Bewegte Geschichte

1946: Baubeginn der Grindelhochhäuser

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstand am Grindelberg mit Deutschlands ersten Wohnhochhäusern ein Baudenkmal, das seit 80 Jahren polarisiert.

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Werbeprospekt Staatsarchiv Hamburg

Mitten in Hamburg, im Stadtteil Rotherbaum, liegt das Grindelviertel, das heute von der Universität, von Cafés und Kultureinrichtungen geprägt ist. Bis zu den Zerstörungen und Deportationen der NS-Zeit kennzeichneten ein lebendiges jüdisches Leben, Synagogen und die Talmud-Tora-Schule das Quartier. Mit zentralen Einrichtungen der Jüdischen Gemeinde und dem Jüdischen Salon ist inzwischen ein Stück jüdischer Kultur in das Viertel zurückgekehrt.

Der Ursprung des Namens „Grindel“ liegt im Dunkeln, vielleicht deutet er auf eine alte Befestigungseinrichtung hin. Lebendig gehalten wird er dennoch, vor allem von den Menschen, die unweit des Grindelhofs, dem Herzen des Viertels, in einem Baudenkmal wohnen, das in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert und das von Vielen einfach nur „der Grindel“ genannt wird.

Am 12. Juli 1946 fand der erste Spatenstich statt. Zehn Jahre später standen zwölf Wohnhochhäuser, die als die ersten nach Kriegsende in Deutschland errichteten gelten und 1979 unter Denkmalschutz gestellt wurden. Das in Stahlskelett- und Stahlbetonbauweise errichtete und mit gelben Klinkern umhüllte Ensemble sollte eigentlich dem Hauptquartier der British Army dienen, doch schon kurz nach Baubeginn wurde das „Hamburg project“ verworfen, die Militärregierung zog um nach Frankfurt, der Hamburger Senat griff das Bauvorhaben auf und innerhalb weniger Jahre kamen mehr als 5.000 Hamburgerinnen und Hamburger in den Genuss, in moderne Wohnungen, die von der gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft SAGA bewirtschaftet wurden, ziehen zu dürfen.

Während das Stadtbild dieser Nachkriegsjahre geprägt war von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, während Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene in Behelfsunterkünften lebten, kam ein Mietvertrag am Grindelberg einem Sechser im Lotto gleich. In den dank Nord-Süd-Ausrichtung lichtdurchfluteten Wohnungen in den langgestreckten, versetzt zueinanderstehenden Scheibenhochhäusern gab es Küchen und Badezimmer. Alle Häuser verfügten über Zentralheizung und Aufzüge. Die Flure waren mit Müllschluckern ausgestattet und es stand eine zentrale Waschküche zur Verfügung. Ganz oben befindliche Räume waren Künstlerateliers vorbehalten. Dachterrassen dienten gemeinschaftlichen Freizeitaktivitäten der Bewohner. Tiefgaragen, Geschäfte für den täglichen Bedarf, Restaurants sowie ausgedehnte Grünanlagen rundeten die „Stadt in der Stadt“ ab.

Die Grindelhochhäuser beherbergten nicht nur Wohnungen. In einem der Blocks wurde das Bezirksamt Eimsbüttel untergebracht, das seinerzeit als „das modernste Rathaus Europas“ gepriesen wurde. Noch heute befindet sich die Bezirksverwaltung dort.

Mit der zügigen Schaffung von mehr als 2.000 Wohnungen trug der Bau der Grindelhochhäuser der Wohnungsnot, die in Folge der verheerenden Luftangriffe entstanden war, Rechnung. Zugleich wurde mit der Abkehr von der traditionellen Blockrandbebauung ein neues Kapitel der Stadtplanung aufgeschlagen. Die funktionalistische, radikal moderne Bauweise der Gebäude orientierte sich konsequent an den Bedürfnissen ihrer Bewohner und stellte damit einen Bruch mit früheren Vorstellungen von Urbanität dar. Die „Grindelberg-Architekten“ waren unbelastet aus der NS-Zeit hervorgegangen; Konzepte „vertikalen Wohnens“ der 1920er Jahre, aber auch die visionären Ideen Le Corbusiers hatten sie inspiriert, namentlich den Hamburger Architekten und Erbauer des Alsterpavillons Ferdinand Streb, der der Gruppe angehörte und der in den 1930er Jahren bei dem einflussreichen, aber auch umstrittenen Erfinder der „Unité d’habitation“ in Paris gearbeitet hatte.

Auch Innenarchitekten und Raumausstatter interessierten sich für das Bauensemble. Hochkarätige Experten auf diesem Gebiet entwarfen Einrichtungen für die Hochhauswohnungen mit Integration deutscher und dänischer Designermöbel. Der renommierte und vom Bauhaus beeinflusste Hamburger Architekt und Möbeldesigner Gustav Hassenpflug stellte 1956 eine Wohnungseinrichtung vor, deren Elemente vor allem auf prominente Hamburger Kunsthandwerker und Lehrer der Hochschule für bildende Künste zurückgingen.

Obwohl von Beginn an auch Kritik an der „Wohnmaschine“ erhoben, die Häuser als kalt und einsam machend geschmäht wurden, überwogen der Stolz auf die Modernität der Architektur und die Freude über den Komfort der Wohnungen. Und auch wenn deren einstige Luxusmerkmale mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit auf dem Wohnungsmarkt geworden sind, hält eine bunt gemischte Bewohnerschaft „Hamburgs Manhattan“ seit Jahrzehnten aus Überzeugung die Treue.

 

Entwurfszeichnung einer Fassade
Entwurfszeichnung einer Fassade Staatsarchiv Hamburg

Entwurf einer Wohnungseinrichtung von Gustav Hassenpflug
Entwurf einer Wohnungseinrichtung von Gustav Hassenpflug Staatsarchiv Hamburg

 

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