Dass wir uns heute, ungefähr 80 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus, wieder mit dieser Zeit befassen und immer noch Lücken schließen, belegt, wie dringend notwendig diese Beschäftigung ist. Die Studie, die wir vor drei Jahren beauftragt haben und die in der heute eröffneten Ausstellung mündet, ist die erste Annäherung an einen Gesamtüberblick zur Kulturpolitik in Hamburg während der Zeit des Nationalsozialismus. Bis heute gab es lediglich die Aufzeichnungen eines Amtsleiters, der in der NS-Zeit selbst in der Behörde angestellt war und der damit lediglich sein eigenes Handeln reflektierte. Den wissenschaftlichen Gehalt der Ausführungen kann man sich davon ableiten.
Wir nähern uns heute also grundlegend den Fragen: Wie gestaltete sich Kulturpolitik in Hamburg von 1933 bis 1945? Welche Mechanismen griffen und wie wirkten die Institutionen wiederum mit der Verwaltung zusammen? Die Desiderate in diesen Fragen sind immens, es ist noch sehr vieles aufzuklären. Ich erinnere an das Interview eines Historikers im Spiegel, der die Unternehmensgeschichte der Firma Porsche nach 1933 untersuchte. Man fragte ihn, wie er es denn fände, seinen Forschungsauftrag erst 80 Jahre nach dem Nationalsozialismus zu erhalten. Er antwortete jovial: Als Historiker seien 80 Jahre kein großer Zeitraum - das würde ihn insofern nicht sonderlich verunsichern. Viel gravierender sei stattdessen, dass 85 Prozent der Unternehmen, der Institutionen in Deutschland, die während des NS tätig waren, sich bis heute nicht mit ihrer Vergangenheit befasst hätten.
Politisch kann man nicht so locker mit diesen acht vergangenen Jahrzehnten umgehen. Es ist höchste Zeit, dass wir anfangen, uns diesen Fragen zu stellen, es ist höchste Zeit, dass wir uns mit unserer Vergangenheit vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklung in unserer Gesellschaft beschäftigen. Vor wenigen Tagen zeichneten wir die Schriftstellerin Anja Kampmann unter anderem für ihr sehr lesenswertes Buch „Die Wut ist ein heller Stern“ mit dem Stipendium des Lessingpreises aus. Das Buch befasst sich mit dem Leben, mit dem Arbeiten in den künstlerischen Milieus auf St. Pauli rund um die Reeperbahn während der 1930er Jahre. Es berichtet davon, wie die Uniformierten auf einmal durch die Vordertür kamen, wie die Programme sich veränderten. Wie aus den Varietés, die zuvor die Vielfalt der Welt in ihrer Mitte versammelten, immer engere, immer heimatgebundene und immer klarer einer ideologischen Linie verbundene Orte wurden. Mit ihrer Literatur erzählt Anja Kampmann uns so eindringlich von einer Zeit, dass man von Seite zu Seite spürt, wie die Wände dieser Räume näher rücken und wie wenig Luft in ihnen blieb, um zu atmen und in Freiheit zu leben. Eine Freiheit, die so wertvoll für die Künste ist, die ihre Arbeit definiert.
Die dahinterstehenden Strukturen zu untersuchen ist wesentlich, um sie zu begreifen und sie zu erkennen, sollte jemand versuchen, sie in der Gegenwart anzuwenden. Neben der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und dem Gedenken an die Opfer, braucht es dazu klare Analysen der Mechanismen und des Handelns der Täter. Von ihnen handelt diese Ausstellung.
Daher möchte ich zunächst Ihnen, liebe Gisela Ewe, als Historikerin und Kuratorin dieses Ausstellungsprojekts für die große fachliche Sorgfalt und Beharrlichkeit danken, mit der Sie sich den Forschungsfragen gewidmet und damit für unsere Stadt Neuland betreten haben. Ich danke der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen und ihrem Vorsitzenden Oliver von Wrochem, dass Sie sich dem Projekt angenommen haben. Ohne Ihre Stiftung, die erst vor wenigen Jahren gegründet wurde, wären die Rahmenbedingungen für diese Arbeit völlig andere gewesen. Eine unabhängige wissenschaftliche Studie, unabhängige erinnerungskulturelle Arbeit, frei von politischer Einflussnahme wäre kaum möglich. Nicht zuletzt möchte ich den zahlreichen Hamburger Kultureinrichtungen danken, die ihre Archive geöffnet, die ihre eigenen Erkenntnisse geteilt haben und den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern den Zugang zum notwendigen Material verschafft haben. Ich hoffe sehr, dass diese Ausstellung ein Anstoß für weitere Untersuchungen sein kann und wird.
