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Himmel über Hamburg Dresdner Sinfoniker begeistern in höchsten Tönen

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Die Elbphilharmonie und Kampnagel luden zum Konzert „Himmel über Hamburg“ in die Lenzsiedlung: Die Dresdner Sinfoniker ließen für eineinhalb Stunden Plattenbauten und Sportplatz erklingen – mit ungewöhnlichem Instrumentarium, an einem ebenso ungewöhnlichen Ort.

"Himmel über Hamburg" der Dresdner Sinfoniker


Grauer Beton, rauer Jargon, Plattenbauten, dazwischen ein grüner Fleck, aber nicht mal der ist natürlich, handelt es sich doch um einen Kunstrasenplatz. An der Schnittstelle zwischen Eimsbüttel und Lokstedt prallen, nun ja, Welten aufeinander. Hier die Altbauten des immer noch zu den beliebtesten Wohnadressen der Hansestadt überhaupt zählenden Eimsbüttel, dort die grauen Betonfassaden der in den 1970er und 1980er Jahre errichteten Lenzsiedlung, benannt nach dem großen Hamburger Schriftsteller Siegfried Lenz, dessen Werk Deutschstunde zum Standard der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört und erst kürzlich für das Kino neu verfilmt wurde.

MusierInnen, die auf Flachdächern von Wohnungen musizieren.

Auch wenn die rund 3000 BewohnerInnen der Lenzsiedlung seit geraumer Zeit von diversen Förderprogrammen, die  die Siedlung aufwerten sollen, entsprechender Wettbewerbe und Auszeichnungen profitieren, einen Abend wie Gestern hatte es so bisher dort auch noch nicht gegeben: Bei bestem Juli-Wetter versammelten sich rund 500 BesucherInnen auf dem Sportplatz des Vereins SV Grün-Weiß Eimsbüttel – dessen bekannteste ehemalige Spieler Bernd Dörfel, später unter anderem beim HSV aktiv, und Patrick Owomoyela, in der Jugend ab Mitte der 1980er aktiv, heißen – um dem Konzertereignis beizuwohnen. Ungezählte taten es ihnen gleich, saßen im Grün neben dem Sportplatz, standen auf den Gehwegen, der Straße und natürlich auf den eigenen Balkonen, sofern sie zu den BewohnerInnen gehörten und obendrein zu Interessierten an klassischer Musik, für wenigstens einen Moment.

Auf die Dächer selbst durften zwar nur wenige, denn Corona ließ auch den viel zu kleinen Platz dort oben in 40 Metern Höhe schrumpfen, vor allem aber hätte jede:r BesucherIn gesichert werden müssen – 12 Höhenkletterer standen für die MusikerInnen und PressevertreterInnen zur Verfügung. Und doch, alleine der Anblick der unwirklich anmutenden, zu Schatten verkommenen Figuren an der Dachkante mit ihren Instrumenten, in schwindelerregender Höhe und bei bestem Sonnenschein ließ auch bei den BesucherInnen auf den Sitzplätzen ein Kribbeln im Bauch zurück, noch bevor der erste Ton überhaupt erklungen war.

Begonnen haben die MusikerInnen – 16 Alphörner, neun Trompeten, vier Tubas, vier chinesische Da Gu-Trommeln und weiteres Schlagwerk kamen zum Einsatz – mit der von John Williams zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles komponierten Fanfare und nicht etwa mit dem Imperial March, wie man vermuten könnte.

Vier Männer mit Blasinstrumenten stehen musizierend auf einem Dach in Hamburg.

Aufgeteilt wurden die MusikerInnen auf die Hochhäuser, den Sportplatz und das Vereinsheim des Sportclubs, so dass die ZuhörerInnen letztlich von allen Seiten beschallt wurden. Gespielt wurde gleichzeitig, mal klangen mehr, mal weniger die Instrumente auf den Hochhausdächern durch. Wenn, dann klang das Gehörte weniger wie Klassik, mehr wie Drone-Musik und das passte wunderbar. Über ein Werk des venezianischen Komponisten Giovanni Gabrieli, der bereits vor 400 Jahren mit Raumklängen erzielt durch auf zwei gegenüberliegenden Emporen gespielte Musik, im Markusdom für Furore sorgte, ging der Abend einüber in das Hauptwerk der Veranstaltung: Ein neues Stück des Münchener Komponisten Markus Lehmann-Horn. Eine Klangcollage aus Beethovens „Ode an die Freude“ bildete im Anschluss das große Finale.

Nicht nur die Höhe, sondern auch die großen Abstände zwischen den MusikerInnen auf den Dächern und am Boden stellte die Beteiligten vor große Herausforderungen. So wurde etwa die Unmöglichkeit des Einsatzes von DirigentInnen aufgrund der Umstände durch einen Computer aufgefangen, der, zeitverzögert, ein Signal zu den jeweiligen SinfonikerInnen aussandte.

Dächer von Hochhäusern in der Lenzsiedlung, auf denen MusikerInnen spielen.

​​​​​​​Für das Dresdner Ensemble ist der Auftrittsort auf dem Dach eines Hochhauses übrigens kein ungewöhnlicher: Nach der Neuvertonung des Soundtracks zu Sergei Eisensteins Stummfilmklassikers „Panzerkreuzer Potemki“ zusammen mit dem britischen Pop-Duo Pet Shop Boys 2004, komponierten sie zusammen mit den Musikern die sogenannte Hochhaussinfonie, die sie, ebenfalls zusammen mit den Briten, im Rahmen der 800-Jahr-Feier der Stadt Dresden auf dem Dach eines 35 Meter hohen Wohnblocks aufführten, wobei die Fassade als Leinwand für die dazugehörige Lichtinstallation genutzt wurde.

Von den BesucherInnen gab es auch hier Standing Ovations, keine Zugabe zwar, aber rundum glückliche Gesichter und das Wissen, nicht nur bei einem qualitativ hochwertigen, sondern eben auch an einem Konzert dabei gewesen zu sein, dass die eigene Konzert-History als BesucherIn um einen der wenigen, außergewöhnlichen Orte bereichert, an die man sich noch in vielen Jahren erinnern wird.

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