26. März 2026

Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung "Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss"

gehalten in der Hamburger Kunsthalle

  • Kultur und Medien

Sehr geehrte Frau Dr. Kölle,
dear Mrs. Hansen, 
sehr geehrter Herr Prof. Dr. Pakesch, 
liebe Frau Huskamp, lieber Herr Klar,
liebe Freundinnen und Freunde der Kunsthalle,

„Was sieht das Kind, das den Schrei zum ersten Mal betrachtet?“

Der Soziologe Nikolaj Schultz stellt diese scheinbar einfache Frage in seinem Essay über die “endliche Natur, die durch den menschlichen Schrei hindurchgeht“.

Schultz bezweckt mit seiner Frage eine besondere Art von Perspektivwechsel: Es geht ihm nicht um die Wahrnehmung eines einzelnen Menschen, sondern um die Möglichkeit einer kollektiven Neuinterpretation des berühmten Gemäldes. Denn seit Munch sein berühmtestes Werk gemalt hat, hätten sich die Daseinsbedingungen des Menschen folgenreich verändert. 

Als Munch den „Schrei“ 1893 schuf, geschah das in einer Zeit, in der der Mensch noch „in die Welt geworfen war“, wie der Philosoph Martin Heidegger es nannte: Der Angst vor dem eigenen Dasein wohnt immer schon der Gedanke an den eigenen Tod inne. 

Die erste radikale Weiterdrehung dieser sogenannten Existenzphilosophie war laut Karl Jaspers die Erfindung der Atombombe: Der mögliche Tod aller Menschen schwebte nicht nur drohend über der menschlichen Existenz. Man konnte ihn nun per Knopfdruck herbeiführen.

Nikolaj Schultz weist in seinem Essay von 2025 auf einen weiteren Plot Twist hin. Die Menschen des Anthropozän würden den Finger quasi nie vom roten Knopf nehmen. „Wir alle drücken diesen Knopf. Jeden Tag ein bisschen“, erklärt Schultz, „ob wir trinken oder essen, wenn wir Kleidung tragen oder uns fortbewegen.“

Mit dem Finger auf dem Knopf zerstöre der Mensch sukzessive die eigene Existenzgrundlage. Schultz nennt das „Neuen Existenzialismus“. Wenn er also die Frage stellt, was das Kind sieht, das den Schrei zum ersten Mal betrachtet, unterstellt er zum einen, dass ein Kind des Anthropozäns andere Schlüsse aus der Darstellung ziehen muss als es seine Großeltern oder Urgroßeltern getan haben. Zum anderen spielt er auf die grundlegenden menschlichen Emotionen an, die sich darin wiedererkennen lassen und die für die Betrachtenden eine existenzielle Bedrohung erfahrbar machen.

Anders als 1893 zeigt der blutrote Himmel für das Kind von heute nicht mehr das innere Grauen eines einzelnen Menschen: „Der Schrei“ lässt uns nun unweigerlich an den ganz realen Himmel einer Welt denken, die sich auf katastrophale Weise erwärmt. Eine Welt, in der Wälder brennen, in der der Himmel sich rot färbt – und zwar infolge menschlichen Handelns. In dieser Interpretation zeigt „Der Schrei“ den Menschen als Wesen, das seine eigene Existenz auslöscht. Tag für Tag ein bisschen mehr. 

Obwohl das Kunstwerk selbst sich nicht verändert, verändert sich seine Lesart. Und so begegnen wir in einem Gemälde des 19. Jahrhunderts Gefühlen der Gegenwart: Klimaangst, Klimakummer, Solastalgie, den Vokabeln des „Neuen Existenzialismus“.

Schultz Ausführungen eröffnen damit auch einen Blick auf den bemerkenswerten Raum, den die Künste in unserer Gesellschaft eröffnen. In diesem ergeben sich immer neue Interpretationsmöglichkeiten, die Botschaften der Künste können immer wieder neu wirksam werden. 

Kunst entsteht und besteht nie im luftleeren Raum: Ihre Darstellungen und Deutungen treten in einen stummen Dialog mit ihrer Umwelt, mit den Referenzen, die sie umgeben. So machen sie Emotionen erfahrbar, knüpfen an uns Bekanntes an, eröffnen aber auch ganz neue Perspektiven.

Gerade deswegen ist auch die Ausstellung „Malfluss = Lebensfluss“ mehr als die Gegenüberüberstellung zweier gut erforschter Ausnahmeerscheinungen der Kunstgeschichte.

Die ungewöhnliche Doppelschau eröffnet einen Dialog, der unvermutete Parallelen sichtbar macht und ganz neue Berührungspunkte aufzeigt, einen Dialog, der so wenig vorgesehen war, wie die heutige Lesart des „Schreis“ als Trope von Klimaangst beabsichtigt oder vorhersehbar war:

Der norwegische Maler Edvard Munch (1863-1944) war Mitte Fünfzig, als Lassnig geboren wurde, die österreichische Künstlerin Maria Lassnig (1919-2014) Mitte Zwanzig, als Munch starb.

Die Zusammenführung ihrer Werke bietet neue, ungeahnte Blickwinkel: Darzulegen, was sie aus kunsthistorischer Sicht eint oder trennt, und weshalb ihr Werdegang so eng mit der Hansestadt Hamburg und der Hamburger Kunsthalle verknüpft ist, überlasse ich den Experten und Expertinnen, die diese Doppelschau erdacht, konzipiert und auf die Beine gestellt haben. 