Es ist bemerkenswert, dass die Idee einer Kulturverwaltung in Hamburg eine nationalsozialistische war. Das rührt aus der Geschichte dieser Stadt, ihrem republikanischen Erbe: Die Hamburger erzählen gern, dass die Republik auch eine Demokratie gewesen wäre - das war sie bis 1918 mitnichten. Wer sich mit dem Hamburger Zensuswahlrecht beschäftigt, bekommt eine vage Vorstellung davon, wie Hamburg demokratische Umtriebe bis zum Schluss zu verhindern versuchte. Es war eine sehr elitäre Bürgergesellschaft, die den Adel durch besitzende Bürger ersetzte.
In Hamburg wurde das kulturelle Leben anders organisiert, als es in Städten mit Königen mit Herzögen, mit Fürstentümern getan wurde. Hier war ein Großteil und insbesondere die Darstellenden Künste, bis zum Nationalsozialismus privat oder privatwirtschaftlich organisiert. Die Museen waren teilweise staatlich errichtet, aber viele andere Bereiche des kulturellen Lebens waren vollständig unabhängig vom Senat und von der Bürgerschaft. Deswegen war 1933 eine Verwaltung notwendig, mit der man die Maßgaben der Gleichschaltung durchsetzen konnte. Vor diesem Hintergrund wurde die Kulturverwaltung 1933 beschlossen, eingerichtet und existiert seitdem.
Folgerichtig geschah dies damals nach der Logik eines Staates, der versuchte, jeden Bestandteil des öffentlichen Lebens einem totalitären System zu unterstellen, es unter die Regie der eigenen Ideologie und des eigenen Machtanspruchs zu bringen. Kultur und die Künste wurden hier zum Teil des nationalsozialistischen Machtapparats. Die Künste sollten nicht das diskursiv aushandelnde Feld einer freien und offenen Gesellschaft sein, in dem man mit jeder ästhetischen Setzung, mit jeder narrativen Position versuchen konnte, die Grenzen des Denkbaren, des Sagbaren, des Fühlbaren auszutesten. Stattdessen sollte es darum gehen, die starre Wahrheit einer Ideologie als vermeintliche objektive Tatsache nur noch zu bebildern und in Form von Geschichten in die Bevölkerung zu transportieren.
Es war eine Kultur, die sich auf das Härteste an unseren heutigen Vorstellungen bricht. Faktisch hatte es in den 1920er Jahren eine Öffnung des kulturellen Lebens gegeben, diese war nicht frei von Ausgrenzungen, aber es bestand die Möglichkeit, sich künstlerisch zu betätigen, sich gewissermaßen Freiräume zu schaffen: Dort, wo der Druck der Gesellschaft die Luft ließ. Erst in dem Moment, in dem die Künste eben nicht mehr frei waren, in dem Moment, als sie durch eine Verkammerung einer staatlichen Genehmigung und Anerkennung unterlagen, änderte sich das. Die Ausgrenzung ging den Mechanismen der Gewalt, der Entmenschlichung, der Verfolgung und schließlich der Vernichtung voraus, sie war der erste Schritt.
Dieser Schritt wurde von Kulturinstitutionen gegangen, teilweise bevor überhaupt staatliche Direktiven kamen. In einer Form von vorauseilendem Gehorsam kündigte man an, man habe die - und ich zitiere - „Judenfreiheit“ bereits erreicht; ein Habitus, der erkennen lässt, dass Kultureinrichtungen keineswegs allesamt Nester des Widerstands gegen die Ideologie waren. Teilweise unterwarfen sie sich den neuen gesellschaftlichen Machtverhältnissen mehr als bereitwillig. In der Ausstellung sehen wir die individuellen Schicksale der Künstlerinnen und Künstler, deren künstlerische Betätigung durch diese fortschreitenden Prozesse verunmöglicht wurden. Wir sehen Menschen, die ausgegrenzt, verfolgt, deportiert, in den Tod getrieben, ermordet wurden, weil sie als Jüdinnen und Juden, als Sintizze und Romnja, als queere Künstlerinnen und Künstler oder als marxistische Künstlerinnen und Künstler nicht in die Ideologie des NS passten. Weil sie es gewagt hatten, ihre Freiheit leben zu wollen. Wenn wir heute Kulturpolitik machen, müssen wir diese Dinge wissen, weil sie uns unmissverständlich vor Augen führen, wie man diese Politik auch machen konnte: Nämlich indem man versucht, die Künste zur Durchsetzung einer Ideologie zu verwenden.
