Sehr geehrter Landesrabbiner Bistritzky,
Sehr geehrter Herr Stricharz,
Sehr geehrter Herr Vetter,
Sehr geehrte Damen und Herren,
heute, am 9. November, gedenken wir einem der verheerendsten Daten der deutschen Geschichte: der Reichspogromnacht von 1938.
Vor 87 Jahren versuchten Bewohnerinnen und Bewohner dieser Stadt ihre damaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die jüdische Gemeinschaft und ihr Erbe auszulöschen, indem sie Synagogen, Häuser und Geschäfte zerstörten und ihre Nachbarinnen und Nachbarn ermordeten.
Die Übergriffe und Zerstörungen begannen am 9. November und zogen sich teilweise über Tage hin.
Der Historiker Raphael Gross schreibt über die Verbrechen:
„In der deutschen Geschichte gibt es nichts, was mit den Pogromen im November 1938 vergleichbar wäre. Niemals zuvor oder danach wurde das staatliche Gewaltmonopol in aller Öffentlichkeit in die Hände einer antisemitischen ‚Volksgemeinschaft‘ gelegt. Niemals zuvor oder danach standen Hunderttausende Jüdinnen und Juden einer derart aufgehetzten Bevölkerung gegenüber und mussten Schläge und Erniedrigungen, Totschlag und Mord, die Zerstörung ihrer Häuser, Geschäfte und Wohnungen erleiden.“
Gross sieht in der Reichspogromnacht die „Katastrophe vor der Katastrophe der Shoa“ – und damit den Kulminationspunkt einer Entwicklung, die das Ende der zur Illusion gewordenen Existenz jüdischen Lebens im damaligen Deutschland bedeutete.
Aus Diskriminierung und Entrechtung wurde systematische Verfolgung. In aller Öffentlichkeit. Diese Verbrechen waren keine geheime Kommandosache, sie wurden von Deutschen in aller Öffentlichkeit begangen.
Auch die jüngst entdeckten Fotografien von NS-Deportationen aus Hamburg, die aktuell im Stadthaus gezeigt werden, belegen, dass jeder sehen konnte, ja sehen musste, welche Abgründe an Gewalt und Grausamkeit hier aufgerissen wurden.
Dieser offene Versuch, das jüdische Leben und die jüdische Identität zu vernichten, fußt auf einer jahrhundertelangen historischen Kontinuität und gefährdet bis heute Jüdinnen und Juden weltweit.
Judenhass tritt auch heute immer noch und immer wieder offen zutage. Als Bedrohung von Jüdinnen und Juden weltweit und als soziales Gift auch für unsere Versuche, eine offene und vielfältige Kultur in unserer Gesellschaft zu leben.
87 Jahre nach der Reichspogromnacht wirkt dieses Gift wieder aggressiver, wird zunehmend salonfähiger.
Die Gewalt, die israelische Bürger*innen am 7. Oktober 2023 durch den Terror der dschihadistischen Faschisten der Hamas erleben mussten, wurde zum Funken, an dem sich der Antisemitismus öffentlich entzündete und auch in Deutschland aufflammte.
Das muss uns als Gesellschaft bewusst sein.
Hannah Arendt hat zurecht daran erinnert, dass schon in den 1930er Jahren das Problem war, was die Freunde taten. „Das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete“, sagte sie. Dieser Raum darf sich nie wieder auftun.
Wenn antisemitische Vorfälle und Gewalttaten zunehmen, sind wir herausgefordert, dafür zu sorgen, dass Jüdinnen und Juden Solidarität spüren, hier und überall auf der Welt. Es geht darum zu widersprechen. Judenhass ist Menschenhass. Wer die offene Gesellschaft will, muss dem Hass entschieden entgegentreten und muss dafür sorgen, dass das Versprechen, ohne Angst verschieden sein zu können, für alle gilt, auch für Jüdinnen und Juden.
Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ist der Erinnerung jüdischer Familien in Hamburg und in ganz Deutschland unauslöschlich eingeschrieben.
Wenige Gehminuten von hier entfernt verlässt vor 87 Jahren der 13-jährige Schüler Manfred Bundheim die elterliche Wohnung an der Brahmsallee 13, er will vor der Schule das Morgengebet in der kleinen ‚Klaus-Synagoge‘ besuchen. Auf dem Weg dorthin wird er von Bekannten aufgehalten, sie warnen ihn vor dem vandalisierenden Mob und tragen ihm auf, die anderen, die in den Synagogen des Stadtviertels beten, zu alarmieren.
