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Islamismus: Grundbegriffe

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Grundbegriffe


Jahiliya

Wörtlich bedeutet Jahiliya „Unwissenheit“ oder „Ignoranz“. Ursprünglich war dies die muslimische Bezeichnung für die vorislamische arabische Gesellschaft, da sie über den Islam „unwissend“ war. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff von modernen Islamisten in revolutionärer Weise neu interpretiert. Maßgeblich hierfür waren insbesondere Abu al-A´ala Maududi (1903-1979) und Sayyid Qutb (1906-1966). Diese wendeten den Begriff „Jahiliya“ auf die gegenwärtigen islamischen Gesellschaften und Herrscher an und erklärten sie damit gleichermaßen als vom Islam abgefallen. Jahiliya definierte Qutb in seinem Korankommentar „Im Schatten des Koran“ wie folgt:

„Jahiliya zeigt die Herrschaft von Menschen über Menschen bzw. die Untertänigkeit gegenüber Menschen statt gegenüber Gott. Es bedeutet die Ablehnung der Göttlichkeit von Gott und die Schmeichelung von Sterblichen. Jahiliya ist daher nicht nur eine spezielle historische Periode, sondern ein Zustand. Solch ein Zustand menschlicher Angelegenheiten existierte in der Vergangenheit, existiert heute und mag auch in der Zukunft Bestand haben.“

Qutb machte den eigentlich historisch verstandenen Begriff also unabhängig von Zeit und Raum. Für ihn war die gesamte arabische Gesellschaft wieder in einen Zustand wie vor der Zeit Muhammads verfallen und musste dementsprechend erneut „islamisiert“ werden. Dies bedeutete auch, dass die Herrschaft den Menschen genommen und wieder an Gott „zurückgegeben“ werden sollte.


Din wa-Daula

Arabisch, Kurzform für den Ausspruch „al-Islam Din wa Daula“ „Der Islam ist Religion und Staat“.

Nach Auffassung der Islamisten sind die religiöse und politische Sphäre  untrennbar miteinander verbunden. Da der Prophet Muhammad zugleich Mittler der Offenbarung, Staatsmann und Militärführer zur Verteidigung und Verbreitung des islamischen Glaubens war, werden säkulare Gesellschaftskonzepte von Islamisten abgelehnt. Muslimische Reformer lehnen diese Auffassung ab. Der ägyptische Intellektuelle Jamal al-Banna legt beispielsweise eine explizite Antithese zu der Aussage „Der Islam ist Religion und Staat“ vor, welche er unter anderem in dem Buch „Der Islam ist eine Religion und Gemeinde und nicht Religion und Staat“ (al-Islam Din wa umma wa laisa Dinan wa Daula) vorlegt.


Gottesherrschaft

(arab. :hakimiyat allah)

Das Konzept der Hakimiya (wörtlich „Herrschaft“, im islamistischen Sprachgebrauch „Gottesherrschaft“) hängt eng mit dem erläuterten Begriff der Jahiliya zusammen, mit dem zusammen „Hakimiya“ eines der zentralen Elemente islamistischer Ideologie bildet.

Sayyid Qutb (1906-1966) zufolge bezeichnet Jahiliya einen Zustand der Gesellschaft, in dem der Mensch über den Mensch herrscht und die Herrschaft nicht Gott gehört. Um den Zustand der Jahiliya zu beenden, ist es nach Auffassung von Qutb und anderen Islamisten notwendig, allein Gott die höchste und universale gesetzgebende Autorität zukommen zu lassen. Gott habe durch die Offenbarungen des Korans und die Rechtleitung des Propheten Muhammad den Menschen eine vollkommene Rechts- und Lebensordnung an die Hand gegeben. Diese in Form der Scharia vorliegende Lebensordnung zu befolgen sei nicht nur hinsichtlich der Erfüllung der gottesdienstlichen Pflichten, sondern auch im gesellschaftlich politischen Bereich für die Menschen bindend. Gott selbst ist der gesetzgebende Souverän, der Mensch lediglich der „Statthalter Gottes" bzw. „Treuhänder Gottes" (Kalifat).

