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29. März 2019

Verleihung des 1. Hamburger Bilderbuchpreises

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Sehr geehrte Frau Professorin Diener,
sehr geehrter Herr Kühne,
sehr geehrter Herr Professor Mölck-Tassel,
sehr geehrter Herr Böge,
sehr geehrte Damen und Herren,

ein Mann sitzt einsam in einer Kammer auf einer Pritsche und betrachtet eine Fotografie seiner Familie. Ein seltsames Wesen, halb Katze, halb Amphibientier schaut ihn neugierig an. Ist es böse? Ist es hungrig? Will es spielen?

Als der Mann die Mietskaserne verlässt, ist er umgeben von bedrohlichen Gebäuden, merkwürdigen Fortbewegungsmitteln und von Menschen, die sich bizarr verhalten, fremde Dinge essen und mit denen er sich nicht verständigen kann.

Der Einzelne in der Fremde. Dieses Motiv ist so eindrücklich wie Karl Roßmanns Ankunft in Amerika in „Der Verschollene“ von Franz Kafka.

Doch in Shaun Tans wunderbarem Bilderbuch „The Arrival“, vor gut zehn Jahren im Carlsen Verlag als „Ein neues Land“ erschienen, fällt kein einziges Wort.

Dem Autoren und Zeichner gelingt es, allein durch die Kraft und die Poesie seiner Zeichnungen eine Geschichte von Abschied und Neuankunft, von Wehmut und Hoffnung zu erzählen, die einen ebenso intellektuell wie emotional packt.

Den Hintergrund und die Bedeutung von Flucht und Vertreibung vermittelt der Künstler so anrührend, dass man das Buch nicht vergessen wird. „Little people can be empowered through art“, hat Shaun Tan einmal gesagt.

Nun ist der Australier zweifellos einer der prominentesten Buchkünstler unserer Zeit. Er hat unter anderem den wichtigsten Kinder- und Jugendbuchpreis der Welt erhalten, den „Astrid-Lindgren-Memorial-Award“. Seine Bücher verkaufen sich in hohen Auflagen, sein Film „The Lost Thing“ – „Die Fundsache“ – wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. Nicht immer erreichen Bilderbuchkünstler ein so weltumspannendes Renommee.

Doch das soll sich jetzt ändern: Ich freue mich sehr, Schirmherr des ersten „Hamburger Bilderbuchpreises“ zu sein, weil Zeichnerinnen, Illustratoren, Comic-Künstlerinnen und Bilderbuchautoren ganz wesentlich zur Bedeutung des Kreativstandorts Hamburg beitragen. Und weil sie ganz einfach tolle Kunst schaffen!

Der „Hamburger Bilderbuchpreis“ gehört in diese Stadt, und ich bin den Wegbereitern des Preises sehr dankbar, dass sie mit Verve und Engagement eine Idee zur Wirklichkeit gemacht haben.

176 Einsendungen von hoher Qualität, davon 25 aus dem Ausland (auch aus Cambridge, New York und sogar Taiwan) sowie all die wunderbaren Arbeiten, die wir hier sehen können, sprechen für sich.

Der „Hamburger Bilderbuchpreis“ trägt nun die Botschaft in die Welt hinaus, die den Akteurinnen und Akteuren der regen Szene schon lange bekannt ist: Hamburg ist die Hauptstadt des Bilderbuchs.

Wer von Bilderbüchern redet, redet oft von Kinder- und Jugendbüchern. Die bekannten Kinder- und Jugendbuchverlage – Carlsen und Oetinger natürlich, aber auch Jumbo, Atrium Kinderbuch, Rowohlt Rotfuchs und viele andere bringen Jahr für Jahr circa 120 Millionen Euro Umsatz in die Stadt.

Von Frank Kühne habe ich erfahren, dass von den 100 im Jahr 2018 meistverkauften Kinder- und Jugendbüchern 51 aus Hamburger Verlagen stammten. Das reicht von den Pixies über Kirsten Boies „Ein Sommer in Sommersby“ bis zu Torben Kuhlmanns neuem Mäuseabenteuer „Edison“ oder den sieben Harry-Potter-Bänden.

Es ist ganz einfach: Kinder, die Bilderbücher anschauen, werden auch später ins Bücherregal greifen. Dabei verbindet das Lesen von Bilderbüchern über sprachliche Grenzen hinweg: Bilder sind eine universelle Sprache.

