01. März 2026

Rede anlässlich der Eröffnung von "Hamburg liest Lenz"

gehalten im Rolf-Liebermann-Studio des NDR

  • Kultur und Medien
    • Sie lesen den Originaltext

Sehr geehrter Herr Günter Berg, 
sehr geehrter Herr Hendrik Lünenborg,
sehr geehrte Frau Anja Würzberg,
liebes Publikum!

„Hamburg liest Lenz“: 30 Tage lang stehen Veranstaltungen auf dem Programm, die um Siegfried Lenz kreisen, um seine Literatur und immer wieder um die Frage, welche Wirkung seine Texte bis heute haben. Wie viel Gegenwart steckt noch immer in ihnen und in welchem Verhältnis stehen Gesellschaft und Politik zueinander?

Zum vierten Mal in Folge liest Hamburg gemeinsam, aber in diesem Jahr ist der Anlass ein ganz besonderer.
Die Lenz gewidmeten Tage fallen zum einen ausgerechnet auf den Monat März: Auf den Monat, der früher Lenzenmond hieß und in dem der Schriftsteller vor genau 100 Jahren geboren wurde.

Zum anderen war Hamburg die Wahlheimat von Siegfried Lenz. Es ist die Stadt, die ihn zum Ehrenbürger machte und über die er selbst so viel schrieb. Allein das ist Verpflichtung genug! Und es öffnet uns eine Chance.

Denn wer solche Veranstaltungen organisiert, hofft, dass Literatur auf unsere Gesellschaft wirkt. Dass dieser Hamburger Lenz, dass das gemeinsame Lesen und Debattieren seiner Texte, unser Miteinander, ja vielleicht gar unsere Stadt, verändert. 

Aber kann die Literatur das überhaupt? Eine Stadt verändern?

Das hat Lenz durchaus beschäftigt. In seinem Essay „Mutmaßungen über die Wirkung von Literatur“ fragt er, warum die Mächtigen die Literatur so fürchten. Warum Romane, Gedichte und Dramen immer wieder verboten werden: Welche Bedrohung liegt in der Phantasie? Welche subversive Macht hat Literatur? 

Wer schreibt, so Lenz in seinem Essay von 1981, schreibt immer in der Hoffnung, etwas zu verändern. Nicht die Welt selbst, aber: „unser Verhältnis zur Welt, die Art, wie wir sie sehen, die Urteile, die wir über sie fällen, die Erlebnisbereitschaft, die wir für sie aufbringen.“
Wer liest, sieht und erlebt die Welt anders – das ist das Angebot, dass die Literatur uns macht. Und es kann weltverändernd wirken.

Lenz weitete den ästhetischen Raum seiner Literatur und ihrer indirekten Aufforderungen aber auch immer wieder in die unmittelbare Öffentlichkeit. Er war ein Intellektueller, auf den das ganze Land hörte, ein zutiefst politischer Mensch. Er engagierte sich ein Leben lang für die SPD und die Ostpolitik Willy Brandts; mit dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt verband ihn eine enge Freundschaft. 
Schmidt nannte ihn mal einen „Mann ohne erkennbare Schwächen“. Was für ein Ritterschlag.

In seiner Literatur ging Lenz mit dem Politischen leiser um. Aber kaum einer seiner Texte kommt ohne politische Dimension aus: Sein Schreiben war immer auch eine kritische Befragung deutscher Geschichte und Gegenwart. Er gehörte jener Generation an, die von den Nachgeborenen in den 1960er Jahren vehement und kritisch angegangen wurde: der konservativen Elterngeneration, die sich im Nationalsozialismus oft schuldig gemacht hatte und dazu später beharrlich schwieg. Auch deshalb war seine Stimme, wurden seine Bücher so wichtig.

Lenz schwieg nicht, sondern setzte sich intensiv mit den Auswirkungen von Diktatur, Terror und Krieg auseinander. Er erzählte davon, wie Einzelne zerstört, Gesellschaften verwüstet und Kulturen dauerhaft beschädigt wurden und werden können. Er beschrieb, was Menschheitsverbrechen mit den Menschen, die sie begehen und erleiden, anrichten. 

Literatur ist daher für Lenz zweifellos auch ein politischer Akt. Aber eben kein unmittelbar moralisch predigender. Sie wirkt nicht, indem sie Antworten findet, uns belehrt oder gar Meinungen aufzwingt, sondern indem sie Fragen aufwirft. Sie sensibilisiert uns, macht Ambivalenzen erlebbar und hält uns immer wieder den Spiegel vor. Das macht sie zum Bestandteil und zur Grundlage eines öffentlichen Gesprächs, das eine demokratische Gesellschaft braucht.

