Interview mit Birgit Müller von "Hinz & Kunzt"

Ein Gespräch mit Birgit Müller, Chefredakteurin des solidarischen Szenemagazins "Hinz & Kunzt".

Hinz&Kunzt Hamburg Interview

hamburg.de: Wie lange sind sie schon bei "Hinz&Kunzt"?
Birgit Müller: Ich bin von Anfang an dabei, seit September 1993. Die erste Ausgabe erschien am 6. November 1993. Vorher war ich Lokalredakteurin beim Hamburger Abendblatt. Da habe ich gekündigt und war dann Mitbegründerin des Magazins.

Wer hatte die Idee, eine solche Szenezeitschrift zur Unterstützung von Obdachlosen zu machen?
Die Idee hatte Stephan Reimers, der damalige Diakoniechef. Der hat bettelnde, arme Menschen gesehen und wollte denen nicht nur Geld in die Hand drücken, sondern ihnen auch eine Perspektive geben. In England gab es bereits ein Vorbild, nämlich die Zeitschrift "Big Issue". Er fand, das sei genau das Richtige: Journalisten schreiben, Obdachlose verkaufen. Er hat dann Journalisten und Obdachlose eingeladen. Diese beiden Gruppen haben sich zusammengefunden und daraus ist "Hinz&Kunzt" entstanden.

vergrößern Birgit Müller von Hinz&Kunzt Birgit Müller (Bild: Foto: Oliver Wasse) Haben die Obdachlosen den Ton angegeben oder eher die Journalisten?
Witzigerweise haben wir Ähnliches gewollt. Wir glaubten, dass eine Zeitung, die nur von Obdachlosen geschrieben wird, auf Dauer nicht funktionieren kann, und wir Journalisten wollten von Anfang an eine hohe Auflage, damit die Obdachlosen etwas verdienen und damit wir eine soziale Stimme in der Stadt werden können,. Letzteres geht nicht, wenn man nur traurige Geschichten aus Sicht der Obdachlosen drin hat, sondern da muss ein guter Mix rein. Das Lustige war, dass die Obdachlosen dasselbe wollten wie wir: Sie wollten ein profesionelles Blatt, kein Jammerblatt. Sie wollten ein Produkt in der Hand haben, das sich verkaufen lässt und sozial ist. Aber sie wollten auch, dass der Vertrieb ihnen überlassen ist - von der Verkäufer- und Gebietsbetreuung bis hin zur Abrechnung. Wir sollten schreiben. Und zwar gut. Nicht so abgehoben, sondern im Boulevardstil. Für einen Leser, der abends müde aus dem Büro geht, sich in die U-Bahn setzt und Lust hat, einfach mal ein Magazin aufzuschlagen. Er kann dann Themen aus der Kultur lesen, die für Lebensglück und Lebensmut stehen, als auch soziale Themen.

Steht "Hinz&Kunzt" finanziell auf sicheren Beinen?
Wir müssen uns immer nach der Decke strecken. Zur Hälfte finanzieren wir uns über den Verkauf, zur anderen Hälfte über Spenden und Sponsoren. Wir sind sehr stolz, nach Tarif zahlen zu können. Aber die meisten nicht-obdachlosen Kollegen haben keine volle Stelle. Auch ich habe bis zu meinem zehnten Jahr nur eine 30-Stunden-Stelle bezahlt bekommen. Wir versuchen, keine Ausnutzungspolitik zu betreiben. Auch da stoßen wir auf Grenzen. Obwohl wir es politisch nicht korrekt finden, haben auch wir 1-Euro-Kräfte. Deshalb setzen wir 1-Euro-Kräfte nur dort ein, wo wir ihnen auch eine Perspektive anbieten können.

vergrößern Foto: hamburg.de (Bild: hamburg.de) Was macht die Arbeit hier so spannend und interessant für Sie?
Ganz viele Dinge. Als soziales Projekt können wir gleichzeitig unsere Erfahrungen machen und darüber berichten. Wir sind richtig dicht dran. Das ist sehr spannend. Die meisten von uns hatten, als wir angefangen haben, null Ahnung. Ich selbst dachte, ein Obdachloser hat einfach kein Dach über dem Kopf. Was für Probleme er sonst noch hat, wusste ich damals schlichtweg nicht.

Ich habe viel gelernt: zum Beispiel, dass man anderen nicht helfen kann, dass sie sich selbst helfen müssen. Dass wir aber Hilfestellungen geben können und im richtigen Moment dasein müssen. Und das vieles anders läuft als man sich das vorher in seinem Mittelstandsköpfchen so vorgestellt hat. Man stößt immer wieder an seine Grenzen. Und erweitert die zwangsläufig, wenn man hier bleibt. Ich selbst bin ja gar nicht betroffen, aber ich wünsche mir, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Kluft zwischen Arm und Reich nicht so groß ist. Ich glaube, das ist bei meinen Kollegen ganz ähnlich. Wer hier arbeitet, tut nicht anderen etwas Gutes, sondern sich selbst: Die meisten im Team wollen in einer Welt leben, in der weder Reiche noch Arme in Ghettos leben müssen, sondern wo man zusammen ein gutes Leben hat.

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Ein Gespräch mit Birgit Müller, Chefredakteurin des solidarischen Szenemagazins "Hinz & Kunzt".
20120906 02:57:43