08. Januar 2026

Gastbeitrag "Schlechte Laune ist auch keine Lösung"

erschienen in der ZEIT

  • Kultur und Medien
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Schon vor vielen Jahren habe ich mir angewöhnt, bloß noch vom Schlimmsten auszugehen, wenn das Gespräch auf Fußball und meinen Lieblingsverein Schalke 04 kommt. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn dessen letzte Meisterschaft 68 Jahre zurückliegt und der Traum, dass es noch einmal klappen könnte, 2001 nach nur vier Minuten wieder vorbei war. Mein strategischer Defätismus hat seitdem den schönen Vorteil, dass ich entweder recht behalte mit meinen Prognosen oder aber positiv überrascht werde. Das sichert mir ein gewisses Wohlbefinden in schwierigen Zeiten.

Es beunruhigt mich aber, dass ich beobachten muss, wie sich dieses Prinzip mittlerweile auch überall in unserem öffentlichen Gespräch breitmacht. Denn was für den oft enttäuschten Fan ein guter Umgang mit den nächsten Niederlagen sein mag, wird in der Demokratie schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung und greift ihr Fundament an. Strategische schlechte Laune funktioniert nämlich nicht, wenn man nicht nur auf der Tribüne steht, sondern selbst Teil des Spiels auf dem Platz ist. Da führt Defätismus schnell zur Lähmung.

Der Philosoph Ernst Bloch mahnte vor mehr als 70 Jahren: "Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt." Es ist dringend nötig, diese Erkenntnis jedem Einzelnen im Land wieder ins Bewusstsein zu hämmern. Bloch würde verzweifeln, wenn er unsere heutigen Debatten sähe. Ins Gelingen verliebt, wie er es vorschlug, ist nämlich kaum noch jemand. Stattdessen ist die Öffentlichkeit zu einem besonderen Überbietungswettbewerb verkommen: Gewonnen hat, wer die dramatischste Beschreibung des bevorstehenden Untergangs liefert.

Und wenn die Verhältnisse der dystopischen Prognose dann doch zuwiderlaufen, wird so lange an ihrer Wahrnehmung herumgemäkelt, bis alles wieder ins dunkle Bild passt. Wer trotzdem klammheimlich wie der Fußballfan auf die positive Überraschung setzt, wird harsch eines Besseren belehrt: Wer hoffe, sei dumm. Wer zuversichtlich sei, dass wir es besser können, habe bloß nicht genug nachgedacht. Und wer versuche, Lust auf Zukunft zu machen, sei entweder naiv oder gefährlich.

Für den kurzfristigen und individuellen politischen Geländegewinn mag diese sedierende Stimmungsmache eine plausible Strategie sein. Zugleich zerstört sie, worauf ein Gemeinwesen insgesamt angewiesen ist: die Annahme, dass wir gemeinsam Zukunft gestalten können. Dass das, was passiert, etwas mit uns zu tun haben könnte. Dass wir es in der Hand haben, etwas zu verändern. Sogar zum Besseren. Genau davon ist öffentlich nur noch wenig zu spüren. Stattdessen haben sich alle ins Misslingen verliebt. Und das nervt, und es ist gefährlich. Kaum liegt ein Vorschlag auf dem Tisch – ganz gleich, ob es um eine Reform des Sozialstaats oder ein neues Kulturprojekt geht –, hebt der öffentliche Chor an und erklärt, warum das alles Unfug sei und niemals funktionieren könne. Jede Kritik findet ungeprüfte Resonanz und kann sich in der Pose des aufgeklärten Hinterfragens noch den Anschein verantwortlicher Vernunft verleihen. Dabei ist nichts vernünftig daran, auf jede Idee reflexhaft mit einem "Nein, weil ..." zu antworten, statt sich auf das Wagnis einer Antwort einzulassen, die der Logik eines "Ja, wenn ..." folgt und nach den Bedingungen des Gelingens sucht.

Niemand braucht politische Debatten, in denen alle bloß versuchen, den anderen nachzuweisen, dass ihre Vorschläge nicht funktionieren. Niemand braucht Nachrichten, die ausschließlich zeigen, was alles nicht gelingt im Land. Und niemand braucht das sich bis in die letzte Ecke unseres Gemeinwesens hineinfressende Misstrauen, das hinter jeder Idee, jedem Vorschlag, jedem Versuch, etwas nach vorne zu entwickeln, bloß ein Ablenkungsmanöver, eine Verschwörung oder andere böse Absichten vermutet.

