Interview mit Horst Fascher

Ein Gespräch mit dem Erfinder des "Star Club". Er holte die Beatles nach Hamburg und ist bis heute mit Paul McCartney befreundet.

Horst Fascher Interview Star Club

vergrößern Horst Fascher (Bild: Foto: Oliver Wasse) hamburg.de: Ihr Buch heißt "Let the good times roll". Wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurückblicken - überwiegen die guten oder die schlechten Zeiten?
Horst Fascher: Eindeutig die guten. Ich bin inzwischen 70 Jahre alt und wenn ich mehr schlechte als gute Zeiten gehabt hätte, wäre mein Leben es nicht wert gewesen, gelebt zu werden. Natürlich hatte ich sehr schlechte Zeiten, in denen ich ganz untern war. Den schlimmsten Tiefpunkt meines Lebens hatte ich, als ich meinen Sohn verloren habe. Da war ich kurz davor aufzugeben. Aber dann wäre ich ein Feigling gewesen - und der war ich nie. Ich hab mir immer wieder den Satz meines Boxtrainers in Erinnerung gerufen: "Du kannst ruhig zu Boden gehen, aber vergiss nicht wieder aufzustehen!" Wenn man sich nur flach hinlegt und sagt "I'm K.O.", kann man auch gleich vom Michel springen.

Hilft Ihnen Ihre neue Flamme auch manchmal dabei, wieder aufzustehen?
Mit meiner Birgit habe ich ein neues Glück gefunden. Sie gestaltet mein Leben besser, als ich es früher allein konnte. Ich war damals vielleicht zu spontan und impulsiv. Dadurch hab ich viele Fehler gemacht. Wenn ich Probleme habe, sagt Birgit zu mir: "Take it easy! Schlaf erstmal drüber." Und am nächsten Tag sieht man die Sache auch schon wieder ganz anders.

Wer oder was führte Sie damals zum Rock'n'roll?
Auf dem britischen Radiosender BFN konnte man hier in Hamburg zum ersten Mal Rock'n'roll hören. Da wusste ich noch gar nicht, was ich mit der Musik anfangen sollte. Eine "Rhythm'n'Blues"-Band, die ich im "Trichter" auf der Reeperbahn gesehen habe, hat mich neugierig gemacht. Dann sah ich im Kino den Film "Asphalt Jungle" mit dem kürzlich verstorbenen Glenn Ford. Die Titelmelodie war "Rock Around the Clock". Den Film habe ich mir mindestens sechs oder sieben Mal angeguckt - nur wegen der Musik. Junge Leute standen während des Films aus ihren Kinosesseln auf und fingen an zu tanzen! Als ich ein Konzert von Bill Haley in der Ernst-Merck-Halle sah, haben mich die fantastische Musik und die ausflippenden Leute vollends überzeugt. Von da an wusste ich, dass das mein Ding ist: Rock'n'roll.

Dann wurden Sie auch schnell zum Bandmanager. Wie kam es dazu?
Eines Tages raunte man sich zu: "Im Kaiserkeller, spielt eine Liveband aus England! Eine Rock'n'Roll-Band!" Da ging ich fünf Mal die Woche hin. Ich habe versucht, nicht nur den Rhythmus, sondern auch die Texte zu verstehen. Weil mein Englisch nicht besonders gut war, setzte ich mich zu den Musikern und versuchte, ein bisschen was aufzuschnappen. So lernte ich Tony Sheridan und "The Jets" kennen. Plötzlich wollten die, dass ich ein bisschen auf sie aufpasse, ihre Buchungen verwalte und so. Ich sollte ihr Manager sein - dabei wusste ich gar nicht, was das ist! Vom Kaiserkeller kam ich dann zum "Top Ten". Der Besitzer wollte daraus einen Rock'n'Roll-Laden machen und heuerte mich an, Bands für ihn zu besorgen. Von einem auf den anderen Tag war der Kaiserkeller leer - und das "Top Ten" lief. Als wir uns zerstritten haben, habe ich gesagt: "Ich mach das jetzt allein."