Mit ihrer integrativen Kraft vermögen sie, Kinder und auch Erwachsene miteinander ins Gespräch zu bringen. Und zwar beinahe ohne Vorbedingungen über alle Sprach-, Kultur- und Milieugrenzen hinweg. Kinder, die Bilderbücher lesen, werden zu Leserinnen und Lesern. Deshalb ist Leseförderung in den Bildungs- und Kultureinrichtungen und auch in den Familien so entscheidend.

In Hamburg wird bereits viel dafür getan: „BuchStart“, „Gedichte für Wichte“, das vielfältige Programm des Kinderbuchhauses, „Spaß mit Büchern“ und „Gedankenflieger“ im Literaturhaus, das Lesefest „Seiteneinsteiger“ und die Lese- und Schreibwerkstatt „Wortspiel“ im Kölibri sind nur einige Initiativen der Leseförderung, die in den Hamburger Stadtteilen jeden Tag Kinder an Bücher heranführen.

Anfang des Jahres haben mehr als 130 Leseforscherinnen und -forscher die Stavanger-Erklärung veröffentlicht, in der sie begründen, warum das Lesen auf Papier für das tiefere Verständnis von Texten so wichtig ist: Papier ist der beste Träger für das Lesen langer informativer Texte. Den individuellen Lesegenuss, das eigene Tempo, das Versinken in ein Buch kann das digitale Lesen nicht ersetzen. Es bleibt essenziell, dass Schulen weiterhin zur Lektüre gedruckter Bücher motivieren und dass die Lehrpläne entsprechend Zeit dafür aufbringen – iPad hin und Smartboard her. Unsere Kinder brauchen Konzentration, müssen ihr Gedächtnis trainieren und ihren Wortschatz erweitern. Dafür brauchen sie Bücher.

Und deshalb kann die Leseförderung nicht früh genug einsetzen, wie auch Kirsten Boie in der „Hamburger Erklärung“ vehement fordert.

„Zeichnen ist die Kunst, Striche spazieren zu führen“ hat Paul Klee einmal gesagt. Doch visuelles Erzählen vermag noch viel mehr: Bildergeschichten – darauf hat Andreas Platthaus, der Literaturressortleiter und Comic-Papst der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, zum Abschluss der Graphic Novel Tage im Literaturhaus Hamburg gerade wieder hingewiesen – können komplexe und erschütternde Zusammenhänge auf intensivere Weise darstellen als es beispielsweise der Dokumentarfilm vermag, weil ihnen immer das Moment der Reflexion eingeschrieben ist.

Und es tut sich etwas in der öffentlichen Wahrnehmung: Nick Drnaso, der im September das „Hamburger Comicfestival“ eröffnen wird, war mit seiner Graphic Novel „Sabrina“ 2018 als erster Zeichner überhaupt für den „Man Booker Prize“ nominiert. Und vor wenigen Tagen hat die deutsch-amerikanische Künstlerin Nora Krug den renommierten „National Book Critics Circle Award“ erhalten. Ihr Buch „Belonging“ – oder „Heimat“ – ist ein „Memoir“, eine autobiografische Erzählung, in der die Künstlerin den Verstrickungen ihrer Familie während des Nationalsozialismus nachspürt. Sie tut das auf visuell umwerfende Weise: alte Familienfotos und historische Dokumente werden in die Zeichnungen eingearbeitet. So entsteht eine intime, schonungslose und ungeheuer reizvolle Aufarbeitung des 20. Jahrhunderts anhand individueller Schicksale.

Vielsagend und auch für den heutigen Abend programmatisch heißt das kleine, feine Literaturhaus-Festival, zu dem Nora Krug eingeladen war, übrigens „Sprechende Bilder“.

In Hamburg hat sich in den vergangenen 20, 25 Jahren eine höchst aktive Illustratorenszene entwickelt, die in letzter Zeit zunehmend selbstbewusst mit kreativen Aktionen auf sich aufmerksam macht. An Alster und Elbe leben und arbeiten besonders viele Zeichnerinnen und Zeichner, was nicht nur der Schönheit dieser Gewässer geschuldet, sondern vor allem dem Studiengang Illustration an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaften“ zu verdanken ist.

Ich finde es hervorragend, dass derzeit die Illustrationskunst und ihre öffentliche Wahrