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"Islamischer Staat" (IS) „Er schickt die einfach in den Tod“

„Islamischer Staat“: Fassade und tödliche Wirklichkeit / Die Abrechnung eines jungen Hamburgers, der später im Jihadgebiet umkommt / Verfassungsschutz veröffentlicht Audiodatei

„Er schickt die einfach in den Tod“

vergrößern Junger Hamburger, in der salafistisch-jihadistischen Szene bekannt als Junger Hamburger, in der salafistisch-jihadistischen Szene bekannt als "Bilal" (Bild: LfV) Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) zeichnet in seiner Internetpropaganda das Bild eines gut organisierten Staates, in dem seine Anhänger brüderlich miteinander leben und kämpfen. Europäische Jihadreisende erleben mitunter genau das Gegenteil und lassen für dieses Trugbild oft ihr Leben. Dies belegt unter anderem auch eine Audiodatei, die dem Hamburger Verfassungsschutz vorliegt. Sie ist das letzte Lebenszeichen eines im Jihad-Gebiet ums Leben gekommenen jungen Hamburgers, der mit dem Jihad des IS abrechnet. Als er stirbt, ist er 17 Jahre alt.

Die Unterstützung des bewaffneten Jihad steht bei vielen Salafisten hoch im Kurs. In zahlreichen qualitativ hochwertigen Propagandafilmen zeichnet der  sogenannte „Islamische Staat“ (IS) im Internet das Bild eines vermeintlich heroischen Kampfes im Namen Gottes, der brüderlich von jungen Männern Seite an Seite geführt wird. Mit dieser Medienstrategie zielt der IS auf neue westliche Rekruten ab.

„Kanonenfutter“ für die Front

Die Wirklichkeit im Kriegsgebiet sieht indes anders aus. Der „Islamische Staat“ und seine Unterstützer verschweigen absichtsvoll die Schrecken des Krieges und opfern ausländische Kämpfer als „Kanonenfutter“ an der Front. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden werden deutsche und europäische Jihadisten häufig schlecht behandelt.

Das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz veröffentlicht an dieser Stelle die Abrechnung eines jungen Hamburgers, der sich im Frühjahr 2015 dem IS in Syrien/Nord-Irak angeschlossen hat und im Juli 2015 unter bisher noch unklaren Umständen ums Leben kam – als Warnung an junge Menschen, die mit dem IS sympathisieren oder womöglich über einen Anschluss an die Organisation nachdenken. Aber auch als Information für das Umfeld von möglicherweise sich radikalisierenden jungen Erwachsenen (Familie, Freunde, Bekannte, das berufliche oder schulische Umfeld).

Der in der salafistisch-jihadistischen Szene als „Bilal“ bekannte junge Hamburger stammt aus einem zentralafrikanischen Land und zog als Kleinkind mit seiner Familie nach Deutschland. Er besuchte die Schule in Hamburg und begeisterte sich für Sport (unter anderem Fußball). Mit 14 Jahren kommt es zu ersten Kontakten zur salafistischen und auch zur jihadistischen Szene. In den Jahren danach radikalisiert er sich, unter anderem auch durch den Konsum von IS-Gewaltvideos.

„Bilal“ ist auch an den Koranständen aktiv


vergrößern "LIES"-Kampagne am Hamburger Hauptbahnhof. In der Bildmitte "Bilal" (Bild: LfV) Belegbar ist, dass er sich wie andere Jihadreisende zunächst auch an salafistischen Koranverteilungsständen der sogenannten „LIES“-Kampagne des in Köln lebenden Salafistenpredigers Abou Nagi beteiligt. Bilal findet so weiteren Anschluss an die salafistische Szene, die überwiegend aus sehr jungen Erwachsenen und Jugendlichen besteht, unter denen auch Befürworter des militärischen Jihad sind.

Bilal verfällt dem Trugbild der Internetpropaganda des IS und fasst im Mai 2015, im Alter von 17 Jahren, zusammen mit anderen den Entschluss, sich dem bewaffneten Jihad anzuschließen. Darüber hinaus versprechen ihm seine Hamburger salafistischen "Freunde" eine Frau, ein Haus und ein geregeltes Einkommen in Syrien. Bilal findet allerdings gar nichts von dem vor, was er und andere sich erhofft hatten.

Abrechnung mit dem IS via Audiobotschaft

Seine Eindrücke und Erlebnisse fasst er kurz vor seinem Tod in einer Audiobotschaft zusammen, die er über Internet nach Hamburg an seine Glaubensbrüder schickt, um sie zu warnen. Diese Audioaufzeichnung, die in der Szene weiter verbreitet wurde, liegt auch dem LfV Hamburg vor. Sie räumt auf mit der romantisierenden Vorstellung des Jihad und entlarvt die Propaganda des IS als Lügengebilde.

Bilal schildert in seiner Botschaft seine Ankunft in der syrischen IS-Hochburg Raqqa, wo er zusammen mit anderen Deutschen zunächst in einem Haus untergebracht wird. Er berichtet weiter, dass sie immer wieder nach einem Trainingslager gefragt hätten und man sie aber immer wieder vertröstet habe. Man habe sie permanent angelogen, ein Trainingslager hätten sie zunächst nicht gesehen.

