Einleitung Die Bedeutung religiöser Feiertage am Beispiel des Christentums

Die folgenden einleitenden Sätze geben wichtige generelle Überlegungen für die Bedeutung von Feiertagen aus Sicht des Christentums an.

Hände von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe

Die Bedeutung religiöser Feiertage am Beispiel des Christentums

Die religiösen Feste- gegen die Zerstörung der Zeit

In der gegenwärtigen Moderne sind die christlichen Feste im Rahmen des „Kirchenjahres“ „spätmodernen Entwicklungen ausgesetzt, in denen Zeitordnungen zusehends individualisiert werden und sich Zeitmuster pluralisieren.“[1] Der Traum von der „Freizeitgesellschaft“, der in den sechziger Jahren angesichts technologischer Fortschritte up to date war, hat sich nicht realisiert: Auf der einen Seite stehen Menschen, die einen Arbeitsplatz haben und die immer weniger freie Zeit haben. Und auf der anderen Seite stehen in Europa und weltweit immer mehr Menschen, die eines im Überfluss haben: Zeit – aber dennoch keine Freiheit, sie zu gestalten.

Im Zeiterleben kann man drei Zeiten unterscheiden: die linear fortschreitende Zeit, die das alltägliche Zeiterleben beherrscht (Aufstehen; Zähneputzen und Frühstücken; zur Arbeit oder zur Schule gehen; den Haushalt versorgen usw.); die zyklisch wiederkehrende Zeit des Festes (z.B. die großen Feste des Kirchenjahres, aber auch individuell und lebensweltlich gebundene Zeiten wie Geburtstag oder Hochzeitstag); und die Zeit des Augenblicks (die wiederum ganz unterschiedlich gefüllt sein kann: sich verlieben; in einen Unfall verwickelt werden; ein Kind gebären).

Die Typen des Zeiterlebens entstehen historisch zu besonderen Zeiten (die heute alltäglich dominierende lineare Zeit in Europa z.B. in der frühen Neuzeit mit den ersten städtischen Schlaguhren)[2], sie stehen miteinander in Verbindung (so gehen die zyklisch wiederkehrenden Feste in der Regel auf eine besonders intensive Augenblicks-Zeiterfahrung zurück), und sie liegen miteinander in Konflikt (so verdrängt die ökonomisch dominierende lineare, immer stärker intensivierte und selber bewirtschaftete lineare Zeiterfahrung oft das Erleben des gefüllten Augenblicks; und Interessen an ununterbrochen laufenden Maschinen und Geschäften kollidieren mit der zyklischen Zeit der Feste – man denke beispielsweise an den Konflikt um den Buß- und Bettag). Aber auch in der aktuellen Moderne ist die Totalisierung abstrakt-linearer Zeit nur Schein. Körpergebundene Erfahrungen wie der Wach- und Schlafrhythmus, aber auch familiäre, gesellschaftliche und kirchliche Feste kehren zyklisch wieder. Und Prozesse, in denen Leben hervorgebracht, bewahrt und wiederhergestellt wird, folgen weiterhin einer nicht abstrakten, sondern an konkreten Lebensprozessen orientierten figuralen Zeitlogik. Kinder füttern, wickeln und trösten, Kranksein, Sich-Verlieben, Sich-Erholen, Trauern: all dies hat seine Zeit, ist erst zu Ende, wenn es vollständig ist. Alles Messen oder sogar Beschleunigen würde zerstörerisch wirken.

Die ausdrücklich religiösen Feste sind in diese drei Zeiten eingebunden, und die Lebendigkeit religiösen Lebens hängt zuinnerst davon ab, dass die lineare Zeit die Zeit des Augenblicks und die zyklische Zeit nicht immer mehr verdrängt. Dies gilt für alle religiösen Feste und so auch für die christlichen. „Das Kirchenjahr bildet einen deutlich wahrnehmbaren Rhythmus des Lebens im Jahreskreis, in dem Menschen Zeitbewusstsein ausbilden. Die Gegenwart tendiert dazu, Zeit durchgängig ökonomisch und numerisch zu bemessen … Gelebte Zeit ist demgegenüber immer mehr als nur formal strukturierte Zeit … Zeiten des Jahres gewinnen einen besonderen Charakter, Übergänge werden begangen, unterschiedliche Lebensenergien werden in verschiedenen Zeiten angeregt.“[3]

Zeit ist in der Bibel, im Alten und Neuen Testament ein zentrales Thema. „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst“ – dieses Gebot aus den „zehn Geboten“ wird in der hebräischen Bibel gleich doppelt motiviert: mit der Ruhe Gottes am siebten Schöpfungstag (2.Mose 20,11) und mit der Befreiung des Gottesvolkes aus Fronarbeit in Ägypten (5. Mose 5,14f.).

