(For English version see below)
„Ist entsiegelt!“ steht, grün markiert, über vielen Beiträgen auf der Website beteilige.me. Ein Siegesruf. Denn um das Befreien und Begrünen von ehemals versiegelten Flächen in Hamburg geht es beim Projekt „Abpflastern“, das seit Anfang April mit unerwartet großer Resonanz in der Stadt läuft. Viel mehr Menschen als gedacht wollen offenbar mehr Grün um sich herum sehen – und damit auch einen Beitrag zu einer klimafreundlicheren Stadt leisten. Mitgetragen und wissenschaftlich begleitet wird „Abpflastern“ von einem Forschungsprojekt der HafenCity Universität Hamburg (HCU).
Jede*r kann sich über die Plattform beteilige.me mit Ideen zum Entsiegeln einbringen – also konkrete Orte in der Stadt nennen, die von Asphalt, Schotter oder Steinplatten befreit und stattdessen mit Pflanzen oder Gras begrünt werden können. Das geht auf zwei Arten: Entweder entscheidet man sich, die Versiegelung von seinen eigenen privaten Flächen zu entfernen (was die Stadt auch finanziell fördert). Oder man schlägt über die Website öffentliche Flächen vor, bei denen das nach einer Bewertung durch die Bezirksverwaltung machbar sein könnte. Mehr als 2000 Einträge gibt es bisher. „Wir hatten gehofft, dass ein paar Dutzend Menschen mitmachen“, sagt Dr. Michael Ziehl, Stadtforscher im City Science Lab der HafenCity Universität : „Mit so einer Resonanz hätten wir niemals gerechnet.“
„Wir wollen mehr Grün und mehr Tiere“
Der größte Anteil der Beiträge sind Vorschläge von Orten, die entsiegelt werden könnten. Teilnehmer*innen weisen zum Beispiel auf öffentliche Parkplätze, Veranstaltungsflächen oder Zufahrten hin, die sich ihrer Meinung nach zum Begrünen anbieten. Umgesetzt werden können diese Ideen meistens nicht von heute auf morgen – aber geprüft wird jeder Vorschlag.
Was jedoch sehr schnell umgesetzt werden kann: Abpflastervorhaben auf privatem Grund. Denn da greifen ja die Eigentümer*innen, die sich in die Liste eingetragen haben, selbst zu Hacke und Spaten. Da schreibt zum Beispiel eine Familie auf beteilige.me: „Wir wollen mehr Grün und mehr Tiere. Ein naturnaher Garten ist unser Vorbild.“ Dazu Fotos von einer Fläche hinter einem Einfamilienhaus, mit frischer Erde statt Steinplatten. Schulen erklären das Abpflastern zum Lernprojekt und entfernen Steine am Rande des Schulhofs. Firmen entsiegeln einen Teil ihres Parkplatzes.
Hamburg fit machen für den Klimawandel
Oft sind es nur wenige Quadratmeter, die zur Grünfläche werden, wie eine private Terrasse. Oder ein paar Steinplatten verschwinden am Ende eines Parkplatzes. Aber ein Anfang ist damit gemacht, und die Diskussion angestoßen. Schließlich geht es hier langfristig darum, den Folgen des Klimawandels zu begegnen. Denn versiegelte Flächen speichern Hitze, und Starkregen kann nicht versickern. Jedes begrünte Fleckchen ist darum ein weiterer Schritt hin zu dem Ziel, Hamburg fit zu machen für den Klimawandel.
Das City Science Lab der HafenCity Universität, zu dem Michael Ziehl gehört, leitet die Forschung im Gesamtprojekt Connected Urban Twins (CUT). Das Projekt, an dem sich neben Hamburg auch Leipzig und München beteiligen, setzt auf Digitalisierung, um Städte dabei zu unterstützen, nachhaltiger und widerstandfähiger zu werden. Den pragmatischen Forschungsansatz des City Science Labs fasst Michael Ziehl so zusammen: „Wir denken nicht nur an das wissenschaftliche Paper, sondern auch an den Impact, den wir in der Stadt hinterlassen.“
Bürger*innen setzen die Themen
Eine dieser Hinterlassenschaften an die Stadt wird die Plattform beteilige.me sein, ein Portal für direkte Bürgerbeteiligung. „Die Plattform“, sagt Ziehl, „kann für jede Art von Projekten oder Ideenwettbewerben zwischen Bürger*innen und Verwaltung genutzt werden.“ Zwar hat die Stadt Hamburg bereits ihre eigene digitale Plattform namens DIPAS, über die sich Bewohner*innen digital zu Themen und Planungen der Verwaltung einbringen können. Aber bei beteilige.me setzen die Bürger*innen das Thema. Die gesammelten Beiträge und Daten können an die Verwaltung weitergeleitet und von den Bürger*innen genutzt werden. Für die Forschenden ist dabei entscheidend, dass die Beteiligung von der Zivilgesellschaft ausgeht und sie „nicht erst die Erlaubnis der Verwaltung einholen müssen, um ein Beteiligungsverfahren zu starten und Daten zu sammeln“, so Ziehl.
