Essay von Behnam T. Said Der "Islamische Staat": Hintergründe zur Entstehungsgeschichte

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Der "Islamische Staat": Hintergründe zur Entstehungsgeschichte

Ein Essay von Behnam T. Said, Islamwissenschaftler im Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg

Einleitung

Wohl alle Kriegsparteien im syrischen und auch im irakischen Konflikt (staatlich oder nicht-staatlich) haben sich in den vergangenen Jahren Verbrechen unterschiedlichen Ausmaßes zu Schulde kommen lassen. Doch für gewöhnlich streiten Verantwortliche diese Verbrechen zumeist ab. Anders bei der Miliz „Islamischer Staat“ (IS): Diese hat nicht nur zahllose Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, sondern dokumentiert und verbreitet sie als Teil einer strategischen Imagekampagne, wie sie ihre Gräueltaten auch rechtfertigt. Denn die Anhänger und Mitglieder des IS wähnen sich im absoluten Recht und sehen sich als die „wahren Gläubigen“, die vermeintlich für das Wort Gottes und dessen Implementierung auf Erden eintreten. Es bewahrheitet sich hier, was der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper bereits 1958 mit den Worten „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle“ beschrieb.

Die Geschichte der Organisation des IS

Die Geschichte des IS beginnt nicht im Irak, sondern im jordanischen Zarqa, der wichtigsten Industriestadt des Landes. Dort wuchs Ahmad Fadhil Nazzal al-Khalayla auf, der später unter dem nom de guerre (Kampfname) Abu Mus´ab al-Zarqawi als Anführer von al-Qaida im Irak (AQI) bekannt werden sollte und dessen Lebensweg nicht wenigen der heutigen IS-Anhänger ähnelt. Al-Zarqawi machte als Teenager nicht durch seine Frömmigkeit, sondern durch seine kriminellen Eskapaden von sich Reden. Erst mit Anfang zwanzig vollzog sich ein radikaler Wandel in der Persönlichkeit des al-Zarqawi, der sich nun immer mehr für die Religion zu interessieren begann. Allerdings lag ihm nichts an deren Geboten zur Barmherzigkeit, sondern sie diente ihm lediglich als neue Legitimation zur Ausübung von Gewalt. Nur wenige Monate nachdem al-Zarqawi „wiedererweckt“ wurde, reiste er 1989 nach Afghanistan, wo gerade der Aufstand gegen die sowjetischen Truppen endete und der Bürgerkrieg im Land begann. Al-Zarqawi knüpfte in Afghanistan Kontakt zu anderen Jihadisten und reiste 1993 nach Jordanien zurück, wo er alsbald aufgrund terroristischer Anschlagspläne verhaftet wurde. Hier vertiefte er sich in ideologische Studien, versuchte, Mitgefangene zu rekrutieren und machte neue Bekanntschaften. 1999 wurde er freigelassen und verließ seine Heimat erneut in Richtung Afghanistan, wo er in Kontakt mit Usama Bin Laden und dessen Organisation „al-Qaida“ kam. Da der Milliardärssohn Bin Laden und der Kleinkriminelle al-Zarqawi grundverschiedene Typen waren, gründete al-Zarqawi ein eigenes Trainingslager im Westen Afghanistans– weit weg von der al-Qaida-Führung. Dieses Lager sollte den Nukleus (Kern) seines späteren Netzwerkes darstellen. Nach dem Fall des Taliban-Regimes Ende 2001 rettete al-Zarqawi sich über Iran nach Nord-Irak, von wo aus er zahlreiche Reisen in die Region, etwa nach Syrien und in den Libanon, unternahm. Von hier aus baute er den Vorläufer der Organisation auf, die 2004 als AQI in Erscheinung trat.

Der Aufstand gegen die US-Invasion im Irak

Die Invasion des Iraks durch die USA im März 2003 hatte den Startschuss zu einer weiteren internationalen jihadistischen Mobilisierung gegeben. Lokale Gruppen führten den Aufstand, ausländische Freiwillige schlossen sich ihnen an. AQI war zunächst eine Gruppe von mehreren. Sie finanzierte sich aus Einzelspenden und aus kriminellen Aktivitäten. Bereits früh übte die al-Qaida-Führung um Bin Laden Kritik an dem brutalen Vorgehen von al-Zarqawis Männern, die insbesondere Schiiten, aber auch sonst jeden, der mit der irakischen Übergangsregierung kooperierte, als legitimes Ziel betrachteten und attackierten. Der Mann, der dies maßgeblich zu verantworten hatte, al-Zarqawi, wurde 2006 bei einem Luftangriff der amerikanischen Luftwaffe getötet. Unter Führung von AQI entstand nun der Dachverband des Mujahidin-Rats, aus dem kurz danach die Gruppe „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) hervorging. Dieser wurde zunächst von Abu Omar al-Baghdadi geleitet, der dann 2010 von Ibrahim Awwad Ibrahim Ali al-Badri alias Abu Bakr al-Baghdadi beerbt wurde. Unter seiner Führung konnte die Organisation ihre, zuvor leicht abgenommene, Stärke wiedererlangen und ausbauen. Dies unter anderem auch, weil die USA ihre Truppen aus dem Irak zurückzogen und die Sicherheitsverantwortung nun bei der irakischen Regierung und deren Sicherheitskräften lag.  

Innerhalb von ISI dienten längst nicht mehr nur überzeugte Jihadisten, sondern auch langgediente Mitarbeiter aus Saddam Hussains Sicherheitsapparat. Sie bauten das Nachrichtendienstwesen der Terrororganisation auf und prägten dessen militärisches Vorgehen.

