Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

19. Februar 2021 Rede Bundesumweltministerin Svenja Schulze

Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Rede Bundesumweltministerin Svenja Schulze als Ehrengast beim traditionellen Matthiae-Mahl auf Einladung des Ersten Bürgermeisters von Hamburg am 19. Februar 2021. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede Bundesumweltministerin Svenja Schulze

Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister, lieber Peter,
Sehr geehrter Herr Stadtpräsident Trzakowski,
Sehr geehrte Frau Präsidentin der hamburgischen Bürgerschaft,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Es ist mir eine große Ehre, bei diesem traditionsreichen Festmahl zu sprechen. Sechshundertfünfundsechzig Jahre ist es alt und schafft dennoch mühelos den Sprung ins Digitale. Ein Ausdruck von Offenheit und Pragmatismus, also typisch hanseatisch.

Vor meinem inneren Auge sehe ich den prunkvollen Festsaal, den Kronleuchter, reich gedeckte Tische, dekoriert mit den historischen Schätzen der Stadt.

Tatsächlich sehe ich, wie wahrscheinlich viele von Ihnen: mein Tablet, meinen Schreibtisch und, wenn ich mich leicht nach rechts drehe, einen mittlerweile sehr wohl bekannten Blick aus dem Fenster. Wie so oft in den letzten Monaten und Wochen. Wahrscheinlich geht es vielen von Ihnen ähnlich: Nie zuvor waren wir so wenig unterwegs, so viel zuhause oder im Büro.

Wie wichtig dieses direkte Umfeld für unser Wohlergehen ist, das ist für mich eine der Lektionen aus der Corona-Krise. Was wir mögen und was uns fehlt in der Stadt, in der wir leben, das rücken die Corona-bedingten Einschränkungen in den Fokus. Die Pandemie stellt viele Selbstverständlichkeiten in Frage. Ich finde, sie bietet auch einen guten Anlass, darüber nachzudenken, wie unsere Städte in Zukunft aussehen sollten.

Ich bin aufgewachsen unweit der Landeshauptstadt Düsseldorf. Mit Großstadt habe ich verbunden, dass es laut ist und die Luft schlecht. Der ein oder andere musste dort hinziehen, weil es dort Arbeit gab. Ganz so düster sah es in Hamburg natürlich nie aus. Und auch im Ruhrgebiet sind die Städte längst nicht mehr laut und grau, sondern bunt und lebenswert – genauso wie meine heutige Heimatstadt, die Wohlfühl-Metropole Münster. Aber immer noch gilt doch deutschlandweit: Wer die Natur liebt, zieht aufs Land.

Muss das so sein? Peter Tschentscher und Rafał Trzaskowski haben über die Kraft der Städte im Klimaschutz gesprochen. Ich bin überzeugt: Wenn wir unsere Städte noch konsequenter auf den Klimaschutz ausrichten, wenn wir die Natur in die Stadt holen, dann werden unsere Städte noch lebenswerter. Dann profitiert nicht nur das Klima, dann profitieren alle Bürger und Bürgerinnen, genauso wie die Wirtschaft.

Ich will das anhand von drei Beispielen illustrieren:

Keiner von uns steht gerne im Stau. Drängelt sich in der vollbepackten U-Bahn oder auf dem zu engen Fahrradweg. All das muss nicht sein. Deshalb investieren Städte, die auf Klimaschutz setzen, in neue Radwege, in den Ausbau von Bussen, S- und U-Bahnen, in moderne E-Busse und E-Cargos, in innovative on-demand Angebote. Genau wie das hier in Hamburg der Fall ist. Dadurch wird das Auto immer unwichtiger, die Alternativen immer attraktiver. Sie investieren in eine Zukunftsstadt statt in den Stau.

All das ist Klimaschutz. Und wird deshalb aus Bundesmitteln unterstützt. Der Klimaschutz ist ein guter Grund, das städtische Verkehrssystem zu modernisieren. Mehr Platz im öffentlichen Raum, bessere Luft, weniger Lärm, mehr Sicherheit im Verkehr sind willkommener Beifang.

Mein zweites Beispiel: Nie zuvor wurde so viel spazieren gegangen wie während des Lockdowns. Ausgetretene Wege in Parks, Karawanen von Sonntagsspaziergängern und Spuren auf den Wiesen zeugen davon.

Ich wünsche mir, dass wir in den Städten der Zukunft viel mehr zu Fuß erledigen können. Visionäre Pläne verfolgt in dieser Hinsicht Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris. Sie hat sich dem Ziel einer „15 Minuten Stadt“ verschrieben, in der alle lebenswichtige Infrastruktur – Schulen, Kitas, Arbeit, Gesundheitsversorgung, Läden und Geschäfte – von zuhause aus in 15 Minuten zu erreichen sind. Zu Fuß! Ich finde das eine wirklich faszinierende Idee. Die achtspurigen Champs-Elysées will sie in einen „außergewöhnlichen Garten“ umgestalten, mit breiten Fahrradwegen, Hunderten von Bäumen, vielleicht sogar einem Schwimmbecken. In ihrer zweiten Amtszeit will sie 170.000 Bäume pflanzen. Sie schafft damit eine Zukunftsstadt statt Beton.