Nachdem die Plattform im Auftrag des City Science Labs von der Coding-Initiative Code for Hamburg auf der Basis von DIPAS aufgesetzt worden war, brauchte sie vor allem eins, um an den Start gehen zu können, erklärt Michael Ziehl: „Einen konkreten, brauchbaren Anwendungsfall.“ Also ein Projekt, das möglichst viele Menschen interessiert und sie dazu bringt, sich über beteilige.me einzubringen. So kamen beteilige.me und die Aktion „Abpflastern“ zusammen – eine Initiative, die das Netzwerk lokalkraft.org zusammen mit dem Bezirksamt kurz vorher mit einem erfolgreichen Projekt in Lokstedt gestartet hatte. Parallel dazu hatte auch die Hamburger Umweltbehörde schon am Entsiegelungsprojekten gearbeitet. Durch die Zusammenarbeit mit Michael Ziehl und dem City Science Lab gab es mit beteilige.me jetzt das perfekte Tool, um dazu aufzurufen.
„Das enorme Potenzial gelebter Demokratie“
Die Einträge auf beteilige.me werden von Ehrenamtlichen von Lokalkraft gesichtet, kommentiert, eingeordnet und gegebenenfalls an die zuständigen Ämter weitergeleitet. Auch Sebastian Dorsch von Lokalkraft ist von der Beteiligung überwältigt: „Die Resonanz hat unsere Erwartungen weit übertroffen“, gesteht er. „Es ist fantastisch, dass sich so viele Menschen in Hamburg mit ihrem lokalen Wissen für eine klimagerechte Stadt einsetzen.“ Denn, klar: Nur wer weiß, welche Flächen zum Entsiegeln in Frage kommen könnten, kann diese eintragen. Darum ist das Projekt für Dorsch auch ein Lehrstück in Demokratie: „Ich freue mich sehr darüber, dass sich so viele Menschen und Akteure wie Schulen, Vereine, Kulturzentren, Gewerbetreibende und, last but not least, Bezirke gemeinsam für eine klimagerechte Stadt einsetzen. Das zeigt das enorme Potenzial von gelebter Demokratie und lokaler Mitgestaltung.“
Am 31. Oktober endet die erste Abpflaster-Runde – mit einer Preisverleihung. Der Bezirk beziehungsweise der Stadtteil sowie die Privatperson mit der jeweils größten entsiegelten Fläche bekommt von der Umweltbehörde eine Trophäe überreicht: den Goldenen Spaten, die Goldene Gießkanne und die Goldene Harke. Danach geht die Aktion in die zweite Runde. Darüber hinaus kann die Plattform in Abstimmung mit Code for Hamburg für weitere Themen genutzt werden. Wer eine Idee für andere Anwendungsfälle als das Abpflastern hat, kann sich bei der Initiative melden.
Für Michael Ziehl und das City Science Lab ist Ende Oktober „das Realexperiment abgeschlossen“. Ziehls Bilanz fällt durch und durch positiv aus: „Wir haben in diesem Bereich alles auf das eine Thema Abpflastern gesetzt – zum Glück! Das hat uns unheimlich gestärkt.“ Das dabei gewonnene Wissen, zum Beispiel zu den Anforderungen für digitale Tools, kann in Zukunft für andere Projekte eingesetzt werden. Was Ziehl und sein Team auch interessiert: „Was sich für Akteurs-Konstellationen bilden.“ In diesem Fall: wie Umweltbehörde, Bezirke und die unterschiedlichsten Initiativen Hand in Hand arbeiten, um Bürgerbeteiligung und Klimaschutz möglich zu machen. „Das ist ein tolles Netzwerk“, sagt Ziehl zufrieden.
English:
Beneath the Pavement, The Meadow
How much new greenery can grow in the city when many people pull together? With the project “Abpflastern” (“Unpaving”), everyone can help transform Hamburg’s gravel and stone deserts into meadows and flowerbeds. The experiment in citizen participation and climate protection is being accompanied by researchers at HafenCity University.
“Unsealed!” is marked in green above many contributions on the website beteilige.me. A cry of victory. Because the project “Abpflastern,” which since early April has been running in Hamburg with unexpectedly great resonance, is all about freeing and greening formerly sealed areas. Many more people than expected apparently want more greenery around them - and, in doing so, want to contribute to making the city more climate-friendly. “Abpflastern” is supported and scientifically monitored by a research project at HafenCity University Hamburg (HCU).
