Lieber Herr Dirk Luckow,
lieber Herr Bert Kaufmann,
lieber Herr Mark Sealy OBE,
liebe Frau Bettina Freimann,
liebe Frau Cale Garrido,
wir hörten gerade das kuratorische Leitmotiv der diesjährigen Triennale der Photographie: Der Chor „Born to Sing“ verschaffte uns einen wunderbaren Eindruck des Songs Nature Boy, geschrieben von eden ahbez und im Original gesungen von „Nat King“ Cole
„The greatest thing you’ll ever learn / Is just to love and be loved in return” heißt es da in den letzten Zeilen dieses enigmatischen Textes.
Ich erinnere mich noch, wie ich den Song 2001 das erste Mal gehört habe. In Baz Luhrmanns Film Moulin Rouge singt ihn David Bowie; einmal allein, dann noch einmal begleitet von der Band Massive Attack. Die Botschaft des Liedes hat mich damals so berührt, dass ich mich auf die Suche nach diesem Song machte – eine besondere Herausforderung, Streamingdienste gab es schließlich noch nicht. Aber ich fand zumindest den Namen des Songschreibers, eden ahbez, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte.
Ich suchte weiter und stieß irgendwann darauf, dass dieser Song 1948 zum ersten Mal von Nat „King“ Cole aufgenommen worden war. Im Keller des Plattenladens in meiner damaligen Berliner Nachbarschaft, in einer Kiste mit Jazz-Klassikern, fand ich schließlich eine alte Vinyl-Scheibe des Jazz-Sängers, auf der auch Nature Boy enthalten war.
Heute, rund 25 Jahre später, hat diese Botschaft für mich nicht an Relevanz verloren. Ganz im Gegenteil: Gerade in diesen Zeiten sollten wir ganz genau hinhören, wenn es heißt: „the greatest thing you‘ll ever learn“. Wenn eden ahbez und Nat „King“ Cole uns also davon erzählen, dass wir die Fähigkeit in uns tragen, das Lieben zu lernen und zu lernen, geliebt zu werden.
In unseren Zeiten ist das ein künstlerisches Statement, eine Grundannahme künstlerischer und kuratorischer Arbeit, von der wir gar nicht genug bekommen können. Insofern gilt mein herzlicher Dank Mark Sealy, für seinen Mut, emotional all in zu gehen. Denn genau diese Herangehensweise führt mich auch zur Fotografie.
Fotografie ist gleichermaßen ein Ausdruck davon, wem oder was wir in unserer Gesellschaft einen Wert zuschreiben. Don DeLillo beschrieb das in einem Buch, das mittlerweile 41 Jahre alt ist: White Noise, auf Deutsch Weißes Rauschen, erschien 1985 – und darin findet sich bis heute eine meiner liebsten Geschichten zum Thema Fotografie.
Sie erzählt uns von einer Situation, in der ein College-Professor und sein Freund einem Schild begegnen, das den Weg zur „Most photographed Barn in America“, der „meist fotografierten Scheune Amerikas“, weist. Sie beschließen dieser Ausschilderung zu folgen und nachdem sie einige weitere Hinweise passiert haben, stehen sie schließlich auf einem Feld: Und tatsächlich, da steht eine Scheune. Vor dieser Scheune findet sich ein Podest, auf dem steht eine Menschentraube, die die Scheune fotografiert.
Unweigerlich kommen der Professor und sein Freund ins Gespräch, denn: Was fotografieren die da eigentlich? Es entspinnt sich eine Unterhaltung über Sehgewohnheiten, über das Alltägliche, das Besondere und natürlich über Fotografie. Was sehen die Menschen auf dem Podest eigentlich? Sehen sie tatsächlich eine Scheune? Oder liegt ihr Fokus auf dem Akt des Fotografierens, sehen sie also nur sich selbst beim Fotografieren der Scheune? Hat diese Scheune an sich einen Wert oder ist es der Akt des Fotografierens, der einen Wert hat?
Schließlich gipfelt das Gespräch in der nicht ganz irrelevanten Frage, was eigentlich zuerst da war: Die Massen an Menschen, die diese Scheune entdeckten und sie fotografierten, sodass es notwendig wurde, ein Schild aufzustellen. Oder war es das zuvor aufgestellte Schild, dessen Verheißung der „meist fotografierten Scheune“ die Menschen in Scharen dazu verleitete, hinzufahren und ebenfalls den Auslöser zu drücken.
Obwohl diese Geschichte aus dem Jahr 1985 stammt, bleibt sie eines der schönsten Beispiele für die Aufmerksamkeitserregungszyklen, die wir heute im Kontext von Social Media erleben: Was war eigentlich zuerst da, die Relevanz oder die zugeschriebene Relevanz? War es der Hype oder das, was tatsächlich wichtig ist? Und wie gehen wir damit als Gesellschaft um?
Eben diese Fragen stellen uns auch die Ausstellungen und die kuratorischen Positionen dieser Triennale. Sie zeigen uns, dass künstlerische Positionen in der Fotografie immer auch Hinweise darauf sind, welche Kontexte unseres gesellschaftlichen Miteinanders wir mit Bedeutung aufladen.
Sie weisen uns auch darauf hin, dass das, was noch nicht fotografiert wird, vielleicht noch nicht die Bedeutung in unserem gesellschaftlichen Bewusstsein hat, die es haben müsste, damit wir es gemeinsam bearbeiten können.
