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Einblicke in den Berufsalltag im LEB Pädagogische Arbeit in der JGU

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Die Jugendgerichtliche Unterbringung (JGU) ist eine Einrichtung für junge Menschen im Alter von 14 bis 21 Jahren, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Jugendrichter können ihre Unterbringung anordnen, um die Jugendlichen und Heranwachsenden vor einer weiteren Gefährdung ihrer Entwicklung, insbesondere vor der Begehung neuer Straftaten zu bewahren. Vor allem lernen die Betreuten hier, ihre gewohnten Verhaltensweisen durch etwas Neues zu ersetzen. Das funktioniert nur durch Konsequenz und eine positive innere Haltung des Teams.  

Vermeidung von Untersuchungshaft Jugendgerichtliche Unterbringung Hamburg LEB Landesbetrieb Erziehung und Beratung

Pädagogische Arbeit in der JGU


Das Menschenbild und die innere Haltung – wichtiger als körperliche Präsenz 

„Das Schönste an unserer Arbeit hier ist die Vielfältigkeit, der Umgang mit Menschen. Oder wenn ein Betreuter beginnt nachzudenken“ – Jörg Sonntag leitet seit knapp zehn Jahren die Jugendgerichtliche Unterbringung (JGU) im Hofschläger Weg. „Das Schönste ist das Sinnvolle unserer Arbeit!“ Er legt noch mal nach: „Das Schönste ist das tolle Team!“ 

Der Sozialpädagoge, der seit fast 40 Jahren in der Jugendhilfe tätig ist, kommt nicht in Verlegenheit, wenn er nach den positiven Aspekten seiner Arbeit gefragt wird. Dabei sind die Betreuten in der JGU junge Menschen, die gelernt haben, ihre Interessen auch mit Gewalt durchzusetzen. Die Delikte, die sie begangen haben, sind keine Bagatellen: Versuchter Totschlag, bewaffneter Raubüberfall, räuberische Erpressung, Einbruch. Einige Jungen sind Serien- und Intensivtäter. Viele von ihnen haben keinen Rückhalt im Elternhaus, keinen festen Wohnsitz oder haben schon häufig vor Gericht gestanden. 

Zudem beobachtet Jörg Sonntag eine Zunahme von sexualisierter Gewalt und von psychischen Störungen bei seiner Klientel. Dennoch: Alle Betreuten haben auch noch andere Facetten in ihrer Persönlichkeit. Und sie wissen: Wer nicht bleibt, der kommt in die Untersuchungshaft. 

Hier, in der JGU, lernen die jungen Menschen etwas Neues: Sie lernen Umgangsformen, Tischmanieren, Argumentieren, sie lernen, dass Lügen nichts bringt, weil auch das früher oder später aufgeklärt wird. „Vor allem geben wir Erklärungsmodelle anhand von Beispielen: Stell dir vor, dein Chef geht mit dir essen, da willst du doch, dass er einen positiven Eindruck von dir hat“, beschreibt Jörg Sonntag. Diese intensive Erziehungsarbeit sei der Grund dafür, dass es selten große Krisen oder Eskalationen gebe. „Wir setzen schon an Kleinigkeiten an.“  

Viele Regeln sind in der JGU einzuhalten, das beginnt beim pünktlichen Aufstehen, geht über Haushaltsdienste bis hin zum Schulbesuch oder zur Einhaltung anderer Verpflichtungen. „Die Regeln geben den Betreuten Halt“, erklärt Jörg Sonntag. Das Team stehe eng zusammen. „Wir setzen uns intensiv mit den Jugendlichen auseinander und sind konsequent in unserem Handeln. Bei uns wird viel geschrieben.“ Damit meint Jörg Sonntag die Palette der Sanktionen, die bei Regelverstößen zur Verfügung steht: „Das geht vom einfachen Abschreiben der Regeln, über das Verfassen von Aufsätzen bis hin zu Referaten mit Power Point-Präsentation, die im Rahmen der Tagesreflexion am Sonntag vorgestellt und diskutiert werden.“ 

Durch diese schriftlichen Arbeiten sind die Betreuten auf sich selbst zurückgeworfen – ohne Fernseher, Handy oder Laptop. Dennoch sei es ganz unterschiedlich, wie schnell sich ein Betreuter auf die Pädagogen einlässt: „In den ersten drei bis fünf Wochen sind sie verwirrt, weil ihre gewohnten Verhaltensmuster nicht mehr funktionieren, sie merken: da passiert etwas“, sagt Jörg Sonntag. „Manche passen sich nur oberflächlich an, nicht wirklich. Manchmal dauert es sechs bis sieben Monate bis der Groschen fällt.“

Das Wichtigste sei jedoch, dass „alle im Team ein positives Menschenbild haben und ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringen“, betont Jörg Sonntag. Ohne diese innere Haltung, geprägt von konsequenter Aufmerksamkeit einerseits und der positiven Grundeinstellung andererseits sei diese Arbeit nicht möglich. Die innere Haltung sei wichtiger als körperliche Präsenz, entgegnet er auf die Frage, ob weibliche Fachkräfte sich häufiger ängstigen würden als männliche. „Es ist gut, Frauen im Team zu  haben, weil sie ein anderes Rollenbild verkörpern.“ Außerdem würden die Betreuten sie häufig in Einzelgesprächen favorisieren. 

Dennoch, manchmal gebe es auch Angstsituationen für Beschäftigte. „Davor ist niemand gefeit!“ Was helfe, sei professionelle Gelassenheit – und die Erkenntnis, dass es in zehn Jahren keinen körperlichen Übergriff seitens der Betreuten gegenüber dem Team gab. Es gebe auch so etwas wie atmosphärische Gewalt, die vor allem auftrete, wenn sich Gruppen neu bilden. Aber: „Wer hier untergebracht ist, muss ohne Angst einschlafen und ohne Angst aufwachen können“ – das Team legt größten Wert darauf, dass auf niemanden Druck ausgeübt wird, sei es auch nur mit Blicken oder Andeutungen. „Ein respektvolles Miteinander ist unerlässlich. Zynismus hat bei uns keinen Platz!“  

Thomas Teschke arbeitet seit 18 Jahren in der JGU, beziehungsweise ihrer Vorgängereinrichtung, den Intensiv Betreuten Wohngruppen. Über die Jahre war er auch an der konzeptionellen Weiterentwicklung der Arbeit in der JGU beteiligt. Er findet: „Hier bleibt es immer spannend, denn auch die Jugendlichen verändern sich.“ Ihm ist vor allem der Austausch im Team wichtig. „Wir können uns aufeinander verlassen!“ Zwar seien der Schichtdienst und die Anforderung, im Dienst von der ersten bis zur letzten Minute stets aufmerksam zu bleiben, damit nichts entgleitet, auch anstrengend. Aber: „Unsere Arbeit ist hochgradig sinnvoll!“                  bo 


Hinweis: Gern senden wir Ihnen die Ausgabe 43 unserer Zeitung LEB-ZEIT in Papierform oder als PDF-Datei zu. 
Kontakt: Landesbetrieb Erziehung und Beratung, Öffentlichkeitsarbeit, Bettina Bormann, Telefon: (040) 428 15 30 03.

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