„Scharia“ (wörtl.: der gerade Weg zur Quelle) bezeichnet das klassische islamische Recht, wie es sich in den ersten zwei Jahrhunderten nach dem Tod des Propheten Muhammad herausbildete. Es handelt sich nicht um ein kodifiziertes materielles Recht, sondern um eine in verschiedenen Rechtsschulen erarbeitete Methode, die bestehenden islamischen Textquellen im Einzelfall auszulegen (arab. usul al-fiqh). Daneben umfasst die Scharia auch Gewohnheitsrecht (arab. urf bzw. adat). Man kann also nicht von einem einheitlichen Recht sprechen, wie von Apologeten und Gegnern gleichermaßen behauptet wird. Vielmehr hat es im Lauf der islamischen Geschichte widersprüchliche Rechtsauffassungen gegeben, die sich gleichermaßen auf die Scharia beriefen. Die vielfältige Auslegungsmöglichkeit ist zugleich Fluch und Segen. Sie ermöglicht es sowohl liberalen Muslimen als auch Islamisten ihre Positionen Scharia-konform zu begründen. Dies liegt auch darin begründet, dass die primäre Rechtsquelle, nämlich der Koran, tatsächlich nur äußerst wenige Stellen gesetzgebende Aussagen enthält. Bei insgesamt über 6000 Versen enthalten nur etwa 500 Verse gesetzliche Bestimmungen. Davon entfallen circa jeweils 70 Verse auf das Familienrecht und auf zivilrechtliche Bestimmungen. Für das Strafrecht sind nur etwa 30 Verse relevant. Alle weiteren Bestimmungen ergeben sich aus den Überlieferungen zu Muhammads Worten und Taten (arab. hadith pl. ahadith) sowie aus der Konsensfindung (arab. ijma‘) der Gelehrten und schließlich dem Analogieschluss (arab. qiyas).
Die Scharia lässt sich in zwei wesentliche Gebiete unterteilen:
- Bestimmungen, die das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen regeln. Diese Regeln betreffen zum Beispiel das Gebet oder das Fasten.
- Bestimmungen, die das Verhältnis zwischen den Menschen regeln.
Bestimmte Rechtsauffassungen einiger Interpretatoren, die sich auf den letzteren Bereich beziehen, sind mit der deutschen Verfassungsordnung nicht in Einklang zu bringen. Dies gilt insbesondere für Körperstrafen (sog. hadd-Strafen), die Ungleichheit zwischen Frau und Mann im Zivil- und Strafrecht sowie die rechtliche Ungleichstellung von Religionen. Anzumerken ist, dass islamische Reformer weltweit durchaus darum bemüht sind, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte mit den in Rede stehenden Teilen der Scharia in Übereinstimmung zu bringen. Hieran zeigt sich erneut, dass die Scharia nicht ein festgeschriebenes Regelwerk darstellt, sondern einem regen Meinungsstreit um die Deutungshoheit unterliegt.