dem Versammlungsleiter Thomas WULFF u.a. der stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD, Holger APFEL, und der Hamburger Rechtsanwalt Jürgen RIEGER. Unbekannte Täter hatten wenige Tage zuvor, am 27.01.2004, RIEGERs Auto in Brand gesetzt. Am Tatort waren Flugblätter der "Antifaschistischen Aktion" aufgefunden worden, in denen gegen den "Naziaufmarsch" am 31.01.2004 Stellung genommen wurde.

Hamburg ist die voraussichtlich letzte Station der umstrittenen "Wehrmachtsausstellung", die noch bis zum 28. März hier zu sehen ist. Danach soll sie im Deutschen Historischen Museum in Berlin eingelagert werden. Die erste Version der Ausstellung mit dem Titel "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-44" war zwischen 1995 und 1999 in zahlreichen Städten in Deutschland und Österreich gezeigt worden. Nachdem zahlreiche Fehler und historische Ungenauigkeiten bekannt geworden waren, empfahl eine Historikerkommission, die Ausstellung gründlich zu überarbeiten. 2001 präsentierte das HIS erstmals die neue Ausstellung. Das Institut legt Wert auf die Feststellung, dass die jetzige Ausstellung keine Überarbeitung oder Korrektur der ersten ist, sondern einem neuen Konzept folgt.

Beide Ausstellungen standen von Anfang an in der Kritik und wurden von politisch motivierten Protesten vor allem aus rechtsextremistischen Kreisen begleitet, die in der Art der Darstellung eine pauschale Verunglimpfung der Wehrmacht und ihrer Soldaten sehen. So unterstellt das "Aktionsbüro Norddeutschland" beispielsweise dem HIS eine einseitige Dokumentation, welche die Wehrmacht als "mordende, sengende und plündernde Soldateska" darstellt. Nach Auffassung des Aktionsbüros offenbart sich die Wehrmachtsausstellung "als Bestandteil eines geistig-moralischen Vernichtungsfeldzuges und reiht sich nahtlos ein in die alliierte Umerziehungspolitik, die sich seit 1945 gegen uns Deutsche richtet". Für die neonazistische Szene in Deutschland ist die Wanderausstellung jedoch seit Jahren auch ein willkommener Anlass, thematisch an die NS-Zeit anknüpfen zu können. Mit der Heroisierung der Deutschen Wehrmacht als Bollwerk gegen den Bolschewismus verfolgen Neonazis nicht nur das Ziel, Kriegsverbrechen zu relativieren, sondern das Dritte Reich insgesamt in ein historisch günstigeres Licht zu rücken.

Von den zahlreichen Protestveranstaltungen gegen die erste "Wehrmachtsausstellung" ist besonders die Großdemonstration der NPD am 01.03.1997 in München hervorzuheben, an der über 4.000 Menschen teilnahmen. Sie gilt auch als Wendepunkt in der strategischen Ausrichtung der NPD, die erstmals nicht nur Parteimitglieder, sondern den gesamten "nationalen Widerstand" zur Teilnahme an der von ihr organisierten Veranstaltung aufgerufen hatte.

Die im Vergleich zu den letzten Demonstrationen relativ hohe Teilnehmerzahl am 31.01.2004 ist nicht überraschend und zeichnete sich für die Sicherheitsbehörden auch so ab, denn in Hamburg bietet sich der rechtsextremistischen Szene zum vermutlich letzten Mal die Gelegenheit, gegen die so genannte "Schandausstellung" zu protestieren. Zudem ist die Hamburger Demonstration als eine Art "Generalprobe" für die ebenfalls gemeinsam von NPD und "Freien Nationalisten" geplante Demonstration am 1. Mai 2004 in Berlin zu sehen. Im Zusammenhang mit dem Demonstrationsaufruf für Hamburg informierte die NPD die Leser der "Deutschen Stimme" auch über die gemeinsame Planung der NPD und des "Aktionsbüros Norddeutschland" für den 1. Mai. Die nach dem Ende des Verbotsverfahrens unter starkem Mitgliederschwund leidende NPD scheint zu erkennen, dass sie in der Gefahr steht, ohne die Unterstützung der "Freien Nationalisten" noch weiter an Bedeutung zu verlieren, insbesondere was ihren "Kampf um die Straße" betrifft.

Der vom "Aktionsbüro Norddeutschland" schon seit langem als "Demotourist" titulierte Christian WORCH spielt in diesem neu belebten "Zweckbündnis" keine Rolle. Er hatte bereits im Sommer letzten Jahres für 2004 eine "parteifreie 1. Mai-Demonstration" in Leipzig angemeldet.

Stand: 06.02.2004

Zurück zum Seitenanfang

Themenübersicht auf hamburg.de

Anzeige
Branchenbuch