Neuer Tagungsband „Integration, Ausländerfeindlichkeit und islamistischer Extremismus“

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„Integration, Ausländerfeindlichkeit und islamistischer Extremismus“

Mit dem "Zweiten Sicherheitsdialog – Integration, Ausländerfeindlichkeit und islamistischer Extremismus" haben die Landesintegrationsbeauftragte und der Verfassungsschutz Brandenburg ihre Aufklärungsarbeit fortgesetzt. Die Dokumentation dieser Veranstaltungsreihe finden Sie unten als Download. Sie befasst sich mit den sozialen Lagen von Zuwanderern in Brandenburg. Darüber hinaus werden rechtspopulistische Entwicklungen mit Blick auf Islamfeindlichkeit thematisiert. Ebenso wird islamistisch-extremistischer Salafismus beleuchtet. Gefährlich ist vor allem dessen Werbestrategie, gezielt junge Menschen erreichen zu wollen. In der Broschüre kommen neben der Integrationsbeauftragten und Spezialisten des Verfassungsschutzes auch Wissenschaftler, Vertreter sozialer Einrichtungen und Publizisten zu Wort.

„Salafismus - Glaubensgrundsätze und Erscheinungsformen unter sicherheitsbehördlicher Perspektive“ 

Von Behnam Said, Islamwissenschaftler beim Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) Hamburg

Einleitung

Etwa seit 2010 ist dem Phänomen des Salafismus in Deutschland eine größere öffentliche Aufmerksamkeit zuteil geworden. Ein Grund hierfür lag zunächst in der ab August 2010 zunehmend hitzig geführten Auseinandersetzung um die Gründung einer „Islamschule“ und den Umzug des Vereins „Einladung zum Paradies“ (EZP) von Braunschweig nach Mönchengladbach. Diese Vorgänge wurden nicht von den lokalen Medien, sondern auch von der überregionalen Presse aufgegriffen. (Z.B. Jörg Lau, „Willkommen im Paradies“, in DIE ZEIT am 13.10.2011, Nr. 42.)  Wenn es auch schon vorher vereinzelte Wahrnehmung vom und Berichterstattung über den Salafismus gab, so können die Ereignisse von Mönchengladbach doch als der Zeitpunkt angesehen werden, an dem eine größere Öffentlichkeit auf die Thematik aufmerksam wurde, nicht zuletzt auch deshalb, weil der damalige Innenminister Thomas de Maizière im Oktober 2010 einen vor-Ort-Besuch durchführte. Es ist anzunehmen, dass den Salafisten die mediale und insbesondere (sicherheits-)politische Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit eher unangenehm war, da das Projekt so letztlich verhindert wurde, und die folgenden Maßnahmen gegen EZP die Selbstauflösung des Vereins etwa ein Jahr später zur Folge hatte. Ab 2011 änderten die Salafisten dann aber ihre Strategie und suchten gezielt das Licht der Öffentlichkeit, wie etwa auf einer großen Kundgebung des bekannten Salafistenpredigers Pierre Vogel in Hamburg am 09. August 2011 mit geschätzten 1.200 Teilnehmern. (Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Inneres und Sport, Landesamt für Verfassungsschutz 2011, S. 44.) Doch die weitaus größte Aufmerksamkeit zogen die Salafisten mit einer länderübergreifenden Kampagne unter dem Motto „Lies!“ auf sich, die in der ersten Jahreshälfte 2012 begann und den Zweck hatte, kostenlose deutsche Koranübersetzungen öffentlich zu verteilen. Die Dynamik des öffentlichen Interesses an den Salafisten hatte wohl zur Folge, dass die rechte Splitterpartei Pro-NRW ihre Chance erkannte, mit gezielten Provokationen gewaltbereite Gruppierungen innerhalb des Salafismus aus der Reserve zu locken, um so ein möglichst großes Medienecho für die eigene Partei zu generieren. So kam es dann dazu, dass Pro-NRW im Mai 2012 Wahlkampfveranstaltungen in Sichtweite der gewaltbereiten Salafisten von der Organisation „Millatu-Ibrahim“ (MI) zunächst in Solingen und später in Bonn abhielt, in deren Verlauf jeweils Schmähkarikaturen gegen Muhammad hochgehalten wurden, um so die offenbar erwünschte Gewalt hervorzurufen. (Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen 2012,  S. 10 f. und S. 34 f.) Die Vereinigung MI war erst kurz zuvor, im September 2011, von Mohammed Mahmoud gegründet worden, nachdem dieser aus einem österreichischen Gefängnis entlassen worden war, wo er eine mehrjährige Haftstrafe wegen seiner Verwicklung in die „Globale Islamische Medienfront“, eines Propagandanetzwerkes zur Unterstützung von al-Qaida, verbüßt hatte. Mahmoud scharte in Deutschland aufgrund seines charismatischen und kompromisslosen Auftretens schnell einige Anhänger um sich. Es waren insbesondere Mitglieder der MI, die sich an der ersten politischen Straßengewalt von Salafisten in Deutschland beteiligten. Trotz dessen sprachen viele Berichte recht undifferenziert von „den Salafisten“, die in Solingen und Bonn beteiligt gewesen seien, so dass man den Eindruck gewinnen konnte, es handele sich bei den Salafisten um eine einzige Organisation oder ein homogenes Netzwerk. Der vorliegende Artikel soll daher einen Beitrag dazu leisten, einen differenzierteren Blick auf das Phänomen des Salafismus zu vermitteln. Hierzu wird zunächst der Begriff „Salafismus“ näher erläutert. Anschließend werden einige Glaubensgrundlagen der Salafisten vorgestellt, um dann auf den Salafismus in Deutschland aus Sichtweise des Verfassungsschutzes einzugehen und hiernach die Attraktivität der Bewegung für Jugendliche darzulegen. In einem Ausblick wird schließlich der Frage nachgegangen, wie gefährlich der Salafismus für die Bundesrepublik ist.

Der Begriff des Salafismus

Namensgeber des „Salafismus“ sind die  as-salaf as-salih („Die frommen Vorväter“), zu deren angenommener Religionspraxis Salafisten zurückkehren möchten. Unter den as-salaf as-salih werden zumeist die Generation des islamischen Propheten Muhammad, deren Nachfolger (tabi´un) und die „Nachfolger der Nachfolger“ (tabi´u at-tabi´in) gezählt. Es ist oftmals nicht eindeutig, bis wann die letzte Generation gezählt wird, aber für gewöhnlich wird der Tod des Ahmad Ibn Hanbal (855) als Marke angenommen. (Bernard Haykel 2009, S. 39.)

Es sei angemerkt, dass Salafisten sich selbst oft nicht als solche bezeichnen. Sie sehen in der Namensgebung zumeist den Versuch, sich gegenüber der breiteren muslimischen Gemeinschaft abzugrenzen und sie so von dieser zu isolieren. Daher sprechen sie über sich selbst oft in möglichst allgemeinen und unverfänglichen Begrifflichkeiten, die an akzeptierte muslimische Terminologien anknüpfen. So nennen sich Salafisten oftmals einfach Muslime, (Vgl. hierzu die Ausführungen bei al-Kaschmiri 2002) aber auch Ahl as-Sunna wa-l-Jama´a („Leute bzw. Anhänger der [Propheten-]Tradition und der Gemeinschaft“) oder Ahl as-Salaf („Leute bzw. Anhänger der frommen Vorfahren“). Es gibt aber auch Beispiele, in denen sich Salafisten selbst als Salafi (pl. Salafiyyun; deutsch: Salafisten) bezeichnen. So schrieb der einflussreiche salafistische Gelehrte Nasir ad-Din al-Albani auf Arabisch darüber, dass er „einige unserer salafistischen Brüder“ (ba´du ikhwanina as-salafiyyin) in einem Buch über den Gebetsritus unterrichtet hätte. [al-Albani (ohne Jahr), S. 36] Interessanterweise wird in der deutschen (inoffiziellen) Übersetzung des Buches, welche durch salafistische Kreise erfolgt ist und von diesen per Internet verbreitet wird, lediglich von „unseren Brüdern“ gesprochen, ohne das Adjektiv „salafistisch“ zu erwähnen. [al-Albani (deutsche Übersetzung, ohne Jahr) S. 8] In anderen deutschen Texten aus dem deutschen salafistischen Bereich findet man jedoch den Begriff „Salafi“, wie folgendes Beispiel zeigt:

„Abschließend möchte ich die Salafi Gruppen loben für ihre ununterbrochene Anstrengung, um den Sufismus überall in der Welt bloßzustellen, und für ihre Kritik, gerichtet an das bedauerliche Schweigen von anderen islamischen Parteien und Gruppen.“ (Tabari 1998, S. 51)

An diesem Zitat wird deutlich, dass Salafisten sich sehr wohl als eigenständige Gruppierung wahrnehmen. Das betreffende Buch wurde allerdings 1998 veröffentlicht, zu einer Zeit, in der in Deutschland nur wenige etwas mit dem Begriff „Salafismus“ anfangen konnten und dieser daher auch nicht negativ besetzt war. Seit der öffentlichen Aufmerksamkeit gegenüber dem Phänomen zeigen sich insbesondere deutsche Salafisten jedoch vorsichtiger, da der Begriff des „Salafismus“ mittlerweile als eher rufschädigend wahrgenommen wird.

Bei dem Begriff des „Salafismus“ handelt es sich also gerade in Deutschland zumeist nicht um eine Eigenbezeichnung. Vielmehr handelte es sich dabei ursprünglich um einen analytischen Terminus aus der Wissenschaft zur Beschreibung einer ganz anderen Strömung innerhalb des Islams. Das eingedeutschte Wort „Salafismus“ lässt sich auf das arabische Wort Salafiyya zurückführen, welches in den europäischen Sprachraum durch den französischen Orientalisten Louis Massignon im Jahr 1919 eingeführt wurde. (Henri Lazière 2010, S. 374 und S. 380 f.) Das französische Substantiv Salafisme wurde dann durch Henri Laoust, ebenfalls Orientalist, in einem Artikel aus dem Jahr 1932 eingeführt und anschließend durch Sir Hamilton Gibb im angelsächsischen Sprachraum verbreitet. (Lazière 2010, S. 381) Als Massignon und seine Nachfolger von Salafiyya sprachen, meinten sie keineswegs die Strömung, mit der wir es heute zu tun haben, sondern eine reformorientierte anti-koloniale Denkschule mit Ursprung im späten 19. Jahrhundert, die heute auch als die „klassische Salafiyya“ bezeichnet wird und maßgeblich mit den Namen Jamal ad-Din al-Afghani, Muhammad Abduh und Raschid Rida verbunden ist. Genau wegen dieser klassischen Salafiyya und dem sich daraus ergebenden Wort „Salafismus“ herrscht bis heute zum Teil Verwirrung in den Begrifflichkeiten und den Geistesströmungen, die sie bezeichnen. Die klassische Salafiyya hat mit dem Salafismus recht wenig gemein, wenn es auch bei der späteren klassischen Salafiyya erste ideologische Beeinflussungen durch den Wahhabismus gab. (Hierzu s. z.B. Lazière 2010) Hiermit sind wir bei einem weiteren Begriff angelangt, der im Zusammenhang mit Salafismus gerne gebraucht und zum Teil auch als Synonym verwendet wird. Auch beim „Wahhabismus“ handelt es sich um eine - eher abfällige - Fremdbezeichnung für die Ausprägung des Salafismus im Reich der Familie Saud, dem heutigen Saudi-Arabien. Der Name geht zurück auf Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, der in Verbindung mit dem aus dem Najd (Zentral-Saudi-Arabien) stammenden Muhammad Ibn Saud die Grundlagen für die strenge Ausrichtung des Islams legte wie er heute in Saudi-Arabien dominiert. Joas Wagemakers schlug vor, den Wahhabismus als die Najdi-Ausprägung des Salafismus zu begreifen. (Joas Wagemakers 2012, S. 6) Diese Differenzierung erscheint hilfreich, da so das begriffliche Spannungsverhältnis von Salafismus und  Wahhabismus einigermaßen gelöst zu sein scheint. Dies erklärt auch, weshalb so genannte „Wahhabiten“ und „Salafisten“ sich auf dieselben Gelehrten berufen. Dabei kommen die verschiedenen Strömungen innerhalb des Salafismus jedoch zu recht unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Woran Salafisten glauben und was sie kennzeichnet – einige grundlegende Konzepte des Salafismus

Im Gegensatz zur reformorientierten Salafiyya des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist es nicht das Ziel der Strömung, die wir heute als „Salafisten“ bezeichnen, den Islam einer Revision zu unterziehen, um ihn an die Moderne anzupassen, sondern es ist das Ziel alles „unislamische“ zu tilgen, weil man glaubt, dass nur die Rückkehr zur Praxis des Ur-Islam den Gläubigen vor dem Höllenfeuer retten könne. Nur diejenigen, die die vermeintlichen Vorschriften Gottes und seines Propheten bis ins Detail befolgen, werden von Gott ins Paradies eingelassen, so die Glaubensvorstellung der Salafisten, die sich dabei auf eine Überlieferung Muhammads berufen, der zufolge er prophezeit haben soll, dass seine Gemeinde nach seinem Tod in 73 Gruppen zerfallen wird, und nur eine davon wird die „errettete“ oder „siegreiche“ Gruppe sein (at-ta`ifa al-mansura bzw. at-ta`ifa al-najiya).

