Mit der Verleihung des Aby Warburg-Preises an Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Sigrid Weigel ist heute eine der renommiertesten deutschen Literatur- und Kulturwissenschaftlerinnen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis des Hamburger Senats wird alle vier Jahre an eine Persönlichkeit des Geisteslebens vergeben, deren Denken und Forschen im Sinne Aby Warburgs die wissenschaftlichen Disziplinen übergreift und in der europäischen Kultur fundiert ist. Der Aby Warburg-Förderpreis in Höhe von 10.000 Euro ging als Stipendium an die Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Mirjam Brusius. Staatsrat Dr. Carsten Brosda überreichte die Auszeichnungen heute bei einem Festakt im Rathaus.
Kulturstaatsrat Dr. Carsten Brosda: „Wir leben aktuell in einer Gesellschaft, die sowohl ihre Informationsrezeption als auch ihren kommunikativen Austausch zunehmend über Bildmedien organisiert. Ganz in Aby Warburgs Sinne braucht es daher heute dringend eine visuelle Aufklärung, die der vermeintlich unmittelbar wirkenden Kraft des Bildes genau jene rationalisierenden Methoden entgegenbringt, die die Aufklärung gegenüber der Schrift bereits entwickelt hat. Heute zeichnen wir zwei Forscherinnen aus, die eine für diese hochaktuelle Perspektive anschlussfähige eigene Sprache entwickelt haben. Sigrid Weigel hat nicht nur auf höchstem Niveau geforscht, gelehrt und publiziert, sondern auch über 15 Jahre lang das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin geleitet und diesem zu großem internationalen Renommee verholfen. Ihr Wirken hatte stets politische und gesellschaftliche Relevanz, ihre Stimme hat weit über die wissenschaftlichen Institutionen hinaus Gewicht. Es ist deshalb eine große Freude und Ehre, sie mit dem Aby Warburg-Preis auszuzeichnen.
Mirjam Brusius wirft mit einem an Warburg geschulten Blick aktuelle, komplexe und bisweilen unbequeme Fragen auf. Der Aby Warburg-Förderpreis soll sie ermutigen, ihre Forschung in diesem Sinne fortzusetzen.“
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Sigrid Weigel: „Warburgs Kulturwissenschaft, die heute zu den erfolgreichsten Exportartikeln der deutschsprachigen Geisteswissenschaften gehört, ist aktueller denn je. Sie beleuchtet die psychischen Energien, die dem menschlichen Ausdruckswillen zugrunde liegen und erschließt für das Bildgedächtnis der europäischen Kulturgeschichte, was Freud an der Psyche des Einzelnen studiert hat.“
Die Laudatio auf Sigrid Weigel hielt Prof. Dr. Andreas Beyer, Leiter des internationalen Warburg-Forschungsverbunds „Bilderfahrzeuge”. Die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Margit Kern war Laudatorin für Mirjam Brusius.
Zur Jury gehörten neben den beiden genannten Laudatoren der ehemalige Aby Warburg-Preisträger Prof. Dr. Horst Bredekamp, Dr. David Freedberg, Direktor des Warburg Institute in London, Prof. Dr. Hubertus Gaßner, ehemaliger Direktor der Hamburger Kunsthalle.
Die 1950 in Hamburg geborene Sigrid Weigel wurde 1977 an der Universität Hamburg in Allgemeiner Literaturwissenschaft und Deutscher Philologie promoviert und habilitierte 1986 im Fachbereich Kunst und Literatur der Universität Marburg. Von 1978 bis 1982 lehrte sie als Dozentin und ab 1984 als Professorin an der Universität Hamburg. 1990 wurde sie in den Vorstand des Kulturwissenschaftlichen Instituts NRW und 1992 an das Deutsche Seminar der Universität Zürich berufen. Von 1998 bis 2000 war sie Direktorin des Einstein Forums in Potsdam und übernahm 1999 die Direktion des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin, die sie, gleichzeitig mit einer Professur an der Technischen Universität Berlin, bis 2015 innehatte.
Zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere untersuchte Sigrid Weigel in ihren literaturwissenschaftlichen Arbeiten vom Fach missachtete Gattungen wie Flugschriften- und Gefängnisliteratur sowie geschlechterspezifische Fragen. Zunehmend rückte die Beschäftigung mit religionskulturellen und wissensgeschichtlichen Fragen sowie mit Bildern in den Fokus ihrer Arbeit. Dabei nahm Sigrid Weigel immer wieder auf die Forschungen der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg Bezug und legte 2015 das Standardwerk der literatur- und kulturwissenschaftlichen Arbeit am Bild „Grammatologie der Bilder“ vor. 2010 gab sie, in Zusammenarbeit mit Martin Treml und Perdita Ladwig, eine Studienausgabe der wichtigsten Schriften Aby Warburgs heraus: „Aby Warburg. Werke in einem Band“. Diese Ausgabe hat Warburgs Werk für ein großes Publikum zugänglich gemacht und gilt heute als das meistgelesene Handbuch zu dessen Denken und Vermächtnis.
Dr. Mirjam Brusius, Research Associate an der Universität Oxford, hat unter anderem mit ihrer Dissertation einen wichtigen Beitrag zur Warburg-Forschung geleistet. Sie zeigte darin den englischen Wissenschaftler und Wegbereiter der Fotografie William Henry Fox Talbot als eine Art Vorläufer Warburgs und stellte Warburgs Werk mit ihren weiteren Forschungen zur Antikenrezeption in europäischen Museen in einen weiteren geistesgeschichtlichen Zusammenhang.