Junges Publikum
Kinder und Jugendliche sind die am schwächsten gestellte gesellschaftliche Gruppe, deren Anliegen politisch konsequent nicht gehört werden. Umso wichtiger, scheint es uns, dass die Stadt Hamburg mit der Beteiligung von Kindern am Rahmenkonzept Kinder- und Jugendkultur sowie mit der nachhaltigen Investition in die freie Theaterszene immerhin die Voraussetzung dafür geschaffen hat, auch für die Spielzeit 2026/27 aus insgesamt 34 Förderanträgen eine inhaltlich differenziert aufgefächerte und ihren unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen überzeugende Auswahl zu treffen. Die Projekte fokussieren eine ernsthafte und zugleich oft humorvolle, an der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen und deren gegenwärtigen Herausforderungen orientierte künstlerische Auseinandersetzung mit Fragen des Zusammenlebens: Stärke und Verletzlichkeit, Lüge und Respekt, Essen, Tiere und Wehrpflicht werden in unterschiedlichen künstlerischen Formaten von Audiowalk über Figurentheater bis Tanz, in forschenden, erzählenden und inklusiv entwickelten Ansätzen für ein junges Publikum bearbeitet – für die Allerkleinsten, für Grundschulkinder oder für Jugendliche. Besonders überzeugt haben uns Projekte, die ohne pädagogisierende Implikationen ihre künstlerische Expertise dafür einsetzen, die Perspektive von Kindern und Jugendlichen ins Zentrum zu stellen und das Theater als Raum für (fehlende intergenerationelle) Aushandlung begreifen.
Tanz
Für die Spielzeit 2026/27 hat die Tanzjury insgesamt 28 Produktionsanträge bewertet, davon konnten 7 Produktionen zur Förderung empfohlen werden.
Nach einem intensiven und sachlichen Austausch haben wir uns über unsere Förderempfehlungen geeinigt. Wir haben uns bemüht eine Auswahl vorzunehmen die nicht nur von hoher künstlerischer Qualität ist, sondern auch eine inklusive und vielfältige Tanzszene fördert. Unterschiedliche Stile, Hintergründe, Spielorte, Zielgruppen sowie heterogene Annäherungen an künstlerischen Verfahren und an das Publikum waren dabei zu berücksichtigen.
Es gab nach unseren Bewertungen wesentlich mehr förderwürdige Anträge als die Mittel, die uns zur Verfügung stehen. Tendenziell sehen wir, dass sich inhaltlich, wie bei den letzten Jahren auch, viele der Anträge sich mit der gegenwärtigen Weltlage, den uns bevorstehenden Krisen und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten befassen.
Themen wie: Klimawandel, Nachhaltigkeit, Geschlechtergleichstellung, Xenophobie, Migration, Zugehörigkeit, Ableismus und Geschlechtsidentität, sind oft in die Antragskonzepte eingebunden. Die Suche nach historischen Kontexten, nach der Rolle des Individuums und der Wunsch zwischenmenschliche und gesellschaftliche Dialoge zu schaffen sind dabei sehr präsent und spürbar.
Obwohl der Kulturhaushalt im Vergangenen Jahr erhöht wurde, bleibt anzumerken, dass es durch die generelle Kostensteigerung und Tariferhöhung schwerer geworden ist die geförderten Projekte bei den heutigen Fördersummen durchzuführen. Das zeigt sich vor allem bei der Kategorie Nachwuchs, wo die Summen sehr niedrig sind. Es wäre empfehlenswert, vor allem hier, die Fördersätze zu erhöhen, um die zukünftige Entwicklung und Unterstützung von jungen, noch nicht etablierten Künstler*innen sicher zu stellen.
Sprechtheater, Musiktheater, Performance
Die diesjährige Jurysitzung für Sprechtheater, Musiktheater und Performance stand im Zeichen einer großen thematischen Dichte und einer konsequenten Weiterentwicklung innovativer Ästhetiken. Die Hamburger Freie Szene beweist erneut ihre Vitalität und Professionalität und flüchtet sich nicht in die Resignation, sondern nutzt die Bühne als einen Raum für radikale Fragen und neue Formen der Gemeinschaft.
Viele Projekte suchen nach neuen Formen der Begegnung und setzen auf immersive und partizipative Settings, die das Publikum aus der Passivität holen. Ob durch Simulationen gesellschaftlicher Krisenzustände, begehbare Installationen in Überseecontainern oder kuratierte performative Formate im Stadtraum – das Theater verlässt verstärkt den klassischen „Black Box“-Rahmen und sucht die unmittelbare Interaktion. Dabei wird deutlich, dass die Akteur*innen intensiv an der Schnittstelle von analoger Präsenz und digitaler Erweiterung arbeiten. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Virtual Reality und innovativen Sound-Technologien wird dabei nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Werkzeug, um die Komplexität unserer Gegenwart greifbar zu machen.
Inhaltlich zeigt sich eine Tendenz zur kritischen Revision und zur Sichtbarmachung von Biografien und Perspektiven, die oft im Schatten stehen. Die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe der Stadt Hamburg findet ebenso ihren Platz wie die intensive Befragung von FLINTA*-Identitäten, queer feministischen Diskursen oder dem Altern in unserer Gesellschaft. Besonders hervorzuheben ist, dass Inklusion und Barrierefreiheit immer häufiger nicht mehr nur als nachträgliche Ergänzung, sondern als integraler Bestandteil der ästhetischen Konzeption mitgedacht werden – etwa durch die künstlerische Integration von Gebärdensprache oder Audiodeskription.
