Sturmflutkatastrophe Hamburg 1962. Erinnerungen 50 Jahre danach

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Erlebnisse, welche im Gedächtnis haften geblieben sind. Ein schlechtes Gewissen schwingt auch immer noch mit.

Sturmflutkatastrophe Hamburg 1962. Erinnerungen 50 Jahre danach


Damals, im Februar 1962, leistete ich in Hamburg meinen Grundwehrdienst. Aufgewachsen bin ich im westlichen Niedersachsen, im Artland des jetzigen Kreises Osnabrück. Stationiert war ich seinerzeit in der Boehn-Kaserne, an der Timmendorfer Straße in Hamburg-Rahlstedt. Meine Einheit war die 3. Batterie des Feldartilleriebataillons 177, welches zur 17. Brigade des 6. Panzergrenadierbataillons in Neumünster gehörte. Unsere Batterie setzte sich damals in etwa je zur Hälfte aus Wehrdienstleistenden aus Hamburg und dem Osnabrücker Raum zusammen. Hinzu kamen noch einige Männer aus Bremen bzw. Bremerhaven. Wir waren im April 1961 eingezogen worden und waren nach Beendigung der Grundausbildung inzwischen zu einer guten Gemeinschaft zusammengewachsen. Ich selbst war zu der Zeit als Kanonier ausgebildet und übte eine Tätigkeit als Schreiber in der Schreibstube aus.

Am 16. Februar 1962 um die Mittagszeit wütete bereits ein heftiger Sturm über Hamburg. Das merkte ich sogleich, als ich zum Mittagessen in die Kantine gehen wollte. Sobald ich meine Nase um die Ecke des Kasernenblockes steckte, wurde ich von einer Windbö vom Bürgersteig auf die Straße gefegt. Einige Straßenteile waren bereits mit Flatterbändern abgesperrt, weil sich Dachziegel von den Kasernengebäuden gelöst hatten und auf die Straße gefallen waren.

Es war Freitag. Viele der in Hamburg ansässigen Kameraden holten am Nachmittag des Tages bei mir in der Schreibstube ihre Wochenendurlaubscheine ab. Sie hatten ja die kurzen Wege. Wer nicht zur Wochenendbereitschaft zählte, konnte Urlaub nehmen. Wir Osnabrücker hatten es nicht so einfach. Für uns war der Weg nach Haus weiter und kostspieliger. Ein eigenes Kraftfahrzeug hatte damals noch fast niemand. Ich persönlich hatte an diesem Wochenende etwas Besonderes vor. Ich wollte mir einen Fotoapparat kaufen. Dazu hatte ich mich mit drei oder vier Kameraden verabredet, am Sonnabend in die Innenstadt zu fahren. Um nicht Probleme mit dem Kasernendienst zu bekommen, hatten wir auch Wochenendurlaub genommen, wollten aber in der Kaserne nächtigen und über Tag unsere Wege gehen. Offiziell waren wir also nicht in der Kaserne angemeldet.

Abends tobte der Orkan weiter mit großer Heftigkeit. Ich kann mich erinnern, dass unser UvD, Unteroffizier vom Dienst, äußerte: „Wenn dass man gut geht, da kommt wohl noch was auf uns zu!“ Wie recht er hatte. Wir waren zu Bett gegangen und schliefen dem Morgen entgegen.

Plötzlich in der Nacht, es muss in der zweiten Nachthälfte gewesen sein, wurden wir unsanft durch die Trillerpfeifen des UvD und des diensthabenden Gefreiten geweckt. Es hieß: „Alle aufstehen, antreten auf dem Korridor“. Entfallen ist mir, ob wir 5 offiziell abwesenden noch mit angetreten sind oder ob wir uns nach kurzer Beratung erst danach auf die Toiletten verkrümelt haben. Jedenfalls haben wir dort gewartet, bis die Kameraden feldmarschmäßig angezogen abgerückt sind. Um was es damals ging, war uns nicht bewusst, hätten wir uns vielleicht in etwa denken können. Bevor wir wieder zu Bett gegangen sind, haben wir uns dann noch dahingehend verabredet, morgens kurz nach 6 Uhr die Kaserne zu verlassen, um nicht weiter aufzufallen.

Gesagt getan, früh am Sonnabendmorgen marschierten wir in Zivilkleidung durch das Kasernentor und machten uns auf den Weg zum U-Bahnhof Farmsen. Von dort fuhren wir in Richtung Innenstadt. Eigentlich war alles normal. Jedoch aus einigen Gesprächen der Mitreisenden entnahmen wir, dass doch wohl nicht alles in Hamburg zum Besten stand. Nichts Genaues wusste man aber auch nicht. Nun, haben wir uns gedacht, durch den Sturm wird schon einiges verursacht worden sein. Ohne Schäden geht das meist nicht ab.