Nach 1945 fiel die Aufarbeitung dieses Erbes schwer. Der Umstand, dass wir diese Studie erst heute vorstellen, diese Ausstellung heute eröffnen, zeigt, wie viel Zeit ins Land gehen musste. Schon früh nach dem Krieg fiel es schwer, Verantwortungen zu benennen und zu übernehmen, personelle, aber auch dienstliche Konsequenzen ziehen. Wir sehen, wie schwer es bis heute fällt, mit geraubten Kulturgütern umzugehen, Provenienzforschung zu betreiben. Erst vor kurzer Zeit wurde die Kommission, die bisher auf Basis der Washingtoner Prinzipien arbeitete, in ein Schiedsgericht umgewandelt. So soll eine Verfahrensklarheit in den Fragen erlangt werden, wie wir eigentlich restituieren, wenn Fragen an die Provenienz von NS-Verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut gestellt werden und wie wir vor allem dafür sorgen, dass Rechtsansprüche nicht nur theoretisch festgestellt, sondern durchgesetzt werden können.
Diese Aufgaben liegen vor uns. Insofern haben diese Studie und diese Ausstellung ganz konkrete Konsequenzen:
Erstens, dass wir ihre Ergebnisse transparent machen. Dies tun wir hier und heute mit der Ausstellung, wir tun es aber auch mit Blick auf die Beschäftigten in der Kulturbehörde und in den Kultureinrichtungen, in der konkreten Hoffnung, dass eine Debatte darüber erwächst, wie wir heute Kulturpolitik und künstlerische Verantwortung übernehmen wollen.
Zweitens, dass wir Vereinbarungen für den künftigen Umgang mit der Aufarbeitung treffen und Konsequenzen für die Gewährleistung von künstlerischer Freiheit heute ziehen.
Und drittens, dass es weitergeht mit der Aufarbeitung, dass wir diese Ausstellung als eine Anregung verstehen, uns weiter mit dem Thema zu befassen. Die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg arbeitet beispielsweise an einem Sammelband, der 2027 erscheinen wird und die Fragen, die wir hier nur aufwerfen konnten, in wissenschaftlichen Einzelbeiträgen vertieft behandelt. Ich hoffe sehr, dass auch er die Aufmerksamkeit erfährt, die die heute vorgestellte Arbeit erfahren hat.
Wir befinden uns am Anfang eines Weges und legen mit dieser Studie gewissermaßen eine Eröffnungsbilanz vor. Diesen prozessualen Charakter zu betonen ist wichtig, weil wir momentan sehen, wie Kultur aus unterschiedlichen Gründen wieder zu einem politischen Kampffeld wird. Zum einen erscheint es manchen einfacher, Themen in Kategorien der Kultur zu verhandeln, als in ökonomischen oder sozialen Kategorien. Letztere sind Felder, in denen die Konsequenzen viel härter und vor allem materieller wären. Zum anderen gibt es in bestimmten Bereichen unserer Gesellschaft politische Kräfte, die erneut versuchen, den Kampf um eine kulturelle Hegemonie auszurufen. Das sind Menschen, die die Texte Antonio Gramscis beispielsweise ganz genau kennen.
Es ist kein Wunder, dass vor wenigen Jahren ein Buch von Alain de Benoist, einem Vordenker der französischen „Nouvelle droit“, neu übersetzt wurde. Ursprünglich in den achtziger Jahren geschrieben, ist sein deutscher Titel „Kulturrevolution von rechts“. Es ist die Brutstätte einer Idee, durch die Ideologien in die Köpfe und Erzählungen gelangen. Es stellt Überlegungen an, wie man sich der Bilder politisch bedient, die in einer Gesellschaft bereits schwelen: Bilder und Stereotype, die Toleranz unterminieren und stattdessen nationalistische, rassistische, kulturell-hegemoniale Vorstellungen einer Nation als geschlossener Kulturgemeinschaft säen und damit unsere transkulturell-vernetzte Welt, die so offen gegenüber dem vielfältigen Miteinander ist, bis zur Unkenntlichkeit überwuchern.