Der Salafismus ist von einer extremen Orthopraxie (striktes Befolgen religiöser Vorschriften) gekennzeichnet, die das Leben des Gläubigen in so gut wie allen Lebensbereichen regelt. Einen Großteil ihrer Zeit verwenden Salafisten darauf, Kenntnis über den Vollzug islamischer Riten nach dem Vorbild des Propheten zu erlangen. Dies betrifft beispielsweise das fünfmalige Pflichtgebet, dass nach salafistischer Lesart von Gott nicht erhört wird, wenn es nicht bis ins Detail korrekt ausgeführt wird oder wenn die rituellen Voraussetzungen, etwa die korrekte Waschung vor dem Gebet, nicht gegeben sind. Daher beschäftigen sich Salafisten auch sehr intensiv mit Fragen der rituellen Reinheit, die als Grundbedingung für die Anerkennung vom Gebet und weiteren gottesdienstlichen Handlungen der Menschen angesehen wird. (Hierzu vgl. Richard Gauvain 2013) Das Gebet selbst betreffend haben die Rechtsschulen des Islams unter anderem über die Körperhaltungen während des Gebetszyklus (Stand, Beuge, Sitz und Niederwerfung) unterschiedliche Rechtspositionen entwickelt, etwa bezüglich der Frage, nach der Haltung der Arme, dem Abstand der Füße zueinander oder auch zur Problematik, ob bei der Niederwerfung (sujud) zuerst die Hände oder die Knie den Boden berühren sollten. (Zur Frage welcher Körperteil bei der Niederwerfung den Erstkontakt mit dem Boden herstellen soll, hat der wahhabitisch geprägte Deutsche Neil Bin Radhan eine kurze Abhandlung mit dem Titel „Die korrekte Art der Niederwerfung: Hände oder Knie zuerst?“ verfasst.) Während nicht salafistische Muslime sich hier dem Gebetsritus anschließen, der ihnen durch ihre Familie bzw. durch die Verbreitung einer Rechtsschule in einem bestimmten geographischen Raum beigebracht wurden, hinterfragen Salafisten die Details des Gebets und versuchen erneut zu ergründen, wie der Prophet das Gebet vollzogen hat. Dies wird etwa an dem Buch „Die Eigenschaften des Gebets“ (Sifat Salat an-Nabiy) von al-Albani deutlich, indem er kritisiert, dass den meisten Gläubigen, gerade auch den Gelehrten, die korrekten Details des Gebets nicht bekannt seien, was an dem strikten Festhalten an einer bestimmten Rechtsschule läge. [al-Albani, (ohne Jahr), S. 37] Denn in diesen würden diverse nicht authentische Prophetenüberlieferungen kursieren, worin der Grund für die Fehler im Gebet bestehe. Die Frage der Authentizität von Überlieferungen (hadith pl. ahadith) des Propheten Muhammad ist für Salafisten der entscheidende Punkt. [Dies ist auch der Grund, weswegen auf vielen salafistischen Internetseiten der Zusatz „authentisch“ (z.B. „authentisches Wissen nach Koran und Sunna“) auftaucht.] Ihrer Meinung nach liegt ein essentieller Fehler der Rechtsschulen darin, dass sie einige Überlieferungswerke nie hinsichtlich der Authentizität hinterfragt hätten und dadurch falsche Rechtsmeinungen entstanden seien. Über die Jahrhunderte wurden die Lehrsätze innerhalb der Rechtsschulen dann ohne zu hinterfragen übernommen (taqlid), was zu einem Verlust des reinen Islam geführt habe. Das salafistische Projekt bewegt sich daher außerhalb der etablierten vier sunnitischen Rechtsschulen (Es ist dabei anzumerken, dass sie sich de facto aber weitestgehend an den Hanbaliten orientieren.) und versteht sich als „Erneuerungsbewegung“, wobei diese Bezeichnung irreführend ist, da ja nichts erneuert – im Sinne von „zugefügt“ – wird, sondern die angenommene Ursprünglichkeit wiederhergestellt werden soll.

In diesem Zusammenhang wird der Begriff der „unerlaubten Neuerung“ (bid´a) relevant, mit dem die Salafisten diverse Handlungen und Bräuche im Islam als illegitim, da nachträglich und unerlaubt eingeführt, abwerten. In diesem Zusammenhang beziehen sich die Salafisten auf eine Überlieferung Muhammads, in der dieser sagt:

„Wahrlich, die beste Botschaft ist das Buch Gottes (der Koran) und die beste Führung ist die von Muhammad (die Sunna). Und das schlimmste Übel sind Neuerungen, die nichts mit dem Islam zu tun haben, und jede Neuerung ist eine bid´a und jede bid´a ist ein Irrweg, und jeder Irrweg führt ins Feuer.“

Bid´a werfen Salafisten insbesondere dem Volksislam und dem Sufitum vor. Letzterer sei insbesondere verwerflich, weil er zwischen Gott und seinen „Dienern“ (den Menschen)  andere Menschen – in Form der Ordensvorsteher – zwischenschalte, die vorgeben zwischen dem Gläubigen und Gott vermitteln zu können. Zudem wird beanstandet, dass die Sufis von einem geheimen Wissen ausgehen, welches nur einem exklusiven Personenkreis zugänglich sei, wohingegen die Salafisten annehmen, dass das göttliche Wissen allen Menschen deutlich offenliegt. Dieser Kern der Kritik an den Sufis wird zuweilen mit Verschwörungstheorien angereichert, wie etwa in dem Buch „Die andere Seite des Sufismus“ von A. A. Tabari:

„Die Sufis nutzten den chaotischen Zustand der Geschehnisse während des fünften und sechsten Jahrhunderts aus und luden Menschen ein, ihrem Weg zu folgen. Sie behaupteten, um das Chaos aufzuheben, müsste man mit der Führung der Orden ihrer Scheikhs übereinstimmen.“ (Tabari 1998, S. 8)

Weiterhin:
„Die Freimaurerei ist heute ein wahrscheinlicher Verfechter des Sufismus im Versuch, das von ihnen gefürchtete Erwachen des Interesses am reinen Islam (…) entgegenzuwirken. Die Feinde des Islams haben große Furcht vor den Folgen einer solchen sich ausbreitenden Wiederbelebung, denn diese hat große Auswirkungen auf Muslime in der ganzen Welt und es verkleinert den Einfluss des Sufismus.“ (Tabari 1998, S. 22)

Neben der bid´a richten Salafisten sich explizit gegen die „Beigesellung Gottes“ (shirk). Hiermit ist die Anbetung von all dessen gemeint, was nicht Gott ist. So stellt nach salafistischer Ansicht shirk beispielsweise die im Volksislam und Sufismus verbreitete Praxis der Heiligenverehrung und des Gebetes an Gräbern dar. Der Vorwurf des shirk gegenüber anderen Muslimen ist sehr schwerwiegend, da – je nach Stufe des begangenen shirk – der „Täter“ aus Sicht der Salafisten aus dem Islam ausgeschlossen werden kann. Diese Exkommunikation wird takfir genannt. Es gibt auch innerhalb des Salafismus recht unterschiedliche Ansichten über den takfir. Während die puristischen Salafisten eher vorsichtig mit diesem Begriff umgehen, sind es die radikaleren Anhänger der Strömung, insbesondere die Jihadisten, die diesen Begriff exzessiv anwenden. So weiten sie den Begriff des shirk zuweilen auch auf die Parlamente und die Demokratie aus, da sie hierin eine Verletzung der Hoheit Gottes über die Gesetzgebung sehen. Diese Argumentation legte insbesondere Abu Muhammad al-Maqdisi in seiner Schrift ad-Dimuqratiya Din („Die Demokratie ist eine Religion“) ausführlich dar. Um das Konzept des shirk besser zu verstehen, scheint es sinnvoll zu sein, die positive Antipode hierzu, die „Einheit Gottes“ (tauhid) kurz zu erläutern. Beim tauhid handelt es sich um den Dreh- und Angelpunkt der salafistischen Ideologie. Hiermit ist zunächst gemeint, dass es keinen Gott, außer den Einen gibt, wie es auch im Judentum und Christentum heißt: „Du sollst keinen Gott neben mir haben“. Salafisten haben das Konzept des tauhid jedoch weiter ausgearbeitet und den Begriff in drei Kategorien zerlegt: Tauhid ar-rububiya (Einheit der Herrschaft), tauhid al-asma` wa-s-sifat (Einheit der Namen und Eigenschaften) und tauhid al-´ibada (Einheit der Anbetung). ( Vgl. Burhami 2006, S. 85-158; Philips 2007, S. 17-44) Shirk kann als Gegensatz zu diesen Kategorien verstanden werden. Durch die Einteilung in die genannten Arten des tauhid ist es Salafisten möglich, sehr genau zu bestimmen, gegen welchen Grundsatz der „Einheit Gottes“ die angenommene Beigesellung genau verstoßen hat. Um den potenziell extremistischen Gehalt dieser Lehrmeinungen deutlich zu machen, eignet sich die Kategorie tauhid ar-rububiya (Einheit der Herrschaft) ganz besonders. Hierzu schreibt der ägyptische Salafist Yasin Burhami, dass eine Bedeutung der „Herrschaft“ darin liege, dass Gott alleine das Recht auf Gesetzgebung zukommt und dass demzufolge auch die Demokratie, in der Menschen über Menschen herrschen, abzulehnen sei. (Burhami 2006, S. 85-100, insbes. S. 94-95) Aber tauhid ar-rububiya (Einheit der Herrschaft) muss nicht zwangsläufig extremistisch aufgeladen sein. Es kann sich auch in einer Kritik an anderen Religionen erschöpfen. Bilal Philips schreibt beispielsweise, dass der Verstoß gegen die Einheit der Herrschaft bei Christen etwa darin bestehe, dass „Jesus und der Heilige Geist Gottes Teilhaber in Seiner Herrschaft“ seien sowie „in ihrem [gemeint sind die Christen] Glauben, dass Jesus allein über die Welt richtet und in ihrem Glauben, dass die Christen vom Heiligen Geist geleitet werden und dass er ihnen beisteht.“ (Philips 2007, S. 47)

Al-Maqdisi wiederum nutzt die Begriffe shirk  und tauhid, um eine umstürzlerische politische Ideologie zu begründen, da für ihn die Einführung einer göttlichen Gesetzgebung die Erfüllung des Willens Gottes bzw. umgekehrt, jede weltliche Gesetzgebung einen massiven Verstoß gegen Gott bedeutet. (Zu al-Maqdisi vgl. insbes. Wagemakers 2012)

Da viele salafistische Glaubensinhalte (´aqida) bzw. deren Anwendung (manhaj) geeignet sein können, extremistische und gegen das Grundgesetz gerichtete Ideologien zu unterstützen, aber eben nicht alle Salafisten Extremisten sind, ist es notwendig, eine grobe Unterteilung zwischen den Salafisten vorzunehmen. Quintan Wiktorowicz schlug in seiner Studie „Anatomy of the Salafi Movement“ eine bis heute einflussreiche Kategorisierung in puristische, politische und jihadistische Salafisten vor. (Wiktorowicz 2006) Dieser Einteilung folgt zurzeit auch der Verfassungsschutz, der politische und jihadistische Salafisten unter Beobachtung gestellt hat. (Bundesamt für Verfassungsschutz und Landesbehörden für Verfassungsschutz 2012, S. 8) Dabei ist es jedoch notwendig darauf hinzuweisen, dass Wiktorowicz seine Einteilung unter ausschließlicher Berücksichtigung der saudischen Salafisten und der in Saudi-Arabien herrschenden politischen und gesellschaftlichen Umstände vorgenommen hat. So sind die politischen Salafisten bei Wiktorowicz diejenige Gruppe, die zu Beginn der 1990er Jahre politische Kritik am Königshaus der Familie Saud äußerten. In Deutschland muss „politisch“ daher anders definiert sein und kann auch diejenigen Salafisten umfassen, die der saudischen Monarchie völlig kritiklos gegenüberstehen. Im Rahmen dieses Artikels kann auf diese Problematik nur in dieser oberflächlichen Form hingewiesen werden. Es scheint aber für die kommenden Jahre berechtigt, die Kategorien des deutschen Salafismus einer kritischen Revision zu unterziehen.

