22. Februar 2019 Matthiae-Mahl 2019

Rede des Ersten Bürgermeisters, Peter Tschentscher, anlässlich des Matthiae-Mahls. Es gilt das gesprochene Wort.

Matthiae-Mahl 2019

Sehr geehrter Herr Präsident der Lettischen Republik Vējonis,
sehr geehrte Frau Vējone,
sehr geehrter Herr Bundespräsident Steinmeier,   
sehr geehrter Herr Bundesratspräsident Günther,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler a. D. Schröder,
Exzellenzen,
sehr geehrte Frau Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft Veit,
sehr geehrte Mitglieder des Konsularischen Korps,
sehr geehrte Abgeordnete, 
meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen im Festsaal des Hamburger Rathauses. Seit über 600 Jahren lädt die Freie und Hansestadt Hamburg zum Matthiae-Mahl ein. Der Ablauf folgt seit Jahrhunderten einem annähernd unveränderten Protokoll. Denn Hamburg ist eine moderne und innovative Metropole. Gleichwohl legen wir Wert auf Traditionen, die immer auch ein Geschichts- und Kulturgut sind, das die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet. 

Ich bin daher froh, dass unsere Vorfahren schon vor 663 Jahren damit begonnen haben, für das Matthiae-Mahl Besteck auszuteilen, obwohl seinerzeit ansonsten noch mit den Fingern gegessen wurde. Die Messer, Gabel und Löffel an Ihren Plätzen stammen aus dem Silberschatz des Rathauses. Wie in früheren Jahrhunderten möchten wir mit dem Matthiae-Mahl und den Ehrengästen der „Hamburg freundlich gesonnenen Mächte“ die Kontakte unserer Stadt vertiefen und das Netzwerk der guten internationalen Beziehungen Hamburgs verstärken. 

Sehr geehrter Herr Präsident Vējonis und Herr Bundespräsident Steinmeier, 

herzlichen Dank, dass Sie die Einladung zu diesem ältesten Traditionsmahl der Welt angenommen haben und dass Sie bereit sind, für uns eine Festrede zu halten.

Die Hauptstadt der lettischen Republik Riga, die Hauptstädte der anderen baltischen Staaten und Hamburg waren schon zu Zeiten der Hanse enge Partner. Im Städtebund der Hanse vernetzten sich seinerzeit die Kaufleute und einigten sich auf faire Regeln beim Warenaustausch. Ehemalige Konkurrenten gründeten gemeinsame Handelsniederlassungen. Sie gewährten einander Schutz und verzichteten auf gegenseitige Angriffe. 

Die Hanse vertrat also schon im Mittelalter eine erste Idee des Friedens und freien Handels in Europa, nach fairen und gleichen Regeln für alle. Dies führte zu einer wirtschaftlichen Blüte und einem beispiellosen Aufschwung der daran beteiligten Städte. 

Der Ostseeraum ist auch heute von großer wirtschaftlicher Bedeutung für Hamburg und die baltischen Staaten, die sehr dynamisch wachsende Volkswirtschaften haben. Deutschland ist zweitgrößter Lieferant nach Lettland und viertgrößter Abnehmer lettischer Exporte. Nach einer regelmäßigen Umfrage würden acht von zehn deutschen Unternehmen, die in Lettland investiert haben, dies wieder tun. Mit der Deutsch-Baltischen Handelskammer hat unsere Wirtschaft in Riga einen verlässlichen Ansprechpartner. 

Etwa 280 Hamburger Unternehmen unterhalten Wirtschaftsbeziehungen zu Lettland. Unser Digitalcluster Hamburg@Work wird am kommenden Montag mit dem größten Digitalverband Lettlands eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnen, über die künftige Zusammenarbeit in der Digitalisierung der Wirtschaft. 

Der Seegüterverkehr zwischen Hamburg und Lettland ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Diese Entwicklung wollen wir fortführen. In den nächsten Tagen unterschreiben wir ein Memorandum of Understanding mit dem lettischen Verkehrsministerium über die weitere Zusammenarbeit zwischen den Häfen Lettlands und der Metropolregion Hamburg.

Eine weitere Parallele zwischen Hamburg und den baltischen Ländern besteht in ihrer lebendigen demokratischen Tradition. Schon vor hundert Jahren waren Riga und Hamburg Zentren des Ringens um Demokratie, Gleichberechtigung und den Zugang zur Bildung. 

Mit der Einführung der Demokratie wurde die Universität Hamburg gegründet, in Riga die Universität Lettlands. Beide Städte erlebten in den 1920er Jahren eine Blüte der Wissenschaft und Kultur – Riga galt als „Paris des Ostens“. 

Daran knüpfen wir heute an. Es bestehen exzellente Forschungskooperationen zwischen unseren wissenschaftlichen Einrichtungen DESY und XFEL und dem Institute of Solid State Physics der Universität von Lettland sowie zwischen unserer HafenCity-Universität und der Technischen Universität Riga. In insgesamt etwa dreißig gemeinsamen Projekten arbeiten Hamburger und lettische Wissenschaftler derzeit zusammen. Wir haben ambitionierte Ziele in der Wissenschaft. Die Hamburger Universität beteiligt sich erfolgreich an der Exzellenzstrategie in Deutschland. 

Sehr geehrter Herr Präsident Vējonis,

wir wollen mit dem von uns gegründeten Baltic Science Network auch die wissenschaftliche Kooperation im Ostseeraum intensivieren und freuen uns, dass Sie das unterstützen.