Islamisten sprechen den Menschen hiermit das Recht auf die Ausübung politischer Herrschaft ab. Die lediglich als seine Statthalter fungierenden Menschen haben ihrer Auffassung zufolge nicht das Recht  gesellschaftliche Ordnungssysteme zu entwerfen und  eigenständig politisch zu handeln. Volksherrschaft sei folglich abzulehnen. Qutb plädiert ferner dafür, die „Gottesherrschaft" unter Anwendung der militanten Variante des Jihad zu realisieren. Die „Gottesherrschaft" bildet darüber hinaus die Grundlage für die Ablehnung der von ihm als „Ursprung korrupter Herrschaft" diffamierten westlichen Ordnungsvorstellungen (Demokratie, Säkularismus, Parteienpluralismus etc.).


Jihad

arab.: Anstrengung im Glauben

Der Kampf für die islamische Sache hatte in der frühen Phase der islamischen Geschichte einen durchaus kriegerischen Charakter, galt es doch, die junge Gemeinde vor äußeren Gegnern zu schützen und den Geltungsbereich der neuen Religion auszuweiten. Im Laufe der Etablierung islamischer Reiche wurde der Begriff dann immer mehr in den Bereich der Ethik verlagert und zu einer friedlichen „Anstrengung im Glauben" umgedeutet. Obgleich die Jihad-Doktrin in der islamischen Geschichte, als Friedensschlüsse mit nichtmuslimischen Herrschern unumgänglich wurden, mehrere Umdeutungen erfahren hat, zeichnet es heutige militante Strömungen aus, dass sie gerade die ursprüngliche kriegerische Bedeutung des Jihad betonen. Muslime, die andere Sichtweisen vertreten und den militanten Jihad ablehnen, werden zu Abtrünnigen erklärt, welche dann wiederum mit dem Jihad bekämpft werden müssten (Takfir-Ideologie). Eine wegweisende Schrift für den militanten Islamismus stellt die Ende der siebziger Jahre erstellte Schrift „al-Jihad - al-Faridha al-Gha`iba“ (Der Jihad - Die absente Pflicht) des damals 27-jährigen Elektroingenieurs Abd al-Salam Fajaj (auch: Farag). Faraj knüpft in seiner Argumentation an Qutb an und erklärt den Jihad gegen abtrünnige Herrscher sowie die Errichtung eines islamischen Staates zu einer religiösen Pflicht.

In den 80er Jahren internationalisierte Abdullah Azzam (1941-1989) den Jihad-Gedanken. Seine zwei einflussreichsten Bücher zu dieser Thematik sind „Die Verteidigung der muslimischen Gebiete ist die oberste Pflicht des einzelnen“ und „Schließ dich der Karawane an“.


Kalifat

Ein Teil der Islamisten, insbesondere die Hizb ut-Tahrir, fordert die Wiedereinsetzung eines Kalifen, der im Einklang mit dem Ideal einer Einheit von Politik und Religion (Din wa Daula) die politische und religiöse Macht gleichermaßen in sich vereint. Ursprünglich war der Kalif (arab. khalifa) der Stellvertreter des Propheten Muhammad, der nach dessen Tode die islamische Weltgemeinde führen sollte. Der letzte Kalif residierte in Istanbul und wurde auf Weisung des türkischen Reformers Kemal Atatürk und unter dem Einfluss der überlegenen westlichen Moderne im Jahre 1924 abgesetzt. Die Behauptung, im Kalifat vereine sich weltliche und geistliche Macht in idealer Weise, kann jedoch einer genaueren Betrachtung nicht standhalten, gab es doch in den weitaus meisten Epochen der islamischen Geschichte eine faktische Trennung zwischen geistlicher Macht (zentrales Kalifat) und weltlicher Macht (regionale Herrscher). Auch die Hoffnung einer weltweiten Einheit aller Muslime unter dem Dach eines Kalifats blieb stets Wunschdenken ohne Bezug zur Realität.