Salafismus in Deutschland

Salafismus aus Verfassungsschutzsicht

Nach neuesten Schätzungen der Verfassungsschutzbehörden sind in Deutschland ca. 4.500 Personen den salafistischen Bestrebungen zuzurechnen. (Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen, 18.01.2013, S. 3) Hierbei ist zu beachten, dass dies die Zahl der als extremistisch eingestuften und erfassten Salafisten darstellt. Zum Verhältnis des Salafismus zum Extremismus führte Ralf Jäger (Innenminister NRW) in einem Schreiben an die Landtagspräsidentin und die Mitglieder Innenausschusses wie folgt aus:

„Salafismus (…) ist eine fundamentalistische Strömung, die sich strikt am Vorbild des Propheten Muhammad und seiner Gefährten im 7. Jh. orientiert. Diese Strömung ist in einer radikalen Weise religiös, die sich strikt an den Fundamenten der Religion orientiert, aber nicht von vorne herein extremistisch sein muss.“ (Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen, 18.01.2013, S. 2)

Somit ist es durchaus möglich, dass die Gesamtzahl an Salafisten in Deutschland höher ausfallen könnte, wenn man die nicht extremistischen – und damit vom Verfassungsschutz nicht erfassten – Salafisten sowie die extremistischen Salafisten, die bislang behördlich nicht in Erscheinung getreten sind, mitrechnet. Ein Beispiel für die schwierige Einteilung in extremistisch und nicht extremistisch gibt die folgende Erklärung der Seite Salaf.de, die diversen Onlinepublikationen vorangestellt ist: 

„Salaf.de hat sich selbst verpflichtet, authentisches Wissen über den Islam zu publizieren. Hierbei ist es unumgänglich über gewisse Praktiken eines islamischen Staates mit islamischer Gesetzgebung zu sprechen, die im Widerspruch zur hiesigen Ordnung stehen. Die Darstellung solcher Inhalte ist keinesfalls als Aufruf zur Umsetzung, sondern nur als Aufklärung über die islamische Sichtweise zu verstehen.“ (Voranstellung zum Ebook „Die Zukunft gehört dem Islam“ von al-Islaam.de)

Salafisten vertreten oftmals Positionen, die dem Grundgesetz zuwiderlaufen. Insbesondere Personen und Vereinigungen bzw. Netzwerke aus dem puristischen Spektrum machen jedoch deutlich, dass bestimmte Forderungen – wie etwa physische Bestrafung bei Zuwiderhandlung gegen bestimmte Straftatbestände in der shari´a – nur im Rahmen eines islamischen Staates, der mehrheitlich von Muslimen bewohnt ist, umgesetzt werden sollen, und nicht etwa in Deutschland wie aus dem oben angeführten Zitat hervorgeht. Hier fällt es daher zum Teil schwer, eine exakte Trennlinie zwischen extremistischen und nicht extremistischen Salafisten zu ziehen. Extremismus liegt für den Verfassungsschutz dann vor, wenn es sich bei bestimmten Geisteshaltungen nicht bloß um persönliche Ansichten handelt, sondern wenn eine zielgerichtete Aktivität vorliegt, Ideen und Konzepte gegen die Grundordnung in der Gesellschaft oder der Politik zu verankern. Dann ist von „Bestrebungen“ im Sinne des Auftrages des Verfassungsschutzes die Rede. (Eine ausführliche Erläuterung des Begriffes der „Bestrebung“ im Sinne des Verfassungsschutzes findet sich in Rose-Stahl 2006, S. 47-59)

Gewalt

Die meisten Salafisten gehören der nicht gewaltorientierten Strömung an (im Sprachgebrauch des Verfassungsschutz: politische Salafisten). (Bundesamt für Verfassungsschutz und Landesbehörden für Verfassungsschutz 2012, S. 8) Für Nordrhein-Westfalen, das Land mit den meisten Salafisten in Deutschland, gibt das dortige Innenministerium an, dass „ca. 90% aller Salafisten“ dem politischen Salafismus zuzurechnen sei. (Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen, 18.01.2013, S. 3) Das Verhältnis dieser Strömung zur Gewalt wird in dem Bericht etwas zweideutig dahingehend beschrieben, dass einerseits „Gewalt zur Durchsetzung der eigenen religiös-politischen Vorstellungen für legitim“ gehalten werde, andererseits die politischen Salafisten jedoch „nicht terroristisch ausgerichtet, sondern auf Missionsarbeit („dawa“) fokussiert“ seien. (Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen, 18.01.2013, S. 3) Auch der Bericht „Salafistische Bestrebungen in Deutschland“ des Bundes und der Länder spricht von einem „ambivalenten“ Gewaltverhältnis der Salafisten. (Bundesamt für Verfassungsschutz und Landesbehörden für Verfassungsschutz 2012, S. 8) Diese Ambivalenz lässt sich am Beispiel der eingangs erwähnten Straßenschlachten von Solingen und Bonn und die hierauf erfolgten Reaktionen aus der salafistischen Szene gut illustrieren. Beteiligt an den Ausschreitungen waren jihadistische Salafisten, insbesondere jene von der Vereinigung „Millatu-Ibrahim“ (MI), die ideologisch Abu Muhammad al-Maqdisi folgt. Konsequenterweise zeigte sich der MI-Anführer Mohammed Mahmoud in einem Interview mit der virtuellen Medienproduktionsstelle „Al Risalah“ über die Ereignisse erfreut: „(…) Alles Lob gebührt Allah, dass wir noch leben durften um zu sehen, dass Muslime in Deutschland für den Propheten aufstehen. (…). So danke ich Allah, dass „Millatu Ibrahim“, diejenigen waren, die als erstes für den Propheten aufgestanden sind (…)“. (Al Risalah 2012, S. 6)