Meine Damen und Herren,

das Grundprinzip des früheren Hanse-Städtebundes ist bis heute aktuell. Freier Handel und Warenaustausch mit gleichen Regeln für alle Marktteilnehmer sind die Grundlage für produktive Wirtschaft, Wertschöpfung und Wohlstand. 

Hamburg hat der Idee der Hanse den Anspruch eines „Ehrbaren Kaufmanns“ hinzugefügt. Er besagt, dass es in Handels- und Geschäftsbeziehungen nicht nur um kurzfristigen Gewinn geht, sondern um langfristiges Vertrauen und Verlässlichkeit, um die Beachtung des Grundsatzes von Treu und Glauben und die Belange des Gemeinwohls.

Die Grundsätze des Ehrbaren Kaufmanns lassen sich modern und in einer globalen Wirtschaft auch mit dem Begriff „Fair Trade“ beschreiben. Es geht darum, Handelspartnern auf Augenhöhe zu begegnen, auch ihre Interessen und Belange zu beachten, sie als Partner zu sehen, nicht als Gegner oder gar als Feind.

Freie und stabile Handelsbeziehungen in diesem Sinne sind friedensstiftend. Stabile politische Beziehungen und gute Handelsbeziehungen verstärken sich gegenseitig.

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Hamburg leben Menschen aus 180 Staaten der Welt. Die Vielfalt der Kulturen und Religionen, die bei uns gelebt werden, die Weltoffenheit und Internationalität sind seit Jahrhunderten ein Markenzeichen unserer Hansestadt. In der Präambel der Hamburgischen Verfassung heißt es, dass wir „im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt“ sein wollen. 

Dabei unterstützen uns 100 konsularische Vertretungen von allen Kontinente und ein eigenes Netzwerk von Hamburg-Ambassadoren als unsere ehrenamtlichen Botschafter in 24 Ländern. Die europäische Einigung ist ein großer Schritt im Sinne unserer Verfassung. Sie hat uns seit über 70 Jahren Frieden, Freiheit und Wohlstand gesichert. Zu den Errungenschaften der Europäischen Union gehört auch, dass die Mitgliedstaaten gemeinsam besser auf globale Herausforderungen antworten können. Selbst größere europäische Länder können sich international alleine nicht hörbar zu Wort melden. In einer Welt von mehr als sieben Milliarden Menschen schafft die Europäische Union für uns dagegen eine realistische Möglichkeit, gemeinsam Einfluss zu nehmen. 

Zusammen können wir uns wirksamer für die gemeinsamen wirtschaftlichen und politischen Ziele einsetzen - für freien Handel, Arbeitnehmerrechte, Verbraucher- und Umweltschutz. Als Europäische Union sind wir gemeinsam ein starker Verhandlungspartner für die großen transatlantischen und asiatischen Länder. Je stärker die großen Mächte in der Welt auf ihre eigenen Interessen setzen, umso bedeutender ist es, dass wir uns gemeinsam engagieren für fairen Wettbewerb, einen starken Rechtsstaat, freie Presse und eine demokratische Öffentlichkeit. 

Der Brexit ist ein großer Verlust für die europäische Einigung und für Großbritannien selbst. Er trifft Lettland mit seinen Verbindungen ins Vereinigte Königreich genauso wie Hamburg, das als britischste Stadt auf dem Kontinent gilt. 

Andererseits haben wir in der Europäischen Union seit 2004 mit den baltischen Staaten neue Mitglieder gewonnen, die wirtschaftlich dynamisch sind, Innovation und Digitalisierung vorantreiben und neue Kraft für die europäische Idee einbringen. 

Während viele Menschen in Deutschland und anderen EU-Staaten die Errungenschaften der europäischen Einigung schon als selbstverständlich empfinden, haben die Bürgerinnen und Bürger der baltischen Staaten ihre Freiheit und Demokratie erst 1989 neu errungen. Mit einer 600 Kilometer langen Menschenkette und der „singenden Revolution“ haben sie ein wichtiges Signal für den Fall des Eisernen Vorhangs gegeben und dazu beigetragen, dass Europa friedlicher und demokratischer wird. Bei den Europawahlen im kommenden Mai werden die Weichen für den Zug der europäischen Einigung neu gestellt. Ich hoffe sehr, dass die europäische Idee dabei wieder Rückenwind erhält. 

Sehr geehrter Herr Präsident Vējonis,

dass Sie unsere Einladung angenommen haben und heute mit uns gemeinsam das Matthiae-Mahl feiern, ist ein Zeichen unserer Verbundenheit und unseres Willens, die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen unseren Ländern zu vertiefen. 

Das ist der Geist Europas, hier in Hamburg!   

Hamburg und Lettland haben viel gemeinsam, zum Beispiel in der Musik. Die erste Organistin der Elbphilharmonie und die Erste Solistin beim Hamburg Ballett stammen aus Lettland. Die Hochschule für Musik und Theater Hamburg und die Kulturakademie Lettland arbeiten eng zusammen. 

Das ist keine Nebensache. Kunst und Musik sind Ausdruck von Identität, schaffen Zugang zu den Wurzeln einer Gesellschaft und stiften Gemeinschaft. Das alles ist wichtig für die Verständigung und Demokratie in Europa. 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

auf eine gute Zukunft in einem geeinten Europa und auf einen schönen Abend im Festsaal des Hamburger Rathauses! 

Herzlichen Dank.

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