Dann eröffneten Sie den "Star Club"?
Erstmal lernte ich Manfred Weissleder kennen. Der kam jeden Morgen mit einem Weißbrot in das Musikcafé, in dem ich gearbeitet habe, um es zu essen und seinen Kaffee dazu zu trinken. Als mein Bruder mir erzählte, dass Weissleder zwölf Läden auf St. Pauli besitzt, sprach ich ihn mal an und fragte ihn, ob er Lust hätte, mit mir zusammen einen Rock'n'Roll-Laden auf St.Pauli aufzumachen. Da sagte er: "Gib mir mal drei Tage Zeit" - und kam drei Tage nicht. Ich dachte schon, er würde gar nicht mehr wiederkommen, aber nach drei Tagen war er da. Er fragte mich, ob ich das Sternenkino in der Großen Freiheit kenne. Das Sternenkino war ein Nachtkino, in dem Westernfilme liefen. Vor der Arbeit bin ich da manchmal hingegangen. "Im Sternenkino", sagte Manfred Weissleder zu mir, "machen wir beide unseren Club auf."

Wie kamen Sie auf die Beatles?
Im Januar 1962 bin ich nach England gefahren, um mich auf die Suche nach Bands zu machen. Drei Monate später wollten Manfred Weissleder und ich den "Star Club" eröffnen. Ich wusste, dass die Beatles, die schon im Top Ten gespielt hatten, wieder nach Hamburg kommen wollten. Zu denen bin ich als erstes gefahren - und hab sie gekriegt.

Wie lief ein solcher Abend im "Star Club" ab?
Von unseren Bandabenden hatte ich vorher schon klare Vorstellungen: es sollten vier Bands spielen, je zweimal eine Stunde, einmal vor und einmal nach Mitternacht. Die sollten sich richtig reinhängen und um die Gunst des Publikums buhlen. Zwischen den Auftritten wollte ich einen Vorhang fallen lassen. Das war auch neu. Der Laden war ein voller Erfolg. Ich bekam damals 650 Mark plus zwei Prozent vom Gesamtumsatz -und der lag im ersten Monat schon bei 240.000 Mark! Nach drei Monaten kaufte ich mir einen weißen Chevrolet. Ich hatte immer Geld, immer Musik um mich herum - und Frauen en masse.

Vermissen Sie diese Zeit sehr?

Ich möchte heute nicht wieder auf St. Pauli sein - für kein Geld der Welt. Der Kiez ist nicht mehr das, was er früher war. Das fängt bei den Mädchen an und hört bei Konfliktregelung auf. Wenn früher Ärger war, gab es halt mal was auf die Glocke, mal ne dicke Lippe. Heute gibt's ein Loch in den Bauch. Wenn ich heute so aufmüpfig rumlaufen würde wie früher, wäre ich schon tot. Dann die Musik: Was nützen die besten Musikclubs, wenn die Bands nicht da sind! Ich wünsche mir ein paar Läden, die möglicherweise auch Unterstützung von der Stadt bekommen, in denen junge Bands sich mal präsentieren können. Da muss aber auch einer dahinter stehen. Früher wurden junge Musiker mehr gefördert.

Haben Sie noch Kontakt zu den verbliebenen Beatles?
Ja. Paul McCartney ist nach wie vor ein guter Freund von mir. Ihn habe ich immer als den zugänglichsten und ehrlichsten der Beatles erlebt. George hatte als jüngster wenig zu sagen und war mir gegenüber immer recht distanziert. John Lennon traf mehr Bauch- als Kopfentscheidungen und wirkte oft ein bisschen großkotzig. John und ich haben uns oft in die Haare gekriegt. Wenn wir uns beschimpft haben, kam das aber nur aus dem Mund und nicht aus dem Herzen. Zu Paul hatte ich schon immer ein sehr inniges Verhältnis. Ein ganz großes Ding war natürlich, dass er für mich die Herzoperation meiner Tochter bezahlte. Da wusste ich, dass ich in ihm einen wirklichen Freund habe. Bei seiner letzten Tournee waren Birgit und ich in den Backstagebereich der AOL-Arena eingeladen. Paul kam gleich auf mich zu, strahlte mich an und küsste mich rechts und links. Während des Konzerts widmete er mir natürlich auch einen Song. Er sagte: "This is for my best friend Horst Fascher."

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Ein Gespräch mit dem Erfinder des "Star Club". Er holte die Beatles nach Hamburg und ist bis heute mit Paul McCartney befreundet.
20120906 02:57:50