Die Verantwortung für die Geschehnisse schob Mahmoud der deutschen Politik und der Polizei zu:

„Auch haben wir klar und deutlich unsere Botschaften an die Regierung und die Polizei geschickt und so versucht, die Eskalation zu vermeiden. Sie haben diese Ausschreitungen zu verantworten“. (Al Risalah 2012, S. 7)

Die Reaktionen aus der nicht-jihadistischen Szene fielen hingegen recht differenziert aus. Pierre Vogel, einflussreicher Anführer der politischen Salafisten, äußerte sich in einer Videobotschaft mit dem Titel „Demo 05.05.2012 in Bonn; Sollen wir uns distanzieren? - Pierre Vogel“ zu den Ereignissen. Hierin distanziert er sich zwar einerseits deutlich von Gewalt, lässt andererseits aber auch bewusst offene Räume für Interpretation. So sei seiner Meinung nach die beste Reaktion auf die Beleidigung des Propheten  „in der Situation, in der wir uns befinden“, indem man „argumentativ antwortet, indem man die Religion verbreitet“. Die Ambivalenz tritt hier dadurch auf, dass er sich zwar einerseits für den friedlichen Dialog ausspricht, diesen aber andererseits von der Situation, in der man sich befinde abhängig macht. Mit dieser „Situation“ ist die Minderheitenposition bzw. das Leben in einem nicht-islamischen Staat gemeint. So führt Vogel aus, dass man „schwach“ sei und nicht Kraft habe, zu „machen was wir wollen bzw. wir können die Regeln nicht praktizieren“. Dies impliziert, dass unter anderen Umständen auch die in der salafistischen Gedankenwelt vorgesehene körperliche Bestrafung bis hin zur Hinrichtung des Delinquenten zu rechtfertigen ist. In Deutschland, so Vogel, sollte man keine Gewalt anwenden, da dies zu weiteren Nachteilen für die Muslime führen würde. Insofern kann man hier nicht von einer grundsätzlich friedlichen Haltung, sondern von strategischen Erwägungen sprechen, wenn es natürlich noch immer einen großen Unterschied macht, ob man zur Gewalt aufruft wie Mahmoud, oder man seine Anhänger dazu auffordert, sich friedlich zu verhalten, wie Vogel es getan hat, und sei es aus Gründen der Strategie. 

Stärker noch als Vogel äußerte der Salafisten-Prediger Hassan Dabbagh in einer Videobotschaft mit dem Titel „Eine Warnung vor dem irreführenden Unheilstifter Abu Usama der »Merkwürdige« (al-Gharib)“ unmissverständlich seine Ablehnung der Ausschreitungen und warnte vor Mahmoud alias Abu Usama al-Gahrib und dessen Anstachelung zu Hass und Gewalt.

Auch innerhalb des Salafismus wird also über die Gewaltfrage diskutiert. Überraschenderweise überwiegen die gewaltkritischen Positionen dabei deutlich, während absolute Zustimmung nur aus dem jihadistischen Lager zu verzeichnen war.

Nicht alle Salafisten sind also gewalttätig oder gewaltorientiert und ebenso ist auch nicht jeder als Jihadist gezählter Salafist ein Gewalttäter oder Terrorist. Wäre dem so, so müssten alle Jihadisten beispielsweise nach den Straftatbeständen 129a (Bildung oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Inland), 129b (Bildung oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland) oder auch 89 (Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat) und 91 (Anleitung zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat) verurteilt werden. Dies geschieht aber nur in wenigen Fällen. Denn Jihadismus entspricht in erster Linie einer Geisteshaltung, die Gewalttaten zwar gutheißt, aber die Einstellung muss dabei nicht zwangsläufig mit tatsächlichen Handlungen einhergehen. Zumeist handelt es sich bei den Jihadisten daher um Personen, die den Gedanken des globalen Jihads im Sinne von al-Qaida und anderen Organisationen teilen. Nehmen Jihadisten konkrete Unterstützungshandlungen für terroristische Organisationen im Ausland vor, so sind diese häufig die Verbreitung von Propagandamaterial, insbesondere im Internet, oder auch das Sammeln und Transferieren von Finanzmitteln. Zudem beabsichtigen viele Jihadisten, sich ins Ausland in eine Konfliktzone, wie Pakistan oder nun auch Syrien, zu begeben, um dort die so genannten „Mujahidin“ (diejenigen die den Jihad führen) zu unterstützen. Diese Gedanken sind in einigen Fällen „Lippenbekenntnisse“, in anderen liegen aber auch konkrete Absichten vor. Nur wenige im Westen beheimatete Jihadisten sind hingegen bereit, Anschläge in westlichen Staaten zu begehen. (Vgl. Hegghammer 2013)

Attraktivität des Salafismus in Deutschland

Die Salafisten in Deutschland sind nur zu einem Teil in offiziellen Vereinen organisiert. Vielmehr zeichnen sie sich durch netzwerkartige Strukturen, die auf Kennverhältnissen beruhen, aus. Diese Netzwerke bestehen aus einem festen Personenkern, während die Ränder von einer Fluktuation der Anhänger gekennzeichnet sind. Gerade im Internet ist feststellbar, dass junge Männer und Frauen, die keiner salafistischen Gruppierung angehören und auch einen eher weltlichen Lebensstil pflegen, Berührungspunkte zur Szene aufweisen. Salafistische Prediger scheinen in einigen Jugendmilieus gewissermaßen en vogue zu sein. Die Frage ist hier natürlich, warum ausgerechnet eine streng konservative, fundamentalistische Glaubensströmung auf Jugendliche anziehend wirkt.

Zum einen hat dies damit zu tun, dass der Salafismus ein transnationales und ethnienübergreifendes Angebot an Jugendliche macht, während traditionelle islamische Verbände in Deutschland zumeist ethnisch gebunden sind. (Ausführlich hierzu und zu Salafisten in Deutschland vgl. Said 2013. Weiterhin s. Dantschke et al. 2011) Islamische Verbände wie DITIB stehen oftmals vor dem Problem, dass sie nicht an die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen in Deutschland anknüpfen können. Oftmals kommen auch sprachliche Barrieren zwischen den Geistlichen, die zumeist in ihrer Heimatsprache predigen, und den mit der deutschen Sprache vertrauten Jugendlichen hinzu. So verstehen in Deutschland sozialisierte junge Menschen die Predigten, die oft noch immer auf türkisch, arabisch, persisch, bosnisch etc. gehalten werden oft nur ansatzweise. Noch stärker betrifft dies natürlich deutschstämmige Konvertiten, die es zum Teil schwierig haben, in einer ethnisch geprägten Moschee eine angemessene Heimat zu finden, während für Salafisten die Nationalität oder Herkunft keine Rolle spielen. Letzter Punkt ist insbesondere für Jugendliche mit Migrationshintergrund relevant, denn diese erfahren die anti-nationale und anti-ethnische Sicht der Salafisten oft als Gegenmodell zu tatsächlich erfahrener oder subjektiv wahrgenommener Diskriminierung.