Aus insgesamt 74 Anträgen aus den Sparten Sprechtheater, Musiktheater und Performance konnten zwölf Projekte gefördert werden, die durch ihre künstlerische Eigenart, ihre gesellschaftliche Relevanz und ihren Mut zu neuen Formensprachen besonders hervorstechen.
Die geförderten Projekte zeigen ein hohes Maß an Experimentierfreude und gesellschaftspolitischem Verantwortungsbewusstsein. Die Bandbreite reicht von intimen 1:1-Performances bis hin zu großformatigen, spartenübergreifenden Produktionen.
Das Hamburger Publikum darf sich auf eine Spielzeit freuen, die den Finger in die Wunden der Zeit legt, dabei aber die Kraft der poetischen Verwandlung und den Mut zum utopischen Denken bewahrt.
Basis- und Rechercheförderung
Die Jury für die Basis- und Rechercheförderung war sehr erfreut über die Bandbreite der Themen und Anzahl guter Förderanträge sowohl für die Basis- als auch die Rechercheförderung. Demgegenüber stehen recht begrenzte Mittel, die auf wenige Anträge zu verteilen sind. Bei der Rechercheförderung konnten von 71 Anträgen nur gerade 10 gefördert werden. Bei der Basisförderung sind es immerhin 6 von 24 Anträgen, allerdings musste bei Anträgen mit größerem Antragsvolumen gekürzt werden, um überhaupt mehrere Vorhaben unterstützen zu können. Da die maximale Antragssumme bei der Basisförderung relativ hoch ist im Verhältnis zu den zur Verfügung stehenden Mitteln, sollte dieses Verhältnis korrigiert werden.
Die Jury entschied sich bei der Basisförderung vornehmlich für Anträge, die eine breitere Wirkung entfalten können - sei es durch Kollaborationen mit verschiedenen Künstler*innen oder Angebote, die möglichst vielen Menschen zugutekommen. Die Förderung von - ebenfalls wichtigen - Arbeitsgrundlagen (betr. Einzelkünstler*innen) und von strukturbildenden Maßnahmen (betr. Kollektive) blieb dadurch leider in den meisten Fällen unberücksichtigt.
Die Anträge für Recherchen waren äußerst divers sowohl in den Inhalten als auch von den Antragsstellenden. Es waren diverse Berufsbilder vertreten, von Kostüm, Dramaturgie und Produktionsleitung bis zu Choreografie und Regie, und die Themen reichten von historischen Archivrecherchen über kulturelle Austausche bis zu Autobiografischem. Die Jury hat versucht, verschiedene Disziplinen zu berücksichtigen und Künstler*innen an unterschiedlichen Punkten ihrer Karriere zu fördern. Am Ende entschied sich die Jury für zehn Projekte, die durch ihren künstlerischen Anspruch und die klare Themenwahl überzeugten.
Der unabhängigen Fachjury gehörten in diesem Jahr an:
Sprechtheater, Musiktheater, Performance (SMP)
Leyla Ercan (freiberufliche Kulturberaterin und -managerin, mit Schwerpunkt Diversitätsentwicklung)
Robert Matthies (Redakteur, taz nord - die tageszeitung.)
Bahar Roshanai (Programm-Managerin, Musikvermittlerin und -pädagogin, Körber-Stiftung Hamburg, Bereich Kultur)
Mascha Wehrmann (Koordinatorin Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg)
Tanz
Katrin Ullmann (freie Tanz- und Theaterkritikerin)
Dr. Gitta Barthel (Dozentin für zeitgenössischen Tanz und Choreografie und künstlerische Vermittlerin)
Emil Wedervang Bruland (Ballettdirektor und Choreograf am Schleswig-Holsteinischen Landestheater)
Beisitz: Dr. Kerstin Evert (Künstlerische Leitung K3 | Tanzplan Hamburg)
Junges Publikum
Prof. Dr. Maike Gunsilius (Professorin für die Ästhetik des Kinder‐ und Jugendtheaters an der Universität Hildesheim und Dramaturgin)
Peter Helling (Freier Kulturjournalist NDR 90,3/Hamburg Journal)
Nora Patyk (künstlerische Vermittlerin und Bildungsreferentin für diskriminierungskritische und intersektionale Theaterarbeit)
Beisitz: Thomas Lang (Vorstandsmitglied der ASSITEJ 1996-2016)
Basis- und Rechercheförderung (spartenübergreifend)
Niklaus Bein (Dramaturgie & Projektkoordination K3 | Tanzplan Hamburg)
Prof. Kerstin Hof (Professorin für Kunst und Gesellschaft, Schwerpunkt Poesie an der MSH Medical School Hamburg)
Maike Schäfer (Geschäftsführerin Theater- und Tanz-Probenzentrum WIESE eG)
Die Konzeptions-, Nachwuchs- und Festivalförderung wurden spartenübergreifend diskutiert.
Sonderzeichen und Namen können fälschlicherweise übersetzt werden