Das „größte und langfristigste Bildungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ nennt das Bundesbildungsministerium selbst sein Programm „Startchancen“. In dessen Rahmen werden in den kommenden zehn Jahren Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler finanziell gefördert. Um den Erfolg der Fördermaßnahmen zu unterstützen, gibt es eine umfassende wissenschaftliche Begleitung – unter anderem von der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg (UHH).
19 Einrichtungen, darunter die UHH, analysieren und evaluieren das Programm und gestalten es mit Erkenntnissen aus der Forschung mit. Erziehungswissenschaftlerin Kira Weber hat sich mit ihrem Team zunächst um eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Strukturen gekümmert. Dabei werden auch besonders positive Beispiele dokumentiert, die künftig als Vorbild dienen können.
In Interview spricht Kira Weber über die vielen verschiedenen Ansätze bei der Suche nach dem passenden Beruf, ihre „Positivliste“ und welche Rolle KI künftig bei der Berufsorientierung spielen kann.
Früher ging man mit der Klasse ins Berufsinformationszentrum. Wie sieht Berufsorientierung in Schulen heute aus?
Kira Weber: Das ist in Deutschland sehr heterogen. In Hamburg gibt es zur Berufsorientierung unter anderem die dualisierte Ausbildungsvorbereitung, kurz AvDual. Hier gibt es auch spezielle Angebote für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund (AvM Dual), bei dem nach individualisierten Lehr- und Lernkonzepten gearbeitet wird. Andere Länder wie Sachsen-Anhalt stellen ihr System gerade entsprechend um. Nordrhein-Westfalen hat aber zum Beispiel einen ganz anderen Ansatz. Es gibt nichts, das in allen 16 Ländern gleich ist.
Im Rahmen unseres „Startchancen“-Teilprojekts schauen wir uns all diese verschiedenen Ansätze an, mit denen die Länder Schulen und Lehrkräfte bei der Gestaltung der Berufsorientierung unterstützen. Unser erster Schritt war es, alle Angebote und Konzepte zur Berufsorientierung und die jeweils zuständigen Stellen zu recherchieren. Wichtig war uns auch die Frage, ob die bestehenden Programme bereits evaluiert worden sind. Außerdem haben wir Qualitätskriterien für Konzepte und Materialien entwickelt. Nur so können wir entscheiden, welche Ansätze in die Breite getragen werden sollten.
Sie haben sich also erstmal einen Überblick verschafft. Wie ging es danach weiter?
Wir haben jetzt für jedes Bundesland einen digitalen Flyer erstellt, der alle Informationen zu Vorgaben und Materialien der Berufsorientierung für Schulen und Lehrkräfte zusammenstellt. Auch die richtigen Ansprechpersonen bei den Behörden sind vermerkt. Diese Übersichten wollen wir über die Transferplattform des „Startchancen“-Projekts den Schulen zur Verfügung stellen.
Können Sie schon sagen, welche Formate dabei den größten Erfolg haben?
Wir erstellen gerade eine Positivliste, aber viele Programme sind noch nicht wissenschaftlich evaluiert. Ein Projekt, das uns sehr überzeugt hat, ist aber das bundesweite Mentoringprogramm VerA, das Ausbildungsabbrüche verhindern soll, indem die Auszubildenden individuell betreut werden. Ein weiteres Beispiel ist das in Sachsen entwickelte BeSOS-Modell, das berufliche Orientierung für Schülerinnen und Schüler mit psychischen Schwierigkeiten anbietet. Wir möchten auf jeden Fall Wege finden, diese Initiativen bekannter zu machen.
Wie könnte das aussehen?
Wir bieten zum Beispiel den „ChancenTalk“ an, bei dem wir Vertreterinnen und Vertreter aller Bundesländer zum Austausch einladen. Es geht auf kollegialer Ebene um Konzepte, Best-Practice-Beispiele und Vernetzung. Unsere nächste Konferenz findet jetzt im September in Potsdam im Rahmen eines sogenannten „Chancen-Fachtages“ statt. Dort wird es um berufliche Orientierung, Selbstregulation und sozial-emotionale Kompetenzen gehen. Es kommen sowohl Mitarbeitende aus der Verwaltung als auch Leute aus der Praxis, um voneinander zu lernen.
