Liebe Frau Beier,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschen Schauspielhauses,
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,
dass in einer Stadt und aus einer Bürgerschaft ein Impuls entsteht, zu sagen: ‚Wir wollen ein Theater. Wir wollen dieses Theater, weil uns die Theater, die in der Stadt existieren, zu anspruchslos sind. Und dafür sammeln wir Geld und bauen das noch binnen 13 Monaten.‘ Das ist eine Geschichte, die wirklich bemerkenswert ist.
Mit diesem Hinweis könnten wir nicht nur nach Köln und Stuttgart Grüße schicken, diese Grüße könnten auch nach Berlin und Brüssel gehen. Denn wir brauchen hier und heute dringend ein paar neue Regeln, damit so etwas vielleicht auch in der Gegenwart schneller geht.
Die Geschichte des Deutschen Schauspielhauses ist in jedem Fall einmalig. Sie zeigt, wie tief ein Theater in einer Stadtgesellschaft verankert sein kann. Die 125 Jahre, die folgten, waren geprägt von Auseinandersetzungen. Die Theaterchronik ist reich, bunt und vielfältig an all diesen Dingen, die man da so erleben kann. Aber am Ende des Tages war es immer auch ein Ringen darum, in einer Stadt Kunst möglich zu machen. Und das impliziert auch ein Ringen einer Stadt mit sich selbst, wie viel Kunst, wie viel Eigensinn und wie viel Freiheit von Kunst sie auszuhalten bereit ist. Das ist etwas, das immer wieder neu verhandelt werden muss.
Insofern sind die Auseinandersetzungen am Ende des Tages auch ein Beleg dafür, dass das Miteinander lebendig ist. Denn für ein Theater wäre nichts schwieriger und nichts schlimmer als eine Stadtgesellschaft, die nicht mehr reagieren würde, die einfach teilnahmslos hinnehmen würde, was in so einem Ort wie diesem passiert.
Wie beim Reizen eines Akupunkturpunktes passieren hier auch Dinge, die aufregen. Das ist ausdrücklich etwas Gutes und insofern gratuliere ich dem Deutschen Schauspielhaus auch zu 125 Jahren sehr erfolgreicher Akupunkturarbeit am Organismus dieser Stadt. Und ich gratuliere uns allen zu der hanseatischen Verve, mit der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt sich vor 125 Jahren zusammengetan haben, um ein Theater von Weltrang zu schaffen.
Ich gratuliere dazu, dass dieser Standort damals sehr vorausschauend gewählt worden ist. Wir haben es schon gehört, der Hauptbahnhof existierte damals zwar noch nicht, aber zentraler kann man ein Theater wohl kaum bauen. Auch heute ist es die größte Sprechbühne in Deutschland. Mit 1200 Plätzen belegt es den Stellenwert, den Kultur, Kunst und das Sprechtheater in dieser Stadt schon damals vor 125 Jahren hatten. Dazu herzlichen Glückwunsch, liebes Deutsches Schauspielhaus.
Und wir haben es dann ja auch besser hingekriegt: Man erinnere sich an den ersten Versuch, hier ein deutsches Nationaltheater zu gründen. Dieser Versuch führte zwar dazu, dass man Lessing herholte, der dann immerhin die Hamburgische Dramaturgie schrieb. Allerdings gingen die Hamburger Bürger damals davon aus, dass es für den Betrieb keine Zuwendungen brauche. Man nahm an, dass es sich selbst refinanziert. Und so musste der arme Mann nach nur zwei Jahren nach Wolfenbüttel, um dort als Bibliothekar seine Schulden zu begleichen, die er hier angehäuft hatte.
Hier ging es anders. Hier ist alles möglich. Euphorie, Erschütterung, Ekstase manchmal auch alles gleichzeitig. Und immer gibt es etwas, das man im Publikum sitzend vielleicht vorher nicht erwartet hatte. Wir werden davon im Laufe des Abends noch so einiges hören: Von legendären Intendanten und Schauspielerinnen, von Not und Freiheit, von Krisen und Triumphen.