Anyone can participate via the platform beteilige.me (only in German) by suggesting ideas for unsealing - that is, by naming specific places in the city that could be freed from asphalt, gravel, or paving stones and planted with grass or vegetation instead. There are two ways to do this: Either one decides to remove sealing from their own private land (something that the city even provides financial support for), or one proposes public spaces on the website, where the district administration may approve it after review. More than 2,000 entries have already been submitted. “We had hoped that a few dozen people would join in,” says Dr. Michael Ziehl, urban researcher at the City Science Lab of HafenCity University. “We never expected such a response.”
“We want more greenery and more animals”
The majority of contributions are suggestions for sites that could be unsealed. Participants point to public parking lots, event spaces, or access roads that they believe could be turned green. These ideas usually cannot be implemented overnight - but every proposal is reviewed.
What can, however, be done very quickly are unpaving projects on private land. Because here, the owners themselves, who have registered on the list, grab hoes and spades. For example, one family writes on beteilige.me: “We want more greenery and more animals. A natural garden is our model.” They share photos of a backyard area with fresh soil instead of paving stones. Schools turn unpaving into a learning project, removing stones at the edge of playgrounds. Companies unseal part of their parking lots.
Preparing Hamburg for Climate Change
Often it’s just a few square meters that become green space, like a private terrace. Or a few paving stones disappear at the edge of a parking lot. But it’s a start, and it sparks discussion. After all, the long-term goal is to tackle the consequences of climate change. Sealed surfaces store heat, and heavy rain cannot seep away. Every patch of greenery is therefore another step toward making Hamburg more resilient to climate change.
The City Science Lab at HafenCity University, to which Michael Ziehl belongs, leads research in the overall project Connected Urban Twins (CUT). Alongside Hamburg, Leipzig and Munich are also participating. The project relies on digitalization to help cities become more sustainable and resilient. Michael Ziehl summarizes the pragmatic research approach of the City Science Lab like this: “We don’t just think about the scientific paper, but also about the impact we leave in the city.”
Citizens Set the Agenda
One of these legacies for the city will be the platform beteilige.me, a portal for direct citizen participation. “The platform,” says Ziehl, “can be used for any type of project or idea competition between citizens and the administration.” Hamburg already has its own digital platform called DIPAS, which allows residents to digitally participate in administrative topics and planning. But with beteilige.me, it’s the citizens who set the topic. Contributions and data can be forwarded to the administration and used by citizens themselves. For the researchers, it is essential that participation comes from civil society and that they “do not first need the administration’s permission to start a participation process and collect data,” as Ziehl explains.
After the platform had been set up on behalf of the City Science Lab by the coding initiative Code for Hamburg, based on DIPAS, it mainly needed one thing in order to launch, explains Ziehl: “A concrete, useful application.” In other words, a project that interests as many people as possible and motivates them to contribute via beteilige.me. That’s how beteilige.me and the campaign “Abpflastern” came together—a localkraft.org network initiative that, together with the district office, had just started a successful project in Lokstedt. At the same time, Hamburg’s environmental authority had already been working on unsealing projects. Through cooperation with Michael Ziehl and the City Science Lab, beteilige.me became the perfect tool to call for participation.
“The Enormous Potential of Lived Democracy”
The entries on beteilige.me are reviewed, commented on, categorized, and, if necessary, forwarded to the responsible offices by volunteers from Lokalkraft. Sebastian Dorsch from Lokalkraft is also overwhelmed by the participation: “The response has far exceeded our expectations,” he admits. “It’s fantastic that so many people in Hamburg are contributing their local knowledge for a climate-friendly city.” After all, only those who know which areas could be unsealed can propose them. That’s why, for Dorsch, the project is also a lesson in democracy: “I’m very pleased that so many people and stakeholders—such as schools, associations, cultural centres, businesses, and, last but not least, districts—are joining forces for a climate-friendly city. This shows the enormous potential of lived democracy and local co-creation.”
The first round of “Abpflastern” ends on October 31—with an award ceremony. The district or neighborhood, as well as the private individual with the largest unsealed area, will receive a trophy from the environmental authority: the Golden Spade, the Golden Watering Can, and the Golden Rake. After that, the campaign will move into a second round. Beyond this, the platform can be used for other topics in coordination with Code for Hamburg. Anyone with an idea for new applications beyond unsealing can contact the initiative.
For Michael Ziehl and the City Science Lab, the “real-world experiment” ends in late October. Ziehl's conclusion is thoroughly positive: “We put everything in this field on the single topic of unsealing - and luckily so! It has given us enormous strength.” The knowledge gained - for example, about the requirements for digital tools - can be applied to other projects in the future. Ziehl and his team are also interested in “what kinds of actor constellations emerge.” In this case: how the environmental authority, districts, and a wide range of initiatives work hand in hand to make citizen participation and climate protection possible. “This is a great network,” Ziehl says with satisfaction.