Scharia

„Scharia“ (wörtl.: der gerade Weg zur Quelle) bezeichnet das klassische islamische Recht, wie es sich in den ersten zwei Jahrhunderten nach dem Tod des Propheten Muhammad herausbildete. Es handelt sich nicht um ein kodifiziertes materielles Recht, sondern um eine in verschiedenen Rechtsschulen erarbeitete Methode, die bestehenden islamischen Textquellen im Einzelfall auszulegen (arab. usul al-fiqh). Daneben umfasst die Scharia auch Gewohnheitsrecht (arab. urf bzw. adat). Man kann also nicht von einem einheitlichen Recht sprechen, wie von Apologeten und Gegnern gleichermaßen behauptet wird. Vielmehr hat es im Lauf der islamischen Geschichte widersprüchliche Rechtsauffassungen gegeben, die sich gleichermaßen auf die Scharia beriefen. Die vielfältige Auslegungsmöglichkeit ist zugleich Fluch und Segen. Sie ermöglicht es sowohl liberalen Muslimen als auch Islamisten ihre Positionen Scharia-konform zu begründen. Dies liegt auch darin begründet, dass die primäre Rechtsquelle, nämlich der Koran, tatsächlich nur äußerst wenige Stellen gesetzgebende Aussagen enthält. Bei insgesamt über 6000 Versen enthalten nur etwa 500 Verse gesetzliche Bestimmungen. Davon entfallen circa jeweils 70 Verse auf das Familienrecht und auf zivilrechtliche Bestimmungen. Für das Strafrecht sind nur etwa 30 Verse relevant. Alle weiteren Bestimmungen ergeben sich aus den Überlieferungen zu Muhammads Worten und Taten (arab. hadith pl. ahadith) sowie aus der Konsensfindung (arab. ijma‘) der Gelehrten und schließlich dem Analogieschluss (arab. qiyas).

Die Scharia lässt sich in zwei wesentliche Gebiete unterteilen:

  • Bestimmungen, die das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen regeln. Diese Regeln betreffen zum Beispiel das Gebet oder das Fasten.
  • Bestimmungen, die das Verhältnis zwischen den Menschen regeln.

Bestimmte Rechtsauffassungen einiger Interpretatoren, die sich auf den letzteren Bereich beziehen, sind mit der deutschen Verfassungsordnung nicht in Einklang zu bringen. Dies gilt insbesondere für Körperstrafen (sog. hadd-Strafen), die Ungleichheit zwischen Frau und Mann im Zivil- und Strafrecht sowie die rechtliche Ungleichstellung von Religionen. Anzumerken ist, dass islamische Reformer weltweit durchaus darum bemüht sind, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte mit den in Rede stehenden Teilen der Scharia in Übereinstimmung zu bringen. Hieran zeigt sich erneut, dass die Scharia nicht ein festgeschriebenes Regelwerk darstellt, sondern einem regen Meinungsstreit um die Deutungshoheit unterliegt.


Takfir-Ideologie

Takfir bezeichnet die Exkommunikation, nämlich das "für ungläubig erklären" (arab. takfir) von Muslimen durch andere Muslime. Weiterhin lautet so die Kurzbezeichnung für eine Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, unter anderem auf der Grundlage der von Sayyid Qutbs Schrift „Wegzeichen", von dem ägyptischen Islamisten Shukri Mustafa begründete Strömung des militanten Islamismus, aus der eine heute nicht mehr existente Organisation entstand. Die Takfir-Lehre wurde insbesondere auch durch die als „Takfiri-Troika“ bekannt gewordenen saudi-arabischen Ideologen Nasr Ibn Hammad Ibn Humaid al-Fahd, Ali Ibn Khudair Ibn Fahd al-Khudair und Ahmad al-Khalidi.

In der Diktion der Anhänger der Takfir-Ideologie (auch als Takfiris bezeichnet) sind die derzeitigen muslimischen Staatsoberhäupter Ungläubige bzw. Apostaten (vom Glauben abgefallen), weil sie die Herrschaft Gottes ablehnen (Gottesherrschaft). Aus Sicht der Takfiris hätten die Staatsoberhäupter die Moral der Gesellschaft zerstört, religiöse Institutionen säkularisiert, die Gesellschaft durch nationale Symbole manipuliert und islamische Gelehrte zur Rechtfertigung ihrer blasphemischen Taten benutzt. Der takfir sei daher zur Identifizierung der „Abtrünnigen" notwendig, gegen die somit der Jihad gerechtfertigt sei.

Das religiöse Establishment – d.h. die traditionellen Rechtsgelehrten (arab. ulama’) – wandte und wendet sich bis heute mehrheitlich gegen das Takfir-Konzept; häufig sind sie daher selbst von diesem Phänomen betroffen. Eine Exkommunikation von Muslimen, die sich zu Gott und den fünf Säulen des Islam bekennen, ist nach ihrer Meinung nicht zulässig. Zudem stellt es nach allgemeiner islamischer Auffassung eine besonders schwere Sünde dar, einen Muslim zu einem Ungläubigen zu erklären, wenn dies nicht der Wahrheit entspricht. Daher sei es Sache von Gelehrten, ein so schwerwiegendes Urteil zu fällen. Anhänger der Takfir-Ideologie nehmen jedoch, zumeist ohne religiöse Ausbildung, das Recht, über Glauben und Unglauben zu richten, für sich in Anspruch. Takfir-Gedanken sind insbesondere in Teilen der salafistischen Bewegung verbreitet.


