Der Hamburger Verfassungsschutz informiert Scientology-Propaganda in der City

Mit einem Info-Stand will die extremistische Scientology-Organisation (SO), die sich selbst „Kirche“ nennt, am kommenden Sonnabend, 18. Februar 2017, von 11 bis 16 Uhr in der Hamburger Innenstadt für ihre verfassungsfeindliche Ideologie werben. Auf der Mönckebergstraße / Ecke Bergstraße, also direkt vor der Hauptkirche St. Petri, sollen Passanten zur besten Shopping-Zeit Informationen über die vorgebliche „Scientology Religion“ erhalten. Ein weiterer Info-Tisch unter demselben Motto ist für Sonnabend, 4. März 2017, geplant. Neu ist, dass die Organisation, die seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet wird, sich nicht hinter einer Tarnorganisation versteckt, sondern sich offen als Scientology zu erkennen gibt. Der Hamburger Verfassungsschutz informiert: Bei der SO-Ideologie geht es nicht um eine harmlose Glaubensrichtung. Die von der Scientology-Organisation angestrebte Gesellschaftsordnung ist mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar. In einer „scientologischen“ Gesellschaft würden zentrale Grundwerte eingeschränkt oder in Gänze außer Kraft gesetzt.

Scientology-Propaganda in der City

Die von den Verfassungsschutzbehörden festgestellten Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen der SO ergeben sich insbesondere aus den Richtlinien ihres Gründers L. Ron Hubbard (1911-1986). In einer scientologischen Gesellschaft sollen danach nur sogenannte „Clears“, von allen angeblichen geistigen Störungen befreite Menschen, Rechte genießen. Diese Forderung läuft in der von der SO formulierten Absolutheit auf die Abschaffung der Menschenrechte für die übrigen Mitglieder der Gesellschaft hinaus.

Für die neue offene Propagandaoffensive aus der „Org“ vom Domplatz sind mehrere Gründe wahrscheinlich. So strebt die extremistische SO an, gleichberechtigt neben anderen Religionen zu stehen und "anerkannt" zu werden. Der Ort für die beiden Info-Stände, vor St. Petri, ist insofern vermutlich mit Bedacht ausgewählt worden. Zudem kommen der SO, die in Deutschland einen äußerst schlechten Ruf hat, seit Jahren die Mitglieder abhanden, auch in Hamburg. Solche Entwicklungen werden nach Erkenntnissen von Sicherheitsbehörden und Aussteigern in der SO-Zentrale in den USA grundsätzlich mit Missfallen beobachtet – entsprechender Druck auf die Standorte, „Orgs“ genannt, ist die Folge. Daher hofft die Hamburger SO am Sonnabend darauf, in der traditionell belebten Innenstadt mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen und letztendlich neue Unterstützer zu gewinnen.

Hamburg: Scientology-Organisation Personenpotenziale

Dass die SO ganz offen unter ihrem Namen auftritt, hat mutmaßlich auch damit zu tun, dass sich die Tarnung hinter vermeintlich harmlosen Kampagnen und Vereinen wie „Sag Nein zu Drogen – Sag Ja zum Leben“ nicht mehr lohnt. So hat der Verfassungsschutz die Öffentlichkeit beispielsweise im Jahr 2016 regelmäßig über die vermeintliche „Anti-Drogen-Kampagne“ der verfassungsfeindlichen Organisation informiert und die SO demaskiert.

Ob „Religion“ oder „Anti-Drogen“: Es gehört generell zum Instrumentarium von Extremisten, über die Besetzung und Ausnutzung populärer Themen Kontakte in die Mitte der Gesellschaft zu knüpfen. Solche Aktionen werden in der Regel zusätzlich medial vermarktet, vorwiegend im Internet, in sozialen Netzwerken und weiteren Kommunikationskanälen. So hat die SO in den vergangenen Wochen gesellschaftliche Funktionsträger mit identischen Briefen angeschrieben, vorgebliche „Verdienste“ für Hamburg behauptet und eine Sonderausgabe ihres Propagandablattes („Freedom Magazine“) beigefügt – bisher ohne erkennbaren Erfolg.

 Insofern der Rat des Verfassungsschutzes: Wer am Sonnabend durch die Hamburger City schlendert und den SO-Info-Stand entdeckt, sollte weiterschlendern und ihn links linken lassen.


Beratungsangebot

Für Informationen, Beratungen und Ausstiegshilfe im Zusammenhang mit der Scientology-Organisation (SO) wenden Sie sich gern an das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV).
E-Mail: poststelle@verfassungsschutz.hamburg.de
Telefon: 040 244443


Weitere Hintergrund-Information:

Bereits Ende 1995 hatte der Politologe Hans-Gerd Jaschke in einem Gutachten (Hans-Gerd Jaschke: „Scientology - Eine Gefahr für die Demokratie - Eine Aufgabe für den Verfassungsschutz?") die These aufgestellt, Scientology sei eine neue Form des politischen Extremismus. Theorie und Praxis der SO erfüllten, so Hans-Gerd Jaschke, alle Merkmale einer totalitären Organisation: Ideologischer Alleinvertretungsanspruch, rigider Dogmatismus, hermetisch abgeschlossene Organisationsstruktur, Führerkult und totale Unterordnung der Mitglieder, dualistisches Freund-Feind-Bild, kollektivistisches Denken und eine ideologische Fachsprache mit zum Teil neu definierten Begriffen.

Nach einer Klage der SO Deutschland und der SO Berlin gegen die Beobachtung durch den Verfassungsschutz bestätigte das Verwaltungsgericht Köln im November 2004 die Rechtmäßigkeit der Beobachtung. Auch mit einem zweiten Versuch scheiterten die Kläger im Februar 2008 vor dem Oberverwaltungsgericht Münster in einer Berufungsverhandlung. Das Gericht wies die Klage zurück und ließ keine Revision zu. In der Urteilsverkündung hieß es, Scientology strebe eine Gesellschaftsordnung an, mit der „zentrale Verfassungswerte wie die Menschenwürde und das Recht auf Gleichbehandlung außer Kraft gesetzt oder eingeschränkt" würden.


Für Rückfragen der Medien:

Landesamt für Verfassungsschutz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Marco Haase
Tel.: 040 – 42839-7007 oder -7567
E-Mail: info@verfassungsschutz.hamburg.de
Internet: www.hamburg.de/verfassungsschutz

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