Genau das ist es aber, was aktuell die öffentliche Debatte prägt. Und das droht unsere Demokratie zu gefährden, weil notwendige Kritik zunehmend in fundamentale Opposition kippt, die es kaum mehr vorstellbar macht, dass wir in unserer Gesellschaft auch anders mit Zukunft umgehen können. Unser Gemeinwesen ist darauf angewiesen, dass sich zwischen den unterschiedlichen politischen Positionen Räume demokratischer Verständigung öffnen. Ohne die Auseinandersetzung über konträre Ideen und Vorstellungen ist Demokratie nicht denkbar.

Sie kann aber auch nicht gelebt werden, wenn sich diese Positionen nicht auf die Zukunft richten. Demokratie ist keine Veranstaltung, in der vor allem über vergangene Taten geurteilt wird. Jeder Mensch, der sich in den politischen Raum begibt, weiß, dass Zuspruch und Anerkennung entstehen, indem man Vorschläge für die Lösung gegenwärtiger und zukünftiger Probleme unterbreitet – und dann dafür streitet.

Hannah Arendt hat das Politische in einer demokratischen Gesellschaft als die Verständigungspraxis vernunftbegabter Bürgerinnen und Bürger beschrieben. Statt aber diese Vernunft einzusetzen, um gemeinsam Bilder einer besseren Zukunft zu entwickeln, verkommt der Bereich zwischen den Sprechenden – in dem Leidenschaft, Vernunft und Lust auf Zukunft wachsen könnten – zu einer Ödnis, in der zwar viel geraunt und geunkt, aber wenig argumentiert und noch weniger nach vorne gedacht wird.

Das zeigt sich längst nicht mehr nur in der politischen Öffentlichkeit oder in der Debattenillusion der politischen Fernsehtalkshows. Hier ist schon lange kein Ringen um die bessere Idee mehr zu beobachten, sondern allenfalls ein geschicktes Gegeneinanderschieben vorher sorgfältig gecasteter konträrer Positionen – und dann wundern sich alle, dass Einigung nicht möglich ist, ja oftmals nicht einmal versucht wird.

Nährboden für populistische und autoritäre Fantasien

Der Gründer des Recherchebüros Correctiv, David Schraven, hat in einer Diskussion mal beschrieben, wie er auf dem Bottroper Markt stand, Kaffee verkaufte und sich wunderte, wie anders die Menschen dort miteinander reden, auch über schwierige Dinge. Das gelingt, weil der Kaffee und das Marktumfeld Anlässe schaffen – zunächst eine Umgebung des Respekts und einen Bezugspunkt für wechselseitigen Austausch. Der Small Talk über den Kaffee, das Fußballspiel des Vortags oder auch bloß das Wetter schafft Möglichkeiten, sich gegenseitig Augenhöhe und Anerkennung zu signalisieren. Wenn das geschafft ist, lassen sich auch Differenzen verhandeln oder aushalten.

In der medialen Vermittlung aber killt das Spektakel jede Aussicht auf ein gemeinsames Nachdenken. Wenn sich jeden Abend beobachten lässt, wie politisch Verantwortliche übellaunig bis gereizt nebeneinandersitzen und aneinander vorbeireden, entsteht der Anschein, dass es gar nicht anders sein kann, dass die Politikerinnen und Politiker es nie schaffen werden, irgendetwas zu verbessern. Wie sollten sie die Zukunft bewältigen, wenn ihnen schon die Gegenwart so spektakulär misslingt. Das ist bester Nährboden für populistische und autoritäre Fantasien.

Auf den digitalen Plattformen ist es noch schlimmer. Dort ist längst jede Hoffnung auf freie Rede und demokratische Verständigung verflogen. Stattdessen honorieren die Algorithmen die Aufregung und die Empörung. Und die entstehen nun einmal am verlässlichsten, wenn die Meinungen extrem und provokativ sind. Wer zufrieden ist, reagiert nicht. Deswegen steigt die Reichweite der Beiträge, die Unzufriedenheit kundtun. Das Prinzip, das jedem noch so abstrusen Widerspruch höhere Reichweite gewährleistet, prägt längst große Bereiche der öffentlichen Kommunikation. Auch so entsteht keine Idee, wie wir besser vorankommen können.