Am Bornplatz schließlich wird er Zeuge der Zerstörung, hört, wie die großen Scheiben eingeschlagen werden und zerbersten, sieht den Rauch und den rötlichdunklen Schein in seiner Schule:
„Ich fühlte Entsetzen, Grauen, Ohnmacht (…), aber ich fühlte auch einen inneren Zorn, ein Wissen: ‚Wir sind es, die im Recht sind‘, eine Art Stärke gegen die äußere Macht.“
In dem Dreizehnjährigen erwacht angesichts der Zerstörung ein starker Widerstandswille. Dieses Erlebnis ist für ihn ein Wendepunkt.
Mit dieser Erfahrung ist er nicht allein: Jedes Jahr lädt die Stadt jüdische ehemalige Hamburger Bürgerinnen und Bürger ein. Vierzig Personen der ersten, zweiten und dritten Generation reisen an, um an Familienorte zurückzukehren und die Stadt kennenzulernen, in der ihre Vorfahren gelebt, gewirkt und die sie mitgestaltet haben.
Ausnahmslos alle Besucher*innen erinnern sich anlässlich des Besuchs auf dem Joseph-Carlebach-Platz – mittelbar oder unmittelbar – an die Nacht vom 9. November und den Morgen des 10. Novembers, auch jene, deren Familien den Gemeinden in Altona, Wandsbek und Harburg angehörten.
Jede Familie hat ihre eigene Geschichte, von dem, was damals geschah – wer sich in welcher Wohnung, in welcher Straße oder in welcher Synagoge befand. Mit jedem Besuch kehren weitere Geschichten nach Hamburg zurück.
Diesem Platz, auf dem wir heute stehen, ist die Erinnerung, ist das Grauen der Pogrome im November 1938 eingeschrieben. Dieser Teil der Stadtgeschichte muss sichtbar bleiben, er muss von allen erinnert werden.
Es ist daher ein wichtiges Zeichen, dass die Bornplatzsynagoge wieder aufgebaut wird. Das zeigt: Wir vergessen nicht. Jüdisches Leben wird wieder sichtbar.
Die Erinnerungen an die Reichspogromnacht fordern uns bis heute direkt und unmittelbar heraus, wie Marina Chernivsky, die Leiterin des Kompetenzzentrums für antisemitismuskritische Bildung und Forschung in Berlin, schreibt:
„Die geerbten, teils ins Stocken geratenen, teils zurechtgebogenen Vergangenheiten sind noch dauerhaft präsent. Während die Nachfahren der einen von Erinnerungen an Erfahrungen verfolgt werden, die sie nie gemacht haben, wollen die der anderen vergessen, was ihnen nie widerfuhr. Wir teilen ein und dieselbe Geschichte und erinnern doch unterschiedliche Geschichten. Unsere Vergangenheiten waren nicht dieselben. Die Gegenwarten sind es auch nicht.“
Gerade deshalb müssen wir so dringend mehr miteinander reden. Um unsere Gegenwart mit unseren Geschichten besser zu verstehen.
Chernivsky beschreibt in ihrem Buch Bruchzeiten, wie der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der 7. Oktober ihren Alltag zu einem „fragilen Konstrukt“ gemacht haben. In erschütternder Klarheit schildert sie ihre Innenwelt, ihre Wahrnehmung der Gegenwart in diesem Land.
Sie fordert uns auf, einander zuzuhören, voneinander zu lernen und eine gemeinsame Zukunft zu schaffen. Unsere persönlichen Familiengeschichten ehrlich zu reflektieren und Ambiguitäten auszuhalten.
Und sie hat recht: Wo Menschen miteinander sprechen, einander zuhören und die Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten anderer zu verstehen versuchen, öffnen sich Räume, in denen Achtung, Mitgefühl und Menschlichkeit möglich bleiben oder neu werden. Räume, die anders sind, als jener leere Raum, der Hannah Arendt so entsetzt hat.
Lassen Sie uns hier und heute gemeinsam ein Zeichen gegen das Vergessen und für eine Zukunft in Frieden und gegenseitigem Respekt setzen.