In den Erfahrungsräumen der Literatur lernen wir dazu, schulen unsere Urteilsfähigkeit, unser Verantwortungsbewusstsein. Durch ihre Texte berührt, können wir uns den Fragen unserer Zeit stellen und sie politisch als Gesellschaft besser beantworten. 

Der Text macht uns zum Resonanzraum, in dem das Politische entstehen kann. Unsere Aufgabe ist es, uns auf das Gelesene einzulassen, es in uns zu bewegen, damit es diese Wirkung entfalten kann. Politik machen und für Gerechtigkeit sorgen, das müssen wir dann allerdings schon selbst.

An dieses Zusammenspiel von Schreibenden und Lesenden erinnert Lenz in seinem Essay Der Pakt mit dem Leser: „Der Leser ist nicht der passive Empfänger einer Botschaft“, schreibt er, sondern Mitdenkender. Der Autor biete ihm lediglich ein „Plädoyer für Veränderungen“ an. Welche Schlüsse die Lesenden daraus ziehen, bleibt jedoch ihnen überlassen. 
Dass Lenz uns aber bestimmte Schlüsse durchaus sanft und bestimmt nahelegen will, merkt jeder, der eines seiner Bücher in der Hand hält.

Helmut Schmidt fand die Bezeichnung „Schriftsteller“ für seinen Freund Lenz deshalb übrigens „reichlich farblos“. Dieser habe mit seinem Werk vielmehr zum „geistigen Neubau in Deutschland“ beigetragen. 

Bis heute jedenfalls macht uns Lenz das Angebot, gemeinsam etwas zu verändern:
In seinen Texten schreibt er gegen Vergessen und Verdrängung an, beleuchtet die deutsche Vergangenheit kritisch und setzt gesellschaftliche Fragen in Szene. All das ist relevanter denn je.

In seinem wohl berühmtesten Roman Deutschstunde widmet sich Lenz dem Widerspruch zwischen Pflichterfüllung und individueller Verantwortung. Dabei prangert er nicht nur Pflichtversessenheit und Mitläufertum an. Lenz drängt die Lesenden dazu, das eigene Gewissen zu befragen, unternimmt den „Versuch, die Welt so zu entblößen, dass niemand sich unschuldig oder unbetroffen fühlen könne“.

Wie wichtig ist das noch heute, wo sich so viele wieder a priori im Recht wähnen und Differenz und Differenzierung kaum aushaltbar finden…

Lenz erinnert uns immer wieder daran, dass wir trotz aller Umstände, die uns einengen mögen, zur Freiheit befähigt sind. Dass wir aber auch bereit sein müssen, diese Freiheit verantwortlich und gemeinsam zu leben.

In dem schmalen Band Leute von Hamburg, der in den späten 90ern erschien, beschreibt Lenz – ironisch und mit großer Zuneigung – das Hamburger Leben und seine Bewohner*innen: Frauen in Regenjacken, einsilbige Hafenarbeiter, ältere Ehepaare auf dem Weg ins Theater und auch einen Senator.
Hamburg war für ihn mehr als Szenerie und Schreibort, die Stadt war ihm Heimat geworden. Immer wieder zog es ihn hierher zurück, ob er nun auf englischen Kriegsschiffen dolmetschte oder mit seinem ersten Honorar auf einem Bananendampfer nach Afrika reiste. Umso wunderbarer, dass diese Stadt in diesem Frühjahr Lenz liest.

Dass ich heute hier stehen und dieses Programm eröffnen darf, verdanken wir dem NDR, den Autor*innen, den Verlagen, Buchhandlungen, Bibliotheken und Kulturinstitutionen. Sie alle haben Hamburg liest tatkräftig unterstützt, mitgestaltet und dieses Fest der Literatur möglich gemacht. Danke!

Und ich bin sicher, die nächsten 30 Tage werden nicht folgenlos bleiben: Wenn Lenz‘ Texte ihre Wirkung in jeder und jedem einzelnen entfalten, Ihr „Verhältnis zur Welt“, Ihre „Urteile“, Ihre „Erlebnisbereitschaft“ verändern, potenziert sich dieser Effekt in der Gemeinschaft eines Festivals. Dieser Ausblick entfaltet eine besondere Zuversicht: Denn nicht die Bücher selbst werden handeln und Politik verändern, sondern die Menschen, die sie lesen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude beim Mitmachen, Lesen und Entdecken!
Schönen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Zum Weiterlesen