Wenn Fahrstreifen und Parkplätze zu Sport- und Spielflächen, zu Parks werden, wenn Fassaden und Dächer begrünt werden, dann macht das unsere Städte nicht nur klimafreundlicher, sondern auch bunter, gesünder, leiser, sauberer, hitzeresistenter, lebenswerter. Der von mir konzipierte „Masterplan Stadtnatur“ stellt sicher, dass Städte auf diesem Weg vonseiten des Bundes unterstützt werden.

Mein drittes und letztes Beispiel: Das Kraftwerk in Moorburg.

Gestern noch war Moorburg für viele in Hamburg und darüber hinaus Sinnbild für ein Festklammern am fossilen Zeitalter. Über 20.000 junge Menschen standen hier im letzten Februar auf der Straße. Keiner davon konnte verstehen, warum Hamburg heutzutage noch ein neues Kohlekraftwerk braucht.

Jetzt wird Moorburg zum Symbol einer sauberen, zukunftsgewandten Industrie – auch dank des Engagements Ihres Ersten Bürgermeisters. Zukunftsstadt statt Kohlestaub: Aus Moorburg kommt künftig grüner Wasserstoff statt braunem Kohlestrom. Potentielle Abnehmer gibt es viele: Hamburger Stahl-, Alu- und Kupferwerke erkennen darin den Stoff, der sie fit macht für die Zukunft. Denn in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wird die ganze Welt klimaneutral wirtschaften. Das steht so im Pariser Klimaabkommen. Grüner Wasserstoff bietet diesen Industrien die Chance, weiter mitzuspielen. Gleiches gilt für den Schiffsverkehr.

Deshalb flankiert der Bund den Markthochlauf von grünem Wasserstoff mit der nationalen Wasserstoffstrategie. Deshalb unterstützt mein Ministerium die Dekarbonisierung der Industrie mit zwei Milliarden Euro bis 2024. Moorburg steht beispielhaft dafür, wie Klimaschutz unsere Wirtschaft modernisiert und zukunftsfähige Arbeitsplätze schafft. Ich würde mir wünschen, dass das Hamburger Vorbild viele anregt, ähnliches in ihren Kommunen voran zu bringen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Städte sind nicht nur Vorreiter im Klimaschutz, sie sind auch die Haupt-Leidtragenden. Im August letzten Jahres schwitzten Sie sich in Hamburg durch einen Hitzerekord. Vor allem Alte und Kranke brachte das an ihre Belastungsgrenzen. Gleichzeitig sagt uns die Klimawissenschaft: Erst die Nuller-, dann die 10er Jahre dieses Jahrhunderts waren zwar die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Wenn wir aber die Klimakrise nicht aufhalten, dann werden sie uns dennoch als die kältesten des Jahrhunderts in Erinnerung bleiben.

Dieses historische Festmahl regt dazu an, in historischen Dimensionen zu denken. Und was ein steigender Meeresspiegel langfristig für Hamburg bedeutet, das möchte ich hier gar nicht weiter ausmalen.

Lieber Stadtpräsident Trzaskowski,

Hamburg ist mit seinem Hafen ein sprichwörtliches Tor zur Welt. Die Freie und Hansestadt Hamburg hat seit Jahrhunderten diese Weltoffenheit gelebt – und hat sehr gut damit gelebt. Ich sehe mit großem Respekt, wie Sie Ihre wunderschöne Stadt Warschau weltoffen gestalten und repräsentieren. Sie haben einen Kurs eingeschlagen, der viele Menschen in Europa begeistert: mit Klimaschutz und Toleranz, Europa und der Welt zugewandt. Als eine dieser überzeugten Europäerinnen wünsche ich Ihnen für Ihren weiteren Weg viel Glück und Erfolg!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wie sehr wir auf eine lebenswerte Stadt unmittelbar vor der eigenen Haustür angewiesen sind, erleben wir alle während des Lockdowns und der Reisebeschränkungen. Das muss dazu führen, dass wir den Schatz an Grünflächen, Parks und sozialer Infrastruktur schützen, ausbauen und noch mehr Menschen zugänglich machen.

Voraussetzung dafür ist ein handlungsfähiger Staat. Deshalb ist es genau richtig, dass Sie hier in Hamburg derzeit trotz Pandemie kräftig investieren. Dazu passt, dass das Umweltministerium die Unterstützung von Städten und Kommunen im Klimaschutz gerade wesentlich ausweitet. Wir dürfen uns unser Klima, wir dürfen uns unsere Städte nicht kaputtsparen.

Investitionen in den Klimaschutz helfen uns, aus der aktuellen Krise gestärkt heraus zu kommen. Und sie wappnen uns für künftige Herausforderungen.

Vielen Dank.

Themenübersicht auf hamburg.de

Empfehlungen

Anzeige
Branchenbuch