In der Konsequenz können wir uns drehen und wenden, wohin wir wollen: Wir stoßen überall auf schlechte Laune und Missgunst. Und das hat Folgen. In Form von Wahlergebnissen, in denen Ressentiments und Zukunftsangst mangels Alternativen die Ergebnisse prägen. Und in Form der allgemeinen Stimmung. Schon im Mai 2025 haben in einer Studie unter anderem von der Marktforschungsagentur rheingold salon 78 Prozent der Befragten der Aussage zugestimmt: "Wir fahren das Land vor die Wand, wenn wir so weitermachen wie bisher."

Es ist kein Zufall, dass ein popkulturelles Symbol unserer aktuellen Gesellschaft ein depressiver Laib Brot aus dem Kinderfernsehen ist. Jüngst hatte die deutsche Kika-Kultfigur Bernd das Brot einen Auftritt im US-Fernsehen, in der Show Last Week Tonightwith John Oliver. Der erklärt der missmutigen Teigware, dass er Comedy mache, worauf Bernd zunächst antwortet, dass er Comedy hasse, um dann anzuschließen, dass er aber auch einen Witz kenne: "Hoffnung."

Dabei ist Hoffnung genau das, worum es geht. Wenn sie zum Witz verkommt, öffnet das die Türen für die schlimmsten Befürchtungen. In der Frage aus der rheingold-Studie ist der entscheidende Faktor der Satz "... wenn wir so weitermachen wie bisher". Das müssen wir ja nicht. Wir können es auch ganz anders machen. Schließlich haben wir in den vergangenen Jahrzehnten alle aktuellen Probleme durch menschliche Entscheidungen geschaffen. Wir können sie also auch durch andere menschliche Entscheidungen wieder aus der Welt bringen. Nach einem Weltkrieg wurde die Europäische Union gegründet, Deutschland hat heute ein modernes Staatsangehörigkeitsrecht, und wir sind unabhängig vom russischen Gas. All das schien lange undenkbar. Aber zugleich sind es nur einige Beispiele dafür, was gelingen kann, wenn wir eine gemeinsame Vorstellung davon haben, dass Zukunft überhaupt etwas ist, das wir beeinflussen und gestalten können. Dass Fortschritt zwar nicht mehr selbstverständlich und automatisch kommt, aber deshalb ja noch längst nicht unmöglich geworden ist.

Der ehemalige ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt wird oft zitiert mit der Aussage, dass zum Arzt gehen solle, wer Visionen hat. Aber zum einen findet sich für diesen Satz keine Belegstelle, und zum anderen hat er später selber einmal gesagt, das sei eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage gewesen. Und nun passen pampige Antworten zwar bestens in eine schlecht gelaunte Gesellschaft, aber von dusseligen Fragen sollten wir uns nicht triggern lassen.

Wem unsere Demokratie am Herzen liegt, der muss endlich anfangen, Geschichten und Zukunftsbilder für diese Demokratie zu entwickeln. Wenn so viele Menschen mit dem Status quo unzufrieden sind und deshalb schlechte Laune haben, dann reicht es nicht, ihnen zu sagen, dass sie falschliegen. Noch dümmer ist es, zu glauben, man könne den Demokratiefeinden, die von der schlechten Laune leben, das Wasser abgraben, indem man einige ihrer Ideen übernimmt, weil diese aktuell Zuspruch finden.

Politik ist kein Geschäft, das auf Basis von Marktforschung auf Nachfrage und Bedürfnisse hingebogen wird. Und Politik ist auch nicht bloß effizientes Kalibrieren einer staatlichen Maschine. Politik ist der Streit um die richtigen Antworten, um Wahrheiten, um eine bessere Zukunft. Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Teilhabe, Offenheit, Demokratie – das sind große Ideen, die nichts von ihrer Attraktivität verloren haben. Sie leben davon, dass wir uns zutrauen, sie nicht bloß zu verteidigen, sondern für sie zu streiten und sie wieder zur Grundlage unserer politischen Kultur zu machen.

Der Soziologe Karl Mannheim schrieb einmal, dass immer zwei unterschiedliche Gruppen miteinander ringen: Die einen betrachten die Gegenwart als die letzte Etappe einer Vergangenheit, die anderen als den Beginn einer Zukunft. Wenn wir wollen, dass unsere Demokratie noch eine Zukunft hat, wird es Zeit, dass die Mitglieder der zweiten Gruppe sichtbar auf den Platz kommen, um von den Chancen dieser Zukunft zu reden. Das wird die Laune verbessern.

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