60 Jahre Chronologie der Städtepartnerschaft

Marseille war eine der ersten Städte, mit der Hamburg 1958 eine Städtepartnerschaft schloss. Nach dem Weltkrieg gehörte die deutsch-französische Aussöhnung zu den wichtigsten Zielen deutscher und europäischer Politik. Und Aussöhnung, darüber waren sich die Politiker in beiden Ländern einig, konnte nur durch menschliche Begegnung und Verständnis füreinander erzielt werden.

Der alte Hafen Vieux Port im Zentrum von Marseille liegend. Der alte Hafen Vieux Port im Zentrum von Marseille liegend.

Chronologie der Städtepartnerschaft

"Frankophiles" Hamburg

Die Hansestadt an der Elbe konnte nach dem zweiten Weltkrieg an Beziehungen mit Frankreich anknüpfen, die viel umfassender und intensiver waren, als dies nach dem Schlagwort vom "anglophilen Hamburg" angenommen werden kann. Im Zuge der Revolutionswirren im 18. Jahrhundert wie auch vorher schon zur Zeit der Hugenottenverfolgungen in Frankreich war Hamburg für viele französische Emigranten ein Zufluchtsort, an dem sich eine große Zahl dauerhaft nieder ließ und so das Bild der Hansestadt mitgeprägt hat. Manche Handelshäuser tragen noch heute den Namen der französischen Gründer. Und das heutige Thalia-Theater ist aus einem von Franzosen gegründeten Theater hervorgegangen. Allerdings gab es auch dunkle Flecken in der gemeinsamen Geschichte. Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle das Hamburger Konzentrationslager Neuengamme, wohin zwischen 1941 und 1944 auch viele Franzosen deportiert wurden, die schließlich nach unbeschreiblichem Leid umkamen.

Aussöhnung auf kommunaler Ebene

Nach zwei Weltkriegen und einer von den jeweils in beiden Ländern herrschenden immer wieder propagierten und angestachelten "Erbfeindschaft" beider Völker spielten nach 1945 die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich für die europäische Zusammenarbeit eine besondere Rolle. Erstmals in der deutsch-französischen Geschichte unternahmen die politisch Verantwortlichen den Versuch, im Rahmen einer institutionalisierten und dauerhaften Freundschaft die Menschen beider Länder in einem Prozess des gegenseitigen Lernens und Verstehens zu bringen. Partnerschaften auf kommunaler Ebene wurden schon bald als wirksames Mittel erkannt, Menschen im Sinne der Völkerverständigung zusammen zu bringen und die neue Idee des geeinten Europas zu fördern.

1955: Erste Annäherung zwischen Marseille und Hamburg

Der Aufruf der internationalen Bürgermeister-Union und des Europarates, Gemeindepartnerschaften zwischen Deutschen und Franzosen einzugehen, erreichte auch Hamburg. In Marseille war der Gedanke an eine Partnerschaft mit Hamburg 1955 von Kreisen europäischer Bewegungen ins Spiel gebracht worden, womit man beim damaligen Marseiller Bürgermeister, dem Sozialisten Gaston Deferre, positives Gehör fand. In Hamburg setzte sich vor allem der Hamburger Landesverband der Europa-Union nachdrücklich für eine stärkere Verbindung ein und betrieb eine intensive Kontaktpflege zwischen Hamburger und Marseiller - auch privaten - Stellen. Schließlich waren es die Gemeinsamkeiten beider Städte, die eine Partnerschaft auch in Hamburg als sinnvoll erscheinen ließen: eine ruhmreiche wirtschaftliche und kulturelle Vergangenheit, die Berufung zur Hafenstadt, die ihnen die gleichen weiteren Horizonte öffnete und sie vor die gleichen Probleme der Anpassung an die moderne Zeit stellt. Selbst dann, wenn die Mentalitäten unterschiedlich waren und Hamburg gen Norden und Marseille nach Süden blickte. 