Auf dieser Ebene bewegen wir uns gerade und mir scheint, die Demokratinnen und Demokraten haben diese Auseinandersetzung bislang nicht ausreichend an- oder wahrgenommen. Stattdessen tut man bisweilen so, als würde es reichten, den Staat ein wenig zu kalibrieren, ihn in seiner Leistungsfähigkeit einfach zu skalieren. Dann würde der Rest sich schon ergeben. Ich glaube das nicht. Ich glaube, wir müssen diesen Kampf auch um die Köpfe und die Herzen der Menschen führen, nicht nur um ihr Portemonnaie. Das ist eine der entscheidenden Aufgaben, denn in dem Vakuum, dem leeren Raum, den die Entscheidungsträger entstehen lassen, werden stetig kulturelle und hegemoniale Vorstellungen formuliert und gesetzt.
Wir lesen Parteiprogramme, in denen steht, dass eine Kulturförderung sich ausschließlich an der Stärkung regionaler Identität und der Befriedigung eines Heimatgefühls zu orientieren habe. Wir sehen weltweit und auch in den Demokratien, wie Bilder in Ausstellungen abgehängt, wie Rednerinnen und Künstler ausgeladen, wie Veranstaltungen abgesagt, wie manche Personen gar nicht erst eingeladen werden, weil man bereits im Vorfeld Ärger wittert. Wenn wir aber die Programmatik unserer Politik und unserer Kultur danach gestalten, was noch aushaltbar ist, begeben wir uns auf den Pfad, auf dem sich bereits die Gesellschaft der 1920er Jahre befand. Dann sind wir tatsächlich einen Schritt näher an den staatlichen Ausgrenzungsmechanismen, die sich in den 1930er Jahren Bahn brachen. Das gilt es jetzt zu verhindern - und ehrlicherweise hatte ich beim Lesen der Studie an einigen Stellen durchaus ein Déjà-Vu.
Noch sind wir nicht am Ende dieses Pfades angelangt. Es sind die ersten Wegmarken, die man wiedererkennt, es sind die Gedankenfiguren, die nach wie vor am Wegrand stehen und die einen unweigerlich an Bert Brecht und den immer noch fruchtbaren Schoß denken lassen. Uns davon abzukehren, setzt voraus, dass wir uns unserer eigenen Handlungsfähigkeit bewusst werden. Wir können einen anderen Weg gehen, wir können anders handeln, weil wir nicht dem Druck eines faschistischen Staates ausgesetzt sind. Wir leben in einer Demokratie, in der wir uns als Demokratinnen und Demokraten für die unbedingte Freiheit der Künste, die im Grundgesetz, Artikel 5, Absatz 3 festgeschrieben ist, entschieden haben. Dieser Paragraf ist eine Besonderheit unserer Verfassung, er ist die Lehre aus der Zeit des Nationalsozialismus und es gilt, ihn tatsächlich zur Geltung zu bringen, ihn mit Verantwortung und mit allen Konsequenzen zu leben und zu verteidigen, indem wir uns als Gesellschaft mit den Ergebnissen dieser Freiheit auseinandersetzen: Davon soll und muss und kann uns nicht alles gefallen. Die Künste sind keine Zierde, keine Dekoration, keine Innenausstatter der Demokratie, die uns behaglich einrichten. Die Künste sind ein unbedingt freier Raum, in dem wir irritiert und inspiriert werden, in dem wir uns aufregen, uns neue Perspektiven anregen oder auch mal durchschütteln dürfen und auch müssen, weil sie uns zeigen, wozu wir als Menschen fähig sind. Wenn wir diesen Anblick nicht mehr aushalten, wenn wir nicht mehr ertragen können zu sehen, wozu wir fähig sind, wird es schwierig.
Diese Ausstellung ist nicht nur eine historische Verantwortungsübernahme. Sie ist gleichermaßen ein Auftrag für die Gegenwart, niemals zu vergessen: Wer Kunst ermöglicht, wer Kunst gestaltet, wer der Kultur ihre Rahmenbedingungen setzt, der gestaltet immer auch die Gesellschaft von heute und von morgen. Gesellschaft und Kultur - diese beiden Dinge sind nicht voneinander zu trennen und ausschließlich in ihrer inneren Verbundenheit zu begreifen. Die Ausstellung fordert uns dazu auf, dieses Bedingungsverhältnis zu reflektieren und die Verantwortung für die unbedingte Freiheit zu übernehmen, durch die die Künste unsere Gesellschaft immer wieder in Aufregung versetzen können.
Ich freue mich, dass so viele von Ihnen hier sind und dass Herr Franz und Herr Weiß, Angehörige der damals verfolgten Künstlerinnen und Künstler, nun zu uns sprechen.
Schönen Dank.