Immer wieder können die Besucherinnen und Besucher des Hauses tief hineinblicken in das, was uns Menschen ausmacht. Um Sie an ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte zu erinnern: So wie am Ende des so enorm erfolgreichen Anthropolis-Zyklus, wenn nach all den Wirrungen und Qualen zum Schluss noch einmal Michael Wittenborn als Teiresias alleine auf der Bühne steht, die eben noch die fürchterliche Welt war, und uns Menschen wie folgt beschreibt:
„Sie schmieren sich Leberwurstbrote als Proviant für die Reise mit dem Regionalzug an die Küste, sie setzen Segel, sie berechnen ihren Kurs auf dem offenen Meer nach den Sternen, und dann entdecken sie neue Kontinente, sie versklaven ganze Völker, vernichten sie, rotten sie aus, und zu Hause erzählen sie, sie hätten einen Drachen erschlagen und dessen Zähne ausgesät.“
Wie der alte Mann da in gewöhnlicher Straßenkleidung steht und nach all der Verzweiflung und all den Morden bloß lakonisch darauf hinweist, dass die Mythen eine Erfindung der Menschen sind, um die eigenen Verbrechen und die eigene Unvernunft zu kaschieren, könnte bitterer kaum sein.
Wahrscheinlich ist wirklich nichts gewaltiger (oder schrecklicher, wie es in anderen Übersetzungen heißt) als der Mensch.
Der Kampf zwischen dem Mythos und der Vernunft ist kein äußerlicher. Er findet nicht zwischen dem Menschlichen und dem Metaphysischen statt, er kennt keinen außerweltlichen Gegner.
Es ist ein Kampf des Menschen gegen den Menschen. Ein Kampf der menschlichen Kultur gegen die menschliche Natur. Ein Kampf, der sich im Theater vielleicht besser verstehen lässt als irgendwo sonst. Weil hier mit den Mitteln des Mythos gegen den Mythos und im Sinne der Vernunft gekämpft wird. Das ist der aufklärerische Impuls. In jedem Spielen, jedes Mal, wenn die Verhältnisse auf diesen Bühnen zum Tanzen gebracht werden.
Das Deutsche Schauspielhaus ist damals angetreten, genau solche großen und grundsätzlichen Fragen im Auftrag der Stadtgesellschaft zu verhandeln. Es ist von Bürgerinnen und Bürgern ins Werk gesetzt worden. Es ist bis heute belebt von Bürgerinnen und Bürgern, die sich als Publikum, als hier Arbeitende, als öffentlicher Resonanzraum mit diesem Haus befassen, in diesem Haus wirken und sich mit diesem Haus auseinandersetzen.
Am 15. September 1900 wurde das Theater mit Goethes „Iphigenie auf Tauris“ unter seinem ersten Intendanten, dem Literaturprofessor Alfred von Berger, feierlich eröffnet. Es folgten 27 weitere Intendanten, seit 2013 steht dem Haus erstmals in seiner Geschichte eine Frau als Intendantin vor.
Seit 12,5 Jahren steht sie an der Spitze des Schauspielhauses und begleitet es damit schon ein Zehntel seines Bestehens. Ich würde jetzt gegen die Regieanweisung der Kürze verstoßen, wenn ich auch nur annähernd versuchen würde, all die Preise, Auszeichnungen, Nominierungen und Sonstiges, die das Haus in diesen zwölfeinhalb Jahren erhalten hat, aufzuzählen. Gerne aber stelle ich die These auf, dass dieses Haus unter keinem der Theaterleiter vor Ihnen so viele Auszeichnungen und Nominierungen erhalten hat wie in dieser Zeit.
Ich warte immer noch darauf, dass wir irgendwann den Bauantrag bekommen, um einen Flügel zu bauen, in dem alle diese Preise ausgestellt werden könnten.
Gebaut haben wir dafür was anderes: nämlich eine Spielstätte für das Junge Schauspielhaus, das seit 2021 am Wiesendamm residiert und mittlerweile schon in der 20. Spielzeit Maßstäbe als die Kinder- und Jugendtheatersparte eines staatlichen Hauses in der Stadt setzt. Auch dafür meinen herzlichen Glückwunsch, auch dieser 20. Geburtstag gehört gefeiert.