1958: Voller Pathos - "Partnerschaftsschwur"

Marseille sah die Partnerschaft mit Hamburg in den innen- und außenpolitischen Wirren des Nachkriegsfrankreichs als Möglichkeit, ein deutliches Bekenntnis zur europäischen Einigung, Freundschaft und den gemeinsamen Werten eines freien Europas abzugeben. Und so wurde 1958 der neue Hamburger Bürgermeister Max Brauer eingeladen, zur Besiegelung der neuen Beziehungen zwischen den beiden Städten nach Marseille zu kommen. Am 10. Juli 1958 schließlich unterzeichneten beide Stadtoberhäupter - Gaston Deferre und Max Brauer - einen feierlichen "Partnerschaftsschwur", im dem mit pathetischen Worten die Verpflichtung zu gegenseitigem Verständnis, Brüderlichkeit und Zusammenarbeit bekundet wurde - ein Pathos, der zum Geist der damaligen Zeit passte. Das gemeinsame Europa war nach Unterzeichnung der Römischen Verträge im Entstehen begriffen und ein neuer Geist erfasste die europäischen Nationen, der die blutigen Konflikte der Vergangenheit ein für allemal verbannen sollte. Hamburg und Marseille wollten fortan diesen Geiste in dem von gemeinsamen Werten der Freiheit und Zusammenarbeit geprägten neuen Europa präsentieren.

1959: Städtepartnerschaft kommt in Gang

Bereits im Mai 1959 - anlässlich des Hafengeburtstags - fand der erste Gegenbesuch des Marseiller Bürgermeisters in Hamburg statt. In den Folgejahren übernahmen sogenannte Jumelage-Komitees - besetzt mit Vertretern aus Behörden und Institutionen - die Aufgabe, der Städtepartnerschaft Leben einzuhauchen. Das von den Komitees entwickelte Arbeitsprogramm sah zunächst gegenseitige Handelskammerbesuche, Besuche von Stadtparlamentariern, die Gründung von Schulpatenschaften sowie den Austausch von Stipendien und Professoren vor, später trat auch ein verstärkter kultureller Austausch hinzu. Über die engsten Verbindungen nach Marseille verfügte in diesen Jahren das Hamburger Handwerk. 1963 entschlossen sich die Handwerksammern Bouches-du-Rhône (Marseille) und Hamburg, im Rahmen der Städtepartnerschaft ebenfalls eine Partnerschaft einzugehen. Auch die Handelskammern der beiden Städte knüpften bereits in diesen Anfangsjahren enge Banden, die bis heute bestand haben.

Gemeinsame Probleme - gemeinsame Lösungen

Ob wirtschaftliche Probleme des Hafens, des innerstädtischen Nahverkehrs, soziale Spannungen und großstädtische Kriminalität, Probleme des Wohnungsbaus oder der Industrialisierung des Umlandes - immer wieder standen und stehen Hamburg und Marseille als Groß- und Hafenstädte vor ähnlichen Problemen und Herausforderungen. Und so gab es zahlreiche Gelegenheiten, zum inhaltlichen und fachlichen Austausch zwischen den beiden Städten.

Beinahe synchron verliefen die Entwicklungen im wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Bereich. Hier die Hafenstadt an der Elbe, die Teile des Hinterlandes durch die politische Grenzziehung des Kalten Krieges einstweilen abbuchen musste. Dort die Hafenstadt am Golf von Lyon, die durch den Verlust des kolonialen Hinterlandes einen großen Teil ihrer Transitfunktion einbüßte. Übereinstimmung herrschte auch in der Antwort, die die beiden Städte in der Form einer verstärkten Industrialisierung zu geben versuchten. Schließlich Übereinstimmung in den Schwierigkeiten, die bei der Erschließung von Gelände, der Finanzierung der Infrastruktur, der Anlage neuer Wohngebiete oder der Überwindung natürlicher Hindernisse aufzutreten pflegen.

Ende der 1960er: Partnerschaft wird zur positiven Normalität

Seit Ende der 1960er Jahre war die Partnerschaft mit Marseille zu einer erfreulichen Realität und Normalität im positiven Sinne geworden. Sportvereine, Kommunalbeamte, Krankenschwestern oder Kulturschaffende aller Schattierungen hatten sich so häufig gegenseitig besucht, dass die Verantwortlichen schon beinahe den Überblick verloren. Besonders von Hamburger Seite aus wurde Marseille zu einem beliebten Reiseziel: Fasziniert vom südlichen Flair der Mittelmeer-Metropole nutzten die Hamburger die Städtepartnerschaft für viele Reisen nach Marseille oder die nahe gelegene Provence. Zu den aktivsten gesellschaftlichen Gruppen gehörte und gehört auf Hamburger Seite die "Deutsch-Französische Gesellschaft Cluny", die bereit seit 1947 bestand und sich seit Gründung der Städtepartnerschaft intensiv um den Kulturaustausch zwischen den beiden Städten bemühte.