Es war noch früh. Die Geschäfte hatten noch nicht geöffnet. Ob wir am Hauptbahnhof oder erst am Rathaus ausgestiegen sind, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls bemerkten wir am Rathaus und am Großen Burstah, dass dort die Feuerwehr Keller auspumpte. Nun waren wir neugierig geworden. Wir bewegten uns zum Hafen fort. Am Rödingsmarkt waren noch Wasserflächen, wir mussten von Insel zu Insel springen. Am Vorsetzen lag manchmal ein kleines Küstenmotorschiff namens „John Olbers“. Diesmal lag es jedoch nicht im Wasser, sondern oben „auf dem Trockenen“. So etwas hatten wir auch noch nicht gesehen. Die Überseebrücke war nicht erreichbar, der Aufgang lag noch im Wasser. Nachdem wir genug gestaunt hatten, haben wir wieder die Richtung zur Innenstadt eingeschlagen. In einem Fotogeschäft habe ich mir meinen ersten Fotoapparat, eine „Voigtländer Vito C“ gekauft. Hätte ich sie bereits vorher gehabt, so wären sicherlich schon einige eindrucksvolle Bilder abgelichtet worden. Gemeinsam mit den Kameraden sind wir weiter durch die Stadt geschlendert. Am Eingang zu „Planten un Blomen“, am Stephansplatz, stand damals ein Kiosk, in dem ein Buchgeschäft eingerichtet war. Dort habe ich mir antiquarisch noch ein Buch von Hans Leip, „Die Sonnenflöte“, gekauft. Sodann sind wir am Gänsemarkt in den Ufa-Palast gegangen und haben uns einen Film in der Nachmittagsvorstellung angesehen. Wir mussten ja die Zeit totschlagen. Die Filmvorstellung musste mehrmals wegen Stromausfall unterbrochen werden. Dies war auch ein neues Erlebnis. „Was machen wir jetzt?“ haben wir uns nach dem Kinobesuch gefragt. „Machen wir uns noch einen schönen Abend auf St. Pauli oder wo können wir sonst noch hingehen?“ Irgendwie plagte uns doch ein schlechtes Gewissen. Außerdem war uns angesichts des schmalen Wehrsoldes die Reeperbahn zu teuer. Wir haben uns entschlossen, wieder zur Kaserne zurückzufahren, um die Lage zu peilen. Am Kasernentor eröffnete uns die Wache: „Wenn Ihr jetzt reingeht, kommt Ihr nicht wieder heraus! Wir haben strikte Anweisung.“ Auch unsere Einheit sei noch nicht zurück. Das schockte uns. Wir drehten wieder ab und begaben uns zur nicht weit entfernten „Feldwebel-Kneipe“. Diese Gaststätte wurde allgemein von uns so genannt, weil dort häufig die Unterführer der Kaserneneinheiten, also Unteroffiziere und Feldwebel, verkehrten. Nach dem Genuss einiger ausgezeichnet gezapfter Gläser „Astra“, dafür war die Gaststätte bekannt, hörten wir im Radio die 19-Uhr Nachrichten. Zu diesem Zeitpunkt erfuhren wir erst, was der Orkan der vergangenen Nacht in Hamburg und Norddeutschland angerichtet hatte. Plötzlich schmeckte uns das Bier nicht mehr. Ergebnis des erneuten „Kriegsrates“: „Wir gehen in die Kaserne zurück und stellen uns zur Verfügung“.

Wir meldeten uns bei der Einheit zurück und wurden sogleich vom stellvertretenden Spieß (Kompaniefeldwebel), ich glaube es war Oberfeldwebel Weiß, ein energischer Oberpfälzer, der auch der Chef der Fernmelder war, eingeteilt. Es gab keinerlei Vorwürfe wegen unserer vorgespiegelten „Urlaubsabwesenheit“. Besonders die ausgebildeten Kraftfahrer unter uns wurden dringend benötigt. Ich als „Schreibstubenhengst“ konnte vorerst nur dazu gebraucht werden, über Nacht Telefondienst zu schieben. Unsere Kameraden kamen auch erst am Abend durchnässt und völlig kaputt aus dem Einsatz zurück. Sie waren im Überschwemmungsgebiet Wilhelmsburg und Umgebung eingesetzt worden, um Personen zu retten. Die Kantine schob eine Sonderschicht, um mit Essen und Trinken die verbrauchten Reserven wieder aufzufrischen.

Einige Kameraden aus Osnabrück und Umgebung, welche am fraglichen Wochenende nach Hause gefahren waren, konnten erst nach Tagen zur Einheit zurückkehren, weil die Verkehrsverbindung südlich von Hamburg unterbrochen war. In den nächsten Wochen wurde unsere Einheit herangezogen, um verendetes Vieh zu bergen. Auch ich wurde neben dem turnusmäßigen nächtlichem Telefondienst eines Tages eingeteilt, um mit einigen Kameraden südlich der Ost-West-Straße aus den vollgelaufenen Souterrain-Läden verdorbene Lebensmittel zu verladen und zu einer Müllkippe zu fahren. Gemessen an dem Anteil der im Rettungseinsatz gewesenen Kameraden, war mein Beitrag eher bescheiden.

Die Stadt Hamburg bedankte sich bei unserer Einheit später mit einer Hafen- und Unterelberundfahrt auf dem HADAG-Schiff „Jan Molsen“ mit Freibier, welches wir dankend annahmen. Dort konnte ich dann auch meinen Fotoapparat einsetzen.

Meine Dienstzeit endete am 30.06.1962, nachdem sie durch die Ereignisse des Mauerbaues in Berlin zwischenzeitlich von 12 auf 15 Monate verlängert worden war. Ich blieb danach in Hamburg. Überrascht wurde ich dann von der Mitteilung des Kreiswehrersatzamtes in Osnabrück, dass mir als Angehörigem der Einheit die Dankmedaille der Stadt Hamburg verliehen worden wäre. Damit bekam ich ein noch schlechteres Gewissen und ich stand vor der Frage, sie anzunehmen oder abzulehnen. Schließlich habe ich sie während eines Urlaubsaufenthaltes in Osnabrück abgeholt.

Hamburg bin ich während meiner gesamten weiteren Berufstätigkeit treu geblieben, habe dort noch 9 Jahre gewohnt, eine Hamburgerin geheiratet und wohne seit 1971 in Schleswig-Holstein, im Kreis Pinneberg. Möge das schöne Hamburg künftig von derartigen Katastrophen verschont bleiben.


Horst Möller – Online veröffentlicht am 29.02.2012

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