Das Gute ist ja, Theater, die lange existieren, haben viele Chroniken und in diesen lässt sich auch wunderbar nachschlagen. Zum 75. Geburtstag dieses Hauses schrieb der damalige erste Bürgermeister Hans-Ulrich Klose:
„Die Geschichte dieses Hauses … verdeutlicht, dass in Sachen Kultur Bilanzen nicht allein mit dem Rechenstift geschrieben werden können. Die Großstadt, die Metropole und das große Theater sind nicht voneinander zu trennen. Sie bedingen einander. Die Stadt ist mehr als eine Ansammlung von Menschen, Häusern und Arbeitsplätzen. Ihr Wesen und ihr Wert für ihre Bürger werden ausgemacht vom Spiel im weitesten Sinne, von geistiger Ausstrahlung, von der Auseinandersetzung auf der Bühne, die immer ein Spiegel des Lebens sein wird. Hamburg will das große Theater. Wir bekennen uns auch in Zeiten schwieriger Haushaltsentwicklung zu unserer Pflicht, der Vielfalt geistiger Strömungen ihren Raum zu sichern.“
Es sei richtig, so der Erste Bürgermeister damals, „wenn der Staat und seine Bürger der Kultur den angemessenen Platz im Leben der Gemeinschaft geben.“
Das gilt noch immer. Vielleicht sogar noch viel mehr als 1975. Die Zeiten damals waren zwar auch herausfordernd und wild.
Der geschichtsphilosophische Glaube an einen ewigen Fortschritt landete auf dem Stapel der widerlegten Theorien.
Der Club of Rome hatte die planetaren Grenzen ins Bewusstsein geholt.
Der Glaube an den starken Staat erodierte.
Neue zivilgesellschaftliche Bewegungen erschütterten nicht nur den starr-gerosteten Korporatismus der Bundesrepublik, sondern verstanden unter Willy Brandts Versprechen „Mehr Demokratie wagen“ eine Demokratisierung der ganzen Gesellschaft.
Vieles war in Bewegung und ist in Bewegung geblieben. Viele Fragen, die damals aufkamen und die wir seitdem verhandeln, reichen bis in das kulturelle Fundament unserer offenen Gesellschaft.
Sie haben etwas damit zu tun, dass wir uns vorstellen können müssen, wie es besser werden kann. Denn es gibt keine Logik der Geschichte, nach der wir darauf schließen können, dass es automatisch besser werden wird. Spätestens seit damals müsste allen im Land klar sein, dass Zukunft nicht bloß einfach kommt und besser wird, sondern dass man in der Gegenwart die Ideen für eine bessere Zukunft entwickeln und ausprobieren muss.
In den letzten 50 Jahren mussten wir allzu oft erkennen, dass Dinge, die man errungen hat, auch wieder verloren gehen können. Insofern sind diese Bühnen, durch die wir ins zutiefst Menschliche schauen können, anhand derer wir uns vergewissern können, wozu wir im Guten wie im Schlechten fähig sind, wesentliche Treiber für das, was wir miteinander als Gesellschaft zu leisten haben.
Wo wenn nicht hier, wo Schauspieler sich in Rollen einfühlen, lässt sich Empathie lernen?
Wo wenn nicht hier schafft gemeinsames Erleben auch tatsächlich eine Gemeinschaft?
Wo wenn nicht hier, erkennen wir, was wir bislang nicht begriffen haben?
Wo wenn nicht hier sehen wir, dass sich Gedanken und Positionen in die Welt bringen lassen, die bislang nicht waren und die Welt verändern?
Und genau das – Empathie, Gemeinschaft, Erkenntnis, Weltveränderung – ist es doch, was wir auch aktuell so sehr brauchen. Aber Vorsicht: Von den Theatern ist seit der Antike wahrscheinlich schon so ziemlich alles gefordert worden – und das Gegenteil zeitgleich immer auch. Sie können ihre Kraft aber nur dann entfalten, wenn wir eben genau nichts von ihnen verlangen.
Deswegen liegt falsch, wer heute von den Theatern verlangt, dass sie die Demokratie retten oder gar die Ideen der vermeintlichen demokratischen Mitte vertreten mögen.
Kunst ist Kunst. Und alles andere ist alles andere. So hieß es früher. Wir müssen als Gesellschaft begreifen, dass nur wenn Kunst Kunst sein kann, sie auch alles andere berühren und verändern kann. Nach eigenem Recht und eigener Logik.
Nur dann nämlich können wir uns fragen, was es mit dem Drachen und seinen Zähnen auf sich hat, was dahintersteckt und was uns selbst eine uralte Geschichte heute noch an Erkenntnissen vermitteln kann.
Wenn wir dem Theater diese Freiheit lassen, wird es sich immer wieder die Freiheit nehmen, uns zur Erkenntnis zu verführen. Auf dieses Spiel sollten wir uns einlassen.
Herzlichen Dank für all die Emotionen und Erkenntnisse, die hier noch ihren Ausgang nehmen werden!
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.