Selbst der Besuch einer Moschee wird verboten

Nach einiger Zeit wären sie in ein anderes Haus gebracht worden, welches sie nicht verlassen durften. Es wäre in der Gruppe der ausländischen IS-Aspiranten zu Streit und auch zu Schlägereien gekommen. Auch für das Gebet habe man die Wohnung nicht verlassen dürfen, selbst der Besuch einer Moschee sei verboten worden. Bilal empfindet das Haus als Gefängnis.

Strom habe es nicht gegeben; auch in diesem Punkt wären ihnen nur leere Versprechungen gemacht worden, man würde sich darum kümmern. Passiert sei nichts. Schließlich sei man für kurze Zeit in einem Trainingslager gewesen und danach nach Mossul im Nordirak gebracht worden. Ihre Mobiltelefone hätte man ihnen weggenommen und nicht – wie versprochen – zurückgegeben. Wieder hätten sie das Haus nicht verlassen dürfen. Wieder sei es wie im Gefängnis gewesen. 

„Ne Pistole nehmen und dir in den Kopf schießen“

Bilal schildert des Weiteren die Bekanntschaft zu Arabern, die von ihrem Amir (Befehlshaber) einfach ohne Plan an die Front geschickt wurden:

„Der Amir, Bruder, […] sagt einfach zu denen: ,Ja, kämpft einfach. Geht einfach nach vorne, stürmt einfach nach vorne.‘  Die fragen ‚Ja – haben wir keinen Plan, haben wir keine Taktik?‘ und so. Er sagt ‚Nein. Kämpft einfach.‘ und so. Er schickt die einfach in den Tod. Das ist so, du kannst gleich ne Pistole nehmen und dir in [den] Kopf schießen. […] Die schicken die Brüder einfach in den Tod.“

Bilal berichtet seinem Bekannten in Hamburg, dass die Befehlshaber die Leute aus Europa zwar zum Kämpfen schicken, sich aber selbst nicht beteiligten. Kampfgefährten, die sich darüber beschweren, seien einfach ins Gefängnis gesteckt worden. Ein Glaubensbruder aus Frankreich habe wieder nach Frankreich zurückkehren wollen. Auch ihn habe man in Haft genommen. Bilal weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Auch den versprochenen Lohn habe man nicht erhalten, alles sei eine Lüge gewesen. An dieser Stelle reißt die Audiobotschaft aus bisher unbekannten Gründen ab.

Bilal stirbt im Juli 2015 eines unbekannten Todes. Ungefähr zeitgleich lässt ein weiterer junger Mann, der mit Bilal ausgereist ist, sein Leben. In Teilen der salafistischen Szene in Hamburg wird erzählt, dass er durch den IS umgebracht worden sei. Ähnliche Mutmaßungen werden nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes auch zu Bilals Tod geäußert.

Den deutschen Sicherheitsbehörden liegen weitere Berichte anderer Rückkehrer vor, die ebenfalls ein völlig anderes Bild über die Realität über das Leben in den IS-besetzten Gebieten zeichnen, als es die Propaganda vorgaukelt. Insbesondere mit der angeblichen Brüderlichkeit ist es nach diesen Erkenntnissen nicht weit her.

Junge Menschen aus Europa werden demnach schlecht ausgebildet und ungenügend ausgerüstet in den sicheren Tod geschickt. Personen, die sich vom IS lösen wollen, müssen dies heimlich tun. Ansonsten laufen sie Gefahr, als Verräter und Abtrünnige erschossen zu werden.

Bilals Audiobotschaft ist eine eindringliche Warnung vor den Machenschaften der verbrecherischen IS-Miliz. Seine Schilderung kann in der anliegenden Datei im Original angehört werden. 

Hintergrundinformation:

In Hamburg werden derzeit 460 Personen der salafistische Szene zugerechnet. Davon sind gut 270 Personen Jihadisten, also solche Salafisten, die den bewaffneten Jihad im Sinne der Ideologie al-Qaidas oder des „Islamischen Staates“ befürworten. Gut 65 Personen haben bisher versucht, in die Bürgerkriegsgebiete in Syrien und Nord-Irak auszureisen. Etwa ein Drittel davon ist zurückgekehrt. Von etwa 15 Personen gibt es Hinweise, dass sie ums Leben gekommen sind. Gegen bislang gut 20 Personen verhängten die Hamburger Sicherheitsbehörden bislang ausreiseverhindernde Maßnahmen.

Informationen und Ansprechpartner:

Informationen an den Verfassungsschutz werden grundsätzlich vertraulich behandelt. Sie erreichen das Hamburger Landesamt unter E-Mail poststelle@verfassungsschutz.hamburg.de.

Per Telefon läuft der Kontakt über die Zentralnummer (040) 24 44 43. Bitte nennen Sie dort Ihr Thema, und Sie werden mit einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter im zuständigen Fachbereich verbunden.

Weitere Ansprechpartner, wenn es um den Umgang um möglicherweise radikalisierte Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte geht, sind:

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
per E-Mail: beratung@bamf.bund.de
per Telefon: Hotline 0911 / 9 43 43 43

Fachstelle für religiös begründetet Radikalisierung Legato - Systematische Ausstiegsberatung
per E-Mail: beratung@legato-hamburg.de
per Telefon: 040 / 38 90 29 52

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