Künstliche Intelligenz (KI) spielt sowohl im Unterricht als auch im zukünftigen Beruf der Schülerinnen und Schüler eine große Rolle. Welche Entwicklung beobachten Sie hier bei der Berufsorientierung?
KI verändert alle Bereiche unseres Lebens radikal und natürlich nutzen Schülerinnen und Schüler sie auch für die berufliche Orientierung. Das ist einerseits eine große Chance: Wir wissen aus Studien, dass die Hemmschwelle, mit einer KI zu reden, niedriger ist und die jungen Leute offenere Fragen stellen oder Bedenken und Zweifel äußern. Andererseits sind die Rückmeldungen oft sehr allgemein – auch, weil die Schülerinnen und Schüler nicht genau prompten. So werden zum Beispiel bestimmte Nischenberufe nicht richtig sichtbar und das verändert die berufliche Orientierung stark.
Betrachten sie KI als Chance für Ihre Arbeit?
Auf jeden Fall. Mein Doktorand und ich arbeiten beide intensiv zu KI und planen gemeinsam mit dem Non-Profit-Unternehmen „App Camps“ die Entwicklung eines spezialisierten Chatbots. In einem ersten Test wollen wir ihn an einer Schule in München ausprobieren. Dafür werden wir die Schülerinnen und Schüler in vier Gruppen unterteilen: Eine wird mit ChatGPT über Berufsperspektiven reden, eine mit unserem KI-Chatbot, eine dritte erhält ein persönliches Coaching durch einen Menschen und eine vierte, hybride Gruppe arbeitet erst mit unserem KI-Chatbot und geht danach noch mal ins menschliche Coaching. Wir möchten herausfinden, welcher Weg am besten funktioniert.
Das Projekt „Startchancen“ geht über insgesamt zehn Jahre. Welches Ziel möchten Sie mit Ihrem Beitrag erreichen?
Am Ende sollte auf jeden Fall ein Monitoring-System stehen, um erheben zu können, ob die Maßnahmen zur Berufsorientierung funktionieren und um zu sehen, wie wirkungsvoll sie sind – und zwar sowohl die bereits vorhandenen als auch die, die im Rahmen des Projekts neu entwickelt werden.
Das Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung in Hamburg testet zum Beispiel jedes Jahr in den 9. Klassen den Lernstand in der sogenannten „KERMIT“-Erhebung. Wir konnten erreichen, dass auch ein Fragebogen zu Berufswahlkompetenzen aufgenommen wird. Hier geht es um Selbsteinschätzungen und -auskünfte, also etwa darum, ob die Schülerinnen und Schüler in den vergangenen Monaten Informationen über verschiedene Berufe gesucht haben, ob sie schon wissen, welcher Beruf interessant wäre und wo ihre Stärken liegen. Wenn wir wissen wollen, wie sich die Berufswahlkompetenz langfristig verändert, sind solche standardisierten Monitorings essenziell. Und auch für die „Startchancen“-Schulen ist es ja wichtig zu wissen, ob die investierten Gelder sinnvoll eingesetzt wurden. Die Erfassung von Berufswahlkompetenzen in „KERMIT“ ist da ein toller erster Schritt.
Das Projekt: Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend stellt insgesamt 100 Millionen Euro für die wissenschaftliche Evaluierung und Unterstützung des „Startchancen“-Programms zur Verfügung. Über dieses Programm lassen Bund und Länder in den kommenden zehn Jahren Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler 20 Milliarden Euro zukommen.
Prof. Dr. Kira Weber ist Professorin für Erziehungswissenschaft, insbesondere Berufspädagogik, an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg und erhält in der ersten Förderphase 600.000 Euro für ihr Projekt zur Bestandsaufnahme und Verbesserung der Berufsorientierung an den teilnehmenden Schulen.