Umma

Arabisch für: Gemeinde der Rechtgläubigen

Ursprünglich die Bezeichnung für die islamische Urgemeinde in Mekka und Medina. Das Idealbild einer Gemeinschaft aller Muslime dient Islamisten seit dem 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart als Gegenentwurf zum Nationalstaatsgedanken und auch als Antithese zu Identitätsmodellen, die auf Rasse oder Ethnie basieren. Die Nation wird als ein unrechtmäßiger Götze, dem sich der Mensch unterordnet, erachtet. Islamisten, wie der Pakistaner Abu al-A´la Maududi, sind zudem der Ansicht, dass Nationen oder auch Begriffe wie „Rasse“ oder „Ethnie“ zu einem falschen Fanatismus (Nationalismus, Rassismus, Chauvinismus etc.) führen und so die Muslime, die als eine gesamte Nation begriffen werden, in Einheiten unterteilen, die der göttlich vorgesehenen Einheit widersprechen. Dieser Gedanke entstand vor dem Hintergrund der kolonialen Durchdringung großer Teile der islamischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert, in deren Zuge Staatsgrenzen von europäischen Mächten willkürlich gezogen wurden, was oftmals zu unnatürlichen Grenzverläufen geführt hat. Die von außen oktroyierten abgegrenzten Staatsterritorien wurden als Maßnahme des Kolonialismus angesehen, um die Muslime zu teilen und so zu beherrschen.


Wahhabiten

Anhänger der Lehre Muhammad Ibn Abd al-Wahhabs (1703-1792).

Puristische Strömung, die sich weitgehend an der hanbalitischen Rechtsschule orientiert. Diese ursprünglich islamische Reformbewegung, die in Zentralarabien (Najd) entstand, dehnte sich seit 1745 durch einen Bund zwischen dem Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, auf dessen Namen sich die Bezeichnung „Wahhabismus“ bezieht, mit dem lokalen Stammesführer, Muhammad Ibn Sa’ud (Mohamed bin Saud), auf der gesamten arabischen Halbinsel aus. Dieses Bündnis bildete die Keimzelle für den heutigen saudischen Staat, in dem die Ideologie der Wahhabiya quasi Staatsdoktrin ist. Die Wahhabiten zeichnen sich durch einen besonderen Puritanismus aus und lehnen neuere Entwicklungen, die ihrer Meinung nach nicht dem Weltbild des Propheten Muhammad entsprochen haben könnten, wie auch Einflüsse des Volksglaubens (zum Beispiel Heiligenverehrung) als „unrechtmäßige Neuerungen" (arab. bid’a) grundsätzlich ab. Ihr Ziel ist die Wiederherstellung der äußeren Lebensbedingungen der islamischen Urgemeinde in der heutigen Welt. Dazu bedienen sie sich eines Spagats, indem sie technischen Fortschritt nutzen (zum Beispiel in der Erdölförderung, Konsumgüterindustrie), Entwicklungen auf gesellschaftlicher Ebene jedoch nur in einem stark begrenzten Maße zulassen und die konsequente Umsetzung des islamischen Rechts wahhabitischer bzw. hanbalitischer Interpretation forcieren (zum Beispiel Zinsverbot, Körperstrafen, gesellschaftliche Stellung der Frau). Gestützt auf hohe Erdöleinnahmen betreiben wahhabitische Kreise seit den 70er Jahren eine weltweite Verbreitung dieser Ideologie unter Muslimen und verdrängen mit diesem spezifisch auf die Lebensverhältnisse der arabischen Halbinsel zugeschnittenen Islamverständnis die gewachsenen Traditionen anderer muslimischer Regionen.

Die Ideologie der Wahhabiya zeichnet sich durch eine deutliche Unterscheidung von Ungläubigen und Gläubigen aus und nahm Einfluss auf zahlreiche Islamisten des 20. Jahrhunderts.


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