Ihnen gilt mein großer Dank:

  • Dr. Brigitte Kölle, Kuratorin und Sammlungsleiterin der Hamburger Kunsthalle,
  • Prof. Dr. Hans Dieter Huber, Ideengeber und Gastkurator, 
  • Dr. Sandra Gianfreda vom Kunsthaus Zürich, mit dem es bereits eine langjährige Tradition der wirksamen Zusammenarbeit gibt.

Mein Dank gilt ebenso der Maria Lassnig Stiftung in Wien sowie dem Munch Museet in Oslo. Mit ihren umfassenden Beständen sind sie die Hauptleihgebenden dieser Ausstellung. Auch den zahlreichen anderen Leihgebenden, den internationalen Institutionen und Privatsammler*innen, möchte ich für ihre Großzügigkeit danken.

Die Ausstellungsmachenden haben ihre erkenntnisreichen Beobachtungen zwischen den zwei Buchdeckeln eines Katalogs gebündelt. In diesem findet sich auch ein Gespräch zwischen Sandra Gianfreda und der Schriftstellerin Siri Hustvedt. 

Hustvedt ist gerade mit einem Buch über den Tod ihres Mannes Paul Auster auf Lesereise in Deutschland. Gestern Abend sprach sie auf Kampnagel über Verbundenheit, Verlust und Trauer – und zwar nicht nur in Bezug auf ihren verstorbenen Ehemann, sondern auch über den Verlust der Demokratie, der in den USA zu beobachten ist. Im Grunde also: Demokratiekummer. Noch so ein Gefühl unserer Gegenwart.

Im Interview spricht Hustvedt über die Emotionen, mit denen sich Lassnig und Munch in ihrem Werk immer wieder auseinandersetzten, die inneren Zustände wie Angst, Schmerz oder Einsamkeit und die eigene Körperlichkeit. Aber, so Hustvedt über Maria Lassnig:

„Ihr Fokus lag […] nicht auf Gefühlen, sondern auf der subjektiven Wahrnehmung in jedem einzelnen Moment.“

Das ist eine wichtige Unterscheidung: In der künstlerischen Auseinandersetzung mit den ureigenen Erfahrungen und dem eigenen Körper, in der die Selbstbetrachtung und Selbstbefragung konstant Gegenstand sind, geht es um mehr als um die Gefühle einer einzelnen Person: Es geht um die ästhetische Erkundung von Subjektivität.

Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung wiederum wird der kritischen Bewertung und der kollektiven Wahrnehmung überlassen: Werke gewinnen oder verlieren an Wert, je nachdem, in welcher Epoche, aus welcher Perspektive, mit welcher Idee sie betrachtet werden. Werke werden unterschiedlich bewertet, je nachdem, ob sie von einem als Mann oder einer als Frau gelesenen Person geschaffen wurden. Werke geraten in Vergessenheit oder werden neu entdeckt.

Und so kann aus der subjektiven Erfahrung des Einzelnen etwas Gemeinsames entstehen, kann aus der Darstellung eines subjektiven Gefühls von Angst unvorhergesehenerweise eine Darstellung kollektiv empfundener Klimaangst werden.

Wie Edvard Munch erleben auch wir eine Zeit, die von großen gesellschaftlichen Umbrüchen, von Unsicherheit, Krankheiten, von Modernisierungsschüben und tiefen Existenzängsten geprägt ist. In seiner Kunst versuche er, ganz egoistisch, sich sein „Verhältnis zur Welt klarzumachen“, aber „auch für andere Menschen Klarheit [zu] schaffen […] in ihrer Suche nach Wahrheit.“

Kurz darauf, in den 1940ern, entwickelt Maria Lassnig ihre sogenannten Körperbewusstseinsbilder. Ebenfalls auf der Suche nach Wahrheit, versucht sie festzuhalten, wie sich der Körper von innen anfühlt. Auch Lassnigs zutiefst persönliche Darstellungen erinnern an die existenzielle Verletzlichkeit des Menschen – daran, wie unvollständig, flüchtig und vergänglich unser Dasein ist. Es sind keine individualistischen Selbstdarstellungen, sondern tastende Selbstverortungen in dem Strom des Lebens, in dem wir uns als Gemeinschaft bewegen.

Ausgehend von individuellen Erfahrungen und subjektiver Wahrnehmung erkunden die Künste, was unser gemeinsames Menschsein im Kern ausmacht, können uns dafür sensibilisieren, was uns verbindet.

Nur aus dem Bewusstsein dieser existenziellen Verbundenheit heraus können wir über einen Konsens streiten, können wir uns darüber verständigen, wie wir unser gesellschaftliches Miteinander gestalten wollen. Auch und gerade in Zeiten kollektiver Gefühle wie Klimaangst und Demokratiekummer. 

In ihrer nicht vorhersehbaren Wirksamkeit liegt die Kraft der Kunst, die, wie Hustvedt es beschreibt „unsere Sicht auf die Welt verändern kann“, vorausgesetzt, wir lassen uns auf die Begegnung ein, vorausgesetzt, wir lassen uns berühren. 

Dazu brauchen wir Räume, die uns zum Dialog auffordern, die kommunikative Reibung zulassen, die irritieren, sich widersetzen und hinterfragen. Wir brauchen den Dialog, zwischen den Werken, die hier einander gegenübergestellt werden, mit den Menschen, die diese Ausstellung besuchen. Und deren Sicht auf die Welt sich vielleicht verändert, wenn sie auf unvorhergesehene Weise berührt werden.

Ich wünsche Ihnen allen den unvoreingenommen Blick, den es für einen echten Dialog braucht.

Vielen Dank!

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