Jedes Fest hat seine besonderen Themen und Ambivalenzen. Weihnachten beispielsweise ist Fest des Lichtes und des Friedens, aber auch einer tiefen Ambivalenz des Lebens: Die Freude über die Geburt dieses einen Kindes ist überschattet vom Erschrecken über die erschlagenen Kinder Bethlehems (Matthäus 2,16-18). Die Geburt dieses „eingeborenen Sohnes“ verweist auf die heilsame Unterscheidung zwischen Gott und Mensch: Gott ist der Schöpfer allen Lebens, er gibt das Gebot, das für das Leben Orientierung eröffnet, ihm allein gebührt Dank und Anbetung, sein Segen gibt Lebenskraft für alles Lebendige. Die großen Feste des Kirchenjahres sind Zeit zum Verpusten und müssen gegen ökonomisch interessierte Verdrängung bewahrt werden. Sie geben den zentralen Geheimnissen des Lebens eine Gestalt.

Die Feste des Kirchenjahres werden heute von den meisten Christenmenschen nicht alle und nicht alle in derselben Intensität gefeiert. Für viele ermöglichen sie dennoch, so etwas wie zeitliche Beheimatung zu finden.[4] In den großen christlichen Festen kommt das Gegenüber von Alltagszeit und Festzeit in der zyklischen Zeitstruktur des Kirchenjahres zur Geltung.

Die Feste des christlichen Kirchenjahres sind in unterschiedliche Zeitrhythmen eingebunden. Der Osterzyklus (Passionszeit, Ostern und Pfingsten) folgt dem Mondrhythmus, das Weihnachtsfest und die verbundenen Festzeiten dagegen dem Sonnenjahr. Der zeitlichen Anbindung der christlichen Passions- und Osterzeit an das jüdische Passahfest entsprechen auch zahlreiche inhaltlichen Verbindungen (so in der Wahrnehmung des Kreuzestodes Jesu als Passahopfer (1 Kor 5,7; 1 Petr 1,18ff; Joh 1,29.36). Mit seiner zyklischen Zeitstruktur folgt das Kirchenjahr insgesamt kosmischen und natürlichen Mustern und repräsentiert damit eine ältere und zugleich körpernähere Zeitwahrnehmung als die der industriellen und informationellen Produktionskultur.

Die Abfolge der Sonntage dagegen entspricht nicht dem zyklischen Muster, sondern stellt eine immer wiederkehrende Unterbrechung der linearen Zeitstrecke dar: Der siebentägige Rhythmus der Sonntage ruht auf dem Rhythmus des jüdischen Sabbats und orientiert den Wochenrhythmus insgesamt auf die eschatologische Zeit des wiederkommenden Christus.

Der Sonntag liegt – anders als die im Mond- oder Sonnenjahr zyklisch wiederkehrenden Feste des Kirchenjahres – quer zu den drei Zeiten (der linearen Zeit, der Zeit des Augenblicks, der zyklischen Zeit). Der Sonntag ist die alle sieben Tage wiederkehrende rhythmische Unterbrechung der linearen Alltagszeit. Wie der jüdische Sabbat teilt er ein zentrales Lebensgeheimnis mit: Das Geheimnis von Anspannung und Arbeit ist die Ruhe. „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte“ (1 Mose 2,3). Gegen alle Reduzierung des Lebens auf Leistung ist der Sonntag die Feier der Wertschätzung des Lebens in den Augen Gottes – jenseits aller ökonomischen und religiösen Leistungsfähigkeit: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (1 Mose 1,31).

Christlich ist der Sonntag zugleich das Fest der Auferstehung. Das Kommen Gottes ist das Ende aller Zeit. Das neue Jerusalem, der ewige Augenblick, in dem alle Tränen abgewischt werden und Schuld und Tod keine Macht mehr haben, wird nicht in einem besonderen Fest im Kirchenjahr gefeiert, sondern als Unterbrechung der Alltagszeit an jedem Sonntag.

Autor: Prof. Dr. Hans-Martin Gutmann

Literatur

Karl-Heinrich Bieritz, Das Kirchenjahr. München 1988.

Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane. Frankfurt/M. 1984.

Norbert Elias, Über die Zeit. Frankfurt/M. 1984.

Kristian Fechtner, Im Rhythmus des Kirchenjahres. Vom Sinn der Feste und Zeiten. Gütersloh 2007.

Arnold van Gennep, Übergangsriten. Frankfurt/New York 1986 (1909).

Liturgische Konferenz der EKD, „Kirchenjahr erneuern. Gottesdienstliche Praxis im Rhythmus des Jahres.“ Veröffentlicht in: Praktische Theologie 1/2006, 48-58.   

Anmerkungen

[1] Liturgische Konferenz der EKD, „Kirchenjahr erneuern. Gottesdienstliche Praxis im Rhythmus des Jahres.“ Veröffentlicht in: Praktische Theologie 1/2006, 54.

[2] Vgl. dazu Norbert Elias, Über die Zeit. Frankfurt/M. 1984

[3] Liturgische Konferenz, a.a.O., 49.55

[4] Vgl. dazu Michael Meyer-Blanck, Inszenierung des Evangeliums. Ein kurzer Gang durch den Sonntagsgottesdienst nach der erneuerten Agende. Göttingen 1997, 138ff.

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