1998: 40-jähriges Jubiläum

Ende 1988 schmückte sich Hamburg zehn Tage lang französisch: Die Städtepartnerschaft mit Marseille wurde 30 Jahre alt. Der Rathausmarkt war zehn Tage lang sommerliches Vergnügen im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft. Mit einem umfangreichen Programm aus Kunst, Literatur, Musik und Sport sowie mit volkstümlichen Feierlichkeiten und einem gewaltigen Feuerwerk, mit dem ein Marseiller Künstler das Rathaus "in Flammen" setzte. 1998 wurde das 40. Jubiläum - in Anwesenheit einer Hamburger Delegation unter Bürgermeister Runde - in Marseille gefeiert.

2008: Ein halbes Jahrhundert Städtepartnerschaft

In den vergangenen Jahren ist es etwas ruhiger geworden um die Städtepartnerschaft. Viele private Initiativen engagieren sich nach wie vor und zeigen so, dass die Städtepartnerschaft sich von der Politik emanzipiert hat. Der öffentliche Rahmen ist vorgegeben worden und mit privatem Engagement und persönlichen Beziehungen gefüllt worden. 2008 stand dann jedoch nochmal unter einem Höhepunkte: ein halbes Jahrhundert Partnerschaft! Zum 50-jährigen Partnerschaftsjubiläum fanden in Frankreichs Süden und Deutschlands Norden viele Feierlichkeiten mit einem abwechslungsreichen Programm statt. 

2013: Doppeltes Jubiläum

Im Jahr 2013 konnten gleich zwei Jubiläen gefeiert werden: 50 Jahre Unterzeichnung des Elysée-Vertrages und 55 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Marseille. Gefeiert wurde die deutsch-französische Freundschaft in der Hamburger Laeiszhalle mit einem Senatsempfang und einem Sinfoniekonzert. Zu Gast war Elke Palmieri, Mitglied des Stadtrates in Marseille. Zum 55-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft fanden zahlreiche Kooperationen sowohl im wirtschaftlichen als auch im kulturellen Bereich statt - darunter zum Beispiel die deutsch-französischen Kulturtage mit mehr als 50 Veranstaltungen, die im Januar das Jubiläumsjahr eröffneten.

2018: Diamantene Hochzeit

Im Jahr 2018 feierten die beiden Hafenstädte bereits das 60-jährige Jubiläum ihrer Partnerschaft. Mit einem Senatsempfang im Hamburger Rathaus wurden am 10. Januar sowohl das Jubiläumsjahr als auch das „Jahr der französischen Sprache und der frankophonen Kulturen“ eröffnet, das Hamburg ausgerufen hatte. Über das gesamte Jahr wurden mit Lesungen, Schulprojekten, Austauschprogrammen und vielen anderen Veranstaltungen die Partnerschaft gefeiert. Begegnungen von angehenden Journalisten, Filmfeste, Kultur-, Sport-und Bildungsaustausche waren Zeugen einer lebendigen und aktiven Partnerschaft, die sich in den vergangenen sechs Jahrzehnten in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen entwickelt hat.

Auch die offiziellen Stellen feierten das Jubiläum. Im Juli reiste eine Hamburger Delegation unter Führung von Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher nach Marseille, um unter anderem an den Feierlichkeiten und der Militärparade anlässlich des französischen Nationalfeiertags am 14. Juli teilzunehmen. Der Gegenbesuch der Delegation aus Marseille erfolgte Ende September. In diesem Rahmen wurden Vereinbarungen zur weiteren Zusammenarbeit in den Bereichen Stadtentwicklung und Häfen unterzeichnet. Die Besuche der Stadtoberhäupter unterstrichen die Wichtigkeit der Partnerschaft für beide Seiten. 

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