Die salafistischen Prediger sind mittlerweile häufig selbst in Deutschland groß geworden bzw. es handelt sich um deutschstämmige Personen. Sie sprechen die Sprache der Jugendlichen und kennen deren Lebenswirklichkeit. Mit anderen Worten: sie sind in den Augen der jungen Gläubigen authentisch. Auch sind sie selbstbewusst genug, vermeintlich oder tatsächlich bestehende gesellschaftliche oder auch politische Missstände anzusprechen. So hinterfragen die Prediger des Salafismus das hedonistisch geprägte Leben der Jugendlichen, deren Alkoholkonsum, den Besuch von Diskotheken und den Umgang mit dem anderen Geschlecht. Sie sprechen davon, dass ein solches Leben nur kurzfristigen Genuss im Diesseits aber ewige Bestrafung im Jenseits verheiße. Zum Teil wird auch mit den Folgen für das diesseitige Leben (Vernachlässigung der Familie, Gefängnis etc.) argumentiert. Dem Publikum wird dann in Aussicht gestellt, dass sie ihre bisher begangenen Sünden noch sühnen könnten, indem sie ein vermeintlich gottgefälliges Leben führen. Insbesondere orientierungslose, aber auch sinnsuchende Jugendliche können sich von diesen Inhalten angesprochen fühlen. Die einen suchen Vergebung, die anderen Führung. Gemein ist dabei fast allen, dass sie sich in der Gemeinschaft der Salafisten, die immer wieder ausdrücklich mit Brüderlichkeit und Kameradschaft werben, aufgehoben und geborgen fühlen, was insbesondere Personen anspricht, die aus eher ungeordneten familiären Verhältnissen stammen. So sagte Denis Cuspert alias Abu Talha al-Almani, ein früherer Rapper und heutiges Mitglied von Mohammed Mahmouds jihadistischem Netzwerk, in einer Dokumentation von ZDF-Neo zum Reporter: „Ich möchte, dass du Yusuf wirst [konvertierst], der mit mir zusammen betet, zusammen mit mir isst. Wenn er Probleme hat, kann er mich anrufen. Egal wie viel Uhr, ich komm vorbei. Der zusammen mit mir nach Mekka geht, zusammen [mit mir] Ramadan und Fastenbrechen begeht, ernähren uns gut, kümmern uns um die Familie; lesen, bilden uns, geben den Islam weiter. Das wollen die [Sicherheitsbehörden] nicht, aber das möchte ich.“ (Sprachlich bereinigte Transkription des Originalinterviews mit Denis Cuspert in der Dokumentation „Wild Germany – Islamischer Rap“, 2011)

Anstatt theologisch über die Vorzüge der islamischen Religion zu sprechen, betont Cuspert hier hauptsächlich das gemeinschaftliche Erlebnis. Zusätzlich attraktiv macht die salafistische Gemeinschaft zum Teil auch, dass die Salafisten sehr darauf bedacht sind, ihnen zugehörige Personen bei der Suche nach einem muslimischen Lebenspartner zu unterstützen, um sie so noch stärker an die Gemeinschaft zu binden. Die Partnersuche spielt auch auf salafistischen Internetseiten eine durchaus wichtige Rolle. Es geht also nicht bloß um eine Ausprägung der Religion, sondern um eine jugendliche Subkultur bzw. ein gemeinsam erlebtes Lebensgefühl. Besonders attraktiv macht der salafistische Lifestyle insbesondere auch, dass er Aufmerksamkeit erregt und Reaktionen provoziert. Einige Jugendliche, die man heute in der salafistischen Szene sieht, hätten vor 30 Jahren vermutlich ihre Heimat in der Punkszene oder in einer sonstigen Protestbewegung gefunden. Die Schweizer Konvertitin Nora Illi ist hierfür das beste Beispiel. Früher selbst in der Punkbewegung aktiv, konvertierte sie zum Islam und wandte sich dann der salafistischen Ausrichtung zu. (Katia Murmann, „Hinter dem Schleier“, Schweiz am Sonntag, 25.06.2011, abrufbar unter http://www.sonntagonline.ch/ressort/aktuell/1708/)

Ausblick

Wie gefährlich ist der Salafismus nun? Diese Frage sollte differenziert und vielschichtig beantwortet werden, da im Verlauf des Artikels dargelegt wurde, dass „Salafismus“ an sich nur ein Oberbegriff für verschiedene Strömungen, die sich insbesondere in der Gewaltfrage erheblich voneinander unterscheiden, ist. Sicher ist, dass jede Form des Salafismus in Deutschland die vorherrschenden Werte der Gesellschaft und zum Teil auch ihre Normen herausfordert. Zum Teil geschieht dies als jugendlicher Protest und als Abgrenzungsform in einer Welt, in der Abgrenzung zur Elterngeneration, die oftmals selbst subkulturelle Erfahrung hat und dementsprechende Toleranz gegen viele Formen von Jugendkulturen hat, immer schwerer fällt. In diesem Sinn formulierte auch Roel Meijer die folgenden Sätze:

„Salafis are therefore able to contest the hegemonic power of their opponents: parents, the elite, the state, or dominant cultural and economic values of the global capitalist system as well as the total identification with an alien nation which nation-states in Europe impose“. (Meijer 2009, S. 13)

Diese Ideologie kann neben weniger ideologischem Jugendprotest aber auch, wie bei den Führern des so genannten „politischen Salafismus“, Teil einer bewussten Strategie sein, um langfristige Einstellungs- und Verhaltensänderungen bei jungen Erwachsenen zu erwirken, was wiederum eine Werte- und Normenverschiebung in Teilen der Gesellschaft zur Folge haben kann. Hier lässt sich daher von einem aus der Mehrheitsgesellschaft exkludierenden Charakter des Salafismus sprechen. (Ganz bewusst verzichte ich hier auf das Adjektiv „desintegrativ“, da mit „Integration“ vor allem die Integration von Migranten in die deutsche Mehrheitsgesellschaft gemeint ist. Im Salafismus haben wir es jedoch hauptsächlich mit deutschen Staatsbürgern zu tun, die entweder deutschstämmig sind oder  oftmals bereits in der zweiten oder sogar dritten Generation hier leben. NRWs Innenminister Ralf Jäger spricht von einem 10%igen Anteil deutscher Konvertiten und etwa 50% deutschen Staatsangehörigen mit Migrationshintergrund im Bereich der salafistischen Bestrebungen. Vgl. Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen, 18.01.2013, S. 4)

Unter sicherheitsbehördlichen Aspekten interessiert insbesondere die jihadistische Ausrichtung des Salafismus. Hier ist zwischen „Ausreisewilligen“, also solchen Jihadisten, die nicht Anschläge in Deutschland begehen sondern sich Kämpfern im Ausland anschließen möchten, gewaltorientierten Jugendlichen, die sich für Ausschreitungen wie in Solingen und Bonn mobilisieren lassen und inländisch ausgerichteten Terroristen zu unterscheiden.

Bislang blieb politisch motivierte Straßengewalt die Ausnahme. Es ist aber nicht auszuschließen, dass bei ähnlichen Situationen, entsprechende Ereignisse eintreten können. Vergleicht man jedoch die etwa 200-300 Personen, die sich an den Krawallen von Solingen und Bonn beteiligt haben, mit gewalttätigen Aufmärschen linker oder rechter Extremisten, wo die Zahl der beteiligten Personen je nach Anlass auch im vierstelligen Bereich liegen kann, so ist dies noch ein recht überschaubares Problem. Auch die Gesamtzahl an Salafisten in Deutschland ist vergleichsweise gering, stellt man etwa die Zahl der Muslime in Deutschland (etwa 4 Millionen Menschen) gegenüber. Sorge bereiten sollte aber, dass der Salafismus gerade auch für Personen mit einem Aggressionspotenzial Anreize und vermeintliche Rechtfertigung (z.B. um den Propheten zu „verteidigen“)  bietet, dieses auszuleben. Je nach Veranlagung, Lebenssituation und Kontaktumfeld ist es dann auch durchaus möglich, dass Personen aus der nicht gewaltorientierten Szene schnell in Kontakt mit radikaleren Milieus kommen, wo sie weiter radikalisiert werden. Von den in Jihad-Gebiete ausgereisten Personen geht für Deutschland eine indirekte Bedrohung aus. Es besteht die Gefahr, dass sie ausländischen terroristischen Organisationen Hinweise für die Anschlagsbegehung in Deutschland liefern oder auch, dass sie im Ausland an Waffen und Sprengstoffen ausgebildet werden, und dieses Wissen nutzen, um nach einer Wiedereinreise Anschläge in Deutschland oder Europa durchzuführen. Zudem entziehen sich deutsche Staatsbürger durch eine Ausreise in Jihad-Gebiete dem Zugriff deutscher Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden, um im rechtsfreien Raum zu Gewalt in Deutschland aufzurufen, wie dies insbesondere die der „Islamischen Bewegung Usbekistan“ angehörigen Chouka-Brüder aus Pakistan immer wieder getan haben.  Fakt ist zudem, dass stets Personen in aufgedeckte Attentatspläne in Deutschland verwickelt waren, die in der einen oder anderen Form Kontakte ins jihadistische Milieu hatten. Insofern kann diese Szene als Sympathisantenumfeld gelten, aus dem sich dann auch Attentäter rekrutieren können. Nicht zuletzt der missglückte Anschlag auf den Bonner Hauptbahnhof im Dezember 2012 oder auch der 2013 vereitelte Mordplan gegen Markus Beisicht von der rechtspopulistischen Pro-NRW machen deutlich, dass sich aus dem jihadistischen Bereich weiterhin Gefährdungslagen ergeben werden. Ganz besonders auch dann, wenn vermeintliche „Streiter für die Freiheit“, die Rolle, in der sich Pro-NRW, die Partei „Die Freiheit“ und andere Strukturen des Rechtspopulismus gerne selbst sehen, weiterhin bewusst Provokationen einsetzen, um Reaktionen aus der gewaltbereiten jihadistischen Szene zu erzeugen. Dieses gegenseitige Hochschaukeln fand im Jahr 2012 einen vorläufigen Höhepunkt, doch versuchen die Provokateure auf beiden Seiten weiter, die Aggressionen der Gegenseite zu wecken. Daher muss eine ganzheitliche Prävention diese Problematik im Auge haben und ihr Rechnung tragen.

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Literatur:

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Al-Albani, Nasir ad-Din al-Albani: Das Gebet des Propheten, (Allahs Segen und Friede sei auf ihm) beschrieben vom Anfang (Takbiir) bis zum Ende (Tasliim), als ob du es sehen würdest. Ebook von al-Iman.net (ohne Jahr).

Al-Kaschmiri, Abu Hamad: Wahhabismus enthüllt. Onlinepublikation von Salaf.de, 2002.

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Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen über das Jahr 2012. Pressefassung – Juni 2013. Düsseldorf, 2013.

Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen: 9. Sitzung des Innenausschusses am 10.01.2013. Schriftlicher Bericht zur "Salafisten-/lslamistenszene in NRW" (TOP 9). Düsseldorf: 18.01.2013. Abrufbar unter: http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMV16-560.pdf

Lau, Jörg: „Willkommen im Paradies“, in DIE ZEIT am 13.10.2011, Nr. 42. 

Philips, Bilal: Die Grundprinzipien des Tawhid (Islamischer Monotheismus). Riad: International Islamic Publishing House, 2007.

Rose-Stahl, Monika: Recht der Nachrichtendienste (2., überarbeitete Auflage). Brühl: 2006.

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Sonstige Literaturempfehlungen:

Meijer, Roel (Hrsg.): Global Salafism - Islam’s New Religious Movement. New York: Columbia University Press, 2009

Roy, Olivier): Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung. München: Pantheon, 2006. Schmidt, Wolf: Jung, Deutsch, Taliban. Berlin: Ch. Links 2012.

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