Der Syrien-Konflikt: ISI erfindet sich neu

Als 2011 der Aufstand eines Teils der syrischen Bevölkerung gegen das Regime von Bashar al-Assad ausbrach, witterte ISI im Nachbarland Irak eine große Chance und entsandte Emissäre nach Syrien. Bereits in den Jahren zuvor hatten die Jihadisten enge Netzwerke zwischen Syrien und Irak geknüpft, die vornehmlich dazu dienten, ausländische Kämpfer über Syrien nach Irak zu schleusen.

Als syrischer Ableger von ISI wurde im Januar 2012 Jabhat al-Nusra („Unterstützungsfront“; JaN) gegründet. Der Anführer der Gruppe Abu Muhammad al-Jaulani machte sich jedoch zunehmend selbstständig von seinem nominellen Befehlshaber Abu Bakr al-Baghadi und orientierte sich stattdessen am Führer von Kern al-Qaida, Aiman al-Zawahiri.  Im April 2013 eskalierte der schwelende Konflikt in diesem Beziehungsdreieck, nachdem Abu Bakr al-Baghdadi öffentlich JaN als Teil des ISI bezeichnet hatte und zudem die territoriale Erweiterung des ISI durch einen Namenszusatz bekannt gegeben hatte: So nannte sich seine Organisation von nun an „Islamischer Staat in Irak und Syrien“ (ISIS). Damit war die Spannung zwischen Mutterorganisation und dem syrischen Ableger in eine offene Konfrontation übergegangen, die dann gegen Ende des Jahres 2014 mit zunehmender Vehemenz ausgetragen wurde. 2014 stellte für ISIS dann das „erfolgreichste“ Jahr seiner Geschichte dar: In Syrien gelang es ISIS die syrischen Rebellengruppen (unter anderem JaN) im Osten und Nordosten zurückzudrängen und auch im Irak – dem Kernland von ISIS – konnte die Organisation bedeutende Gewinne verbuchen. Die Eroberung der Stadt Mosul im Norden Iraks krönte den Feldzug der Jihadisten im Juni 2014. Anschließend rief al-Baghdadi ein „Kalifat“ aus, erklärte sich zum „Kalifen Ibrahim“ und nannte ISIS nun in „Islamischer Staat“ (IS) – ohne territoriale Beschränkung - um. „Kalif Ibrahim“ umriss seine Version des grenzüberschreitenden Kalifats mit den Worten, dass Syrien nicht den Syrern und Irak nicht den Irakern, sondern allen Muslimen gehöre, die zudem nun alle die Pflicht hätten, das „Kalifat“ zu unterstützen. Alle anderen jihadistischen Gruppen, so der Sprecher des IS Abu Muhammad al-Adnani in einer Erklärung, hätten sich dem „Kalifat“ unterzuordnen oder würden ihre Legitimität verlieren.

Ausblick

Bei allem religiösen Wahn ist es auch strategische Berechnung, die das Handeln des IS bestimmt. Dies gilt unter anderem für die mediale Kampagne, die unter anderem dazu dient, feindliche Kräfte zu demoralisieren, aber auch für das militärische Vorgehen. Fanatismus und die enthusiastische Aussicht auf einen radikalen Wandel sind der Treibstoff für die Mobilisierung der ideologischen Anhänger, der den aus Machtkalkül bestehenden Motor am Laufen hält. Das Moment der Macht zieht dann wiederum weitere Unterstützer an, die nicht oder nicht ausschließlich durch revolutionären Eifer getrieben sind, sondern für die weltliche Motive im Vordergrund stehen (zum Beispiel Aussicht auf Beute, Machtausübung und so weiter).

Die IS-Führung möchte ihren Geltungsraum maximal ausdehnen. Zwar musste sie seit Herbst 2014 diverse Gebietsverluste hinnehmen – teilweise lediglich temporär - doch allzu früh wurde dies zuweilen als Wendepunkt im Kampf gegen die Miliz fehlinterpretiert. Denn trotz der Bemühungen der verschiedenen IS-Gegner in Syrien und Irak, hat der IS seine offensive Handlungsfähigkeit immer wieder unter Beweis gestellt, etwa im Mai 2015 mit den Eroberungen von Ramadi im Irak und Palmyra/Tadmur in Syrien.

Experten sind sich weitestgehend einig, dass der IS nicht ausschließlich militärisch zu besiegen sein wird. Denn der IS ist mehr als eine „Terrororganisation“. Der IS ist so stark, weil er eine Mischform aus Bürgerkriegsmiliz, Terrororganisation und Massenbewegung im Sinne des US-amerikanischen Philosophen Eric Hoffer ist. Es sind eben nicht nur die militärischen Fähigkeiten allein, die den IS stark machen. Seine Kraft schöpft er überdies, wie alle Massenbewegungen aus tatsächlich oder auch vermeintlich bestehenden gesellschaftlichen und politischen Missständen, einer radikalen Heilsbotschaft für seine Anhänger kombiniert mit der Aussicht auf spektakulären Wandel und den Glauben an eine neue und bessere Zukunft – so absurd sich dies angesichts der Verbrechen des IS auch anhören mag. „Denn“, wie Eric Hoffer notierte, „es besteht oft eine ungeheuerliche Inkongruenz zwischen den Hoffnungen, wie nobel und zart sie auch sein mögen, und den Taten, die ihnen folgen.“ (Hoffer 2010, Seite 11). 

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