20. April 2026

Rede anlässlich der Gedenkveranstaltung für die Kinder vom Bullenhuser Damm

gehalten in der Gedenkstätte Bullenhuser Damm

  • Kultur und Medien

Sehr geehrter Landesrabbiner Bistritzky,
Sehr geehrte Frau Hüsing,

dear Tatiana Bucci and your son, 
dear Jeremy Morgenstern, 
dear Frieda Levine,
dear Zylberberg family, and dear relatives, the present ones and the ones who cannot be here in person, but who are joining us from around the world and sharing this moment of remembrance with us from afar,

sehr geehrte Mitglieder des Vorstands der Vereinigung der Kinder vom Bullenhuser Damm, meine Damen und Herren,

die Kinder vom Bullenhuser Damm konnten nie selbst erzählen, was ihnen geschehen ist. Nicht von den medizinischen Experimenten und nicht von den Misshandlungen, die an ihnen durchgeführt wurden. Nicht von dem letzten, unsäglichen Verbrechen, das in den finalen Kriegstagen an ihnen begangen wurde, um all die vorangegangenen Gräueltaten an ihnen zu vertuschen.

Es waren zwanzig jüdische Kinder, die hier ermordet wurden. Kinder, die eine Familie hatten, und Hoffnungen und eine Zukunft. 
Es ist unsere Aufgabe, an sie zu erinnern. Es ist unsere Aufgabe, von den Verbrechen zu berichten, die ihnen angetan wurden. Es ist unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass eine solch entsetzliche Entmenschlichung sich nicht wiederholen kann.

Dass wir der Kinder vom Bullenhuser Damm auch heute wieder gemeinsam gedenken, 81 Jahre nach ihrer Ermordung am 20. April 1945, ist nicht selbstverständlich. Es ist dem Engagement, der Beharrlichkeit und der Zivilcourage von Menschen wie Barbara Hüsing und ihrem Mann Günther Schwarberg zu verdanken, die gemeinsam mit den Angehörigen der Opfer dafür gesorgt haben, dass die Kinder vom Bullenhuser Damm nicht vergessen werden, und dass ihre Geschichte erzählt wird:

  • in der Vereinigung der Kinder vom Bullenhuser Damm
  • in der Gedenkstätte
  • in der Arbeit mit Schulen und nicht zuletzt
  • in Begegnungen über Generationen und Ländergrenzen hinweg.

Diese grenz- und generationenübergreifende Erinnerungsarbeit hat eine besondere Kraft: Das gemeinsame Erinnern verbindet Menschen und Familien über Kontinente hinweg, es bringt junge Menschen mit der Vergangenheit in Berührung und zeigt, wie Erinnerungen bewahrt und das Erinnern als gelebte Praxis weitergegeben werden kann, gerade in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt.

Dear families and relatives,
your presence, your commitment, and your willingness to share your stories across generations and borders mean more than we can express in words. You carry the memory of the children with dignity, courage, and humanity, and you allow all of us to learn from it. For this, we are deeply grateful.

Unsere Gegenwart braucht diese gelebte, von Angehörigen und Zivilgesellschaft getragene Erinnerung. Denn wir erleben immer öfter, wie historische Gewissheiten infrage gestellt werden. Wo das geschieht, breiten sich Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Menschenverachtung aus und werden zunehmend normalisiert – bis in die Mitte unserer Gesellschaft hinein.

Gerade deshalb müssen wir uns gemeinsam erinnern, die Geschichte lebendig halten, auch wenn sie für viele junge Menschen, die heute hier sind, weit entfernt wirken mag.
Die Vergangenheit der Kinder vom Bullenhuser Damm stellt den Menschen von heute vor eine einfache Frage: Was ist zu tun, wenn andere Menschen ausgegrenzt, angefeindet, angegriffen werden?

Wer in solchen Fällen nicht gleichgültig sein will, muss sich auf unsere geteilte Menschlichkeit besinnen. Wir können versuchen zu verstehen. Wir können uns in unser Gegenüber einfühlen und füreinander einstehen. Wir müssen uns aber dazu entscheiden. Wenn wir unsere Gemeinschaft auf Empathie gründen, wenn wir die Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit wachhalten, können wir verhindern, dass Menschen in der Gegenwart und in der Zukunft ihre Würde abgesprochen wird.

Die Arbeit hier am Bullenhuser Damm zeigt, wie das gelingen kann: durch historische Forschung, durch pädagogische Auseinandersetzung und durch neue Vermittlungsformate. Diese Aufgabe wird von Angehörigen, von Engagierten und von Schülerinnen und Schülern gemeinschaftlich getragen.

Mein Dank gilt ihnen allen. 
Besonders aber möchte ich den heute anwesenden Schülerinnen und Schülern danken, die den Kindern vom Bullenhuser Damm ihre Stimme geben, sich in ihren Projekten mit der Geschichte auseinandersetzen und die Namen der Kinder sprechen werden.

Von den Verbrechen der Vergangenheit zu erzählen, heißt in der Gegenwart für Menschenwürde einzutreten, Antisemitismus zu widersprechen und Verantwortung für ein Zusammenleben zu übernehmen, in dem alle ohne Angst verschieden sein können. In dem wir Freiheit, Vielfalt und Humanität als Bereicherung wertschätzen.

Die ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm können ihre Geschichte nicht mehr erzählen. Es ist unsere Aufgabe, diese Arbeit für sie und alle zu übernehmen, die nicht für sich selbst sprechen können, die keine Stimme haben oder die nicht gehört werden.

Nur wenn wir füreinander eintreten, können wir die Zukunft und den Fortbestand unserer demokratischen Gesellschaft schützen. Das ist der Auftrag dieses Ortes, dem wir heute und in Zukunft verpflichtet sind.

Vielen Dank.