Einige Jahre nachdem Don DeLillo sein Buch geschrieben hatte, traf Bob Dylan mit seinem Song Dignity diesen Nagel auf den Kopf. Er beschrieb die Suche nach der Würde des Menschen: „Someone showed me a picture and I just laughed, dignity never been photographed.“ Die Würde des Menschen ist noch nie fotografiert worden.
Wenn wir diese beiden Positionen zusammendenken – Don DeLillo und die Zuweisung eines Wertes, Bob Dylan und die lakonische Feststellung, die Würde sei noch nie fotografiert worden – erahnen wir die Herausforderung, vor der wir gesellschaftlich stehen.
Was wir nicht bezeichnen, was wir nicht repräsentieren, was wir nicht abbilden, was wir nicht zeigen, was wir nicht mit Bildhaftigkeit in den Künsten versehen: All das taucht in unserem gesellschaftlichen Bewusstsein nicht so auf, wie wir es bräuchten. Deswegen stehen diese kuratorischen Positionen im Zentrum dieser Triennale.
„Alliance, Infinity, Love“ - diese großen Worte, diese Konzepte in unser gesellschaftliches Bewusstsein zu bringen, sind entscheidend für den Umgang mit den Aufgaben, vor denen wir als Gesellschaft stehen. Liebe im öffentlichen Miteinander, nicht im Sinne einer Romanze, sondern als Ressource für das gesellschaftliches Miteinander. Geprägt von einem Respekt füreinander und von der Bereitschaft, Gemeinschaften einzugehen. Geprägt von der Bereitschaft, Strukturen und Zusammenhänge zu denken, die über die eigene Existenz hinausgehen und uns in einem Miteinander verorten. Das Bewusstsein für diese Fähigkeiten steht uns momentan nicht gerade im Überfluss zur Verfügung – und genau deshalb braucht es die Erinnerung daran.
Eine Erinnerung, die die Künste, die die Triennale der Photographie in die Mitte unserer Gesellschaft bringen. Es sind die künstlerischen, die symbolischen, die bildhaften, die narrativen Welten, die wir Menschen erschaffen, die es uns ermöglichen, zivil und liebevoll und respektvoll im Miteinander einer Gesellschaft umzugehen.
Das ist der Raum, mit dem wir all diese archaischen Erzählungen in einem kulturell-zivilisatorischen Kraftakt hinter uns lassen können. All das, was gerade aus dem Urschleim des menschlichen Miteinanders wieder hochzubrechen droht: Die Erzählungen, in denen der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, in denen alle gegeneinander kämpfen und nur der Stärkere am Ende siegt. Wir sind dazu fähig, Welten zu erschaffen, die diese Narrative aushebeln und uns anspornen. An denen wir verstehen, dass wir als Gesellschaft anders miteinander umgehen können, als wir das bisher getan haben: Nämlich „to love and to be loved in return“.
Oder, wie James Baldwin schrieb:
„Walk down the street of any city, any afternoon, and look around you. What you've got to remember is what you're looking at is also you. Everyone you're looking at is also you. You could be that person.“
Diese Humanität, die sagt: „Jeder, den du siehst, könnte auch Du sein.“ Das ist die Essenz. Wenn wir sie verstehen, wenn wir begreifen würden: „Mein Gegenüber könnte ich selbst sein.“ Wenn wir zur Übertragung der eigenen Position fähig werden, zu einer Anverwandlung der anderen Position und zur Aneignung der anderen Positionen, wäre auch unser Miteinander ein anderes.
Wir wären in der Lage zu erkennen, an welchen Stellen wir einander verletzen und an welchen Stellen wir unser Miteinander verbessern können. Wir könnten lernen, anders miteinander zu leben, so dass wir lieben und geliebt werden können.
Das ist die Aufgabe, vor der wir stehen. Kleiner gibt es die Maxime nicht; kleiner geben es uns die elf Ausstellungen in acht Häusern dieser Stadt, die zahlreichen künstlerischen Positionen sowie all die Off-Orte dieser Triennale nicht.
Wir werden also einen Sommer erleben, indem wir uns mit dieser Frage immer wieder beschäftigen können. Ich kann Sie nur ermuntern: Machen Sie auf. Legen Sie diesen komischen Panzer, den wir uns in der Öffentlichkeit anlegen, ab und lassen Sie sich von diesen positiven Emotionen berühren. Das ist keine Verletzlichkeit, die gefährlich ist. Sie ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns als Menschen begegnen und als Menschen lernen, liebevoll miteinander umzugehen und so gemeinsam eine bessere, respektvollere Zukunft zu gestalten.
Die Triennale liefert uns das Baumaterial und alle Inspirationen, die wir zur Bewältigung dieser Aufgabe brauchen, aber sie kann uns das nur bereitstellen. Sie kann uns nur einladen, uns inspirieren zu lassen. Diese Einladung anzunehmen, daraus etwas zu machen, das ist unser Job.
Ich bin Mark Sealy, allen Kurator*innen, den Künstler*innen und all denjenigen, die diese Positionen mit ihrer Arbeit in unsere Stadt und in die beteiligten Häuser gebracht haben, unendlich dankbar.
Lassen Sie uns einen Sommer der Kunst in dieser Stadt feiern, lassen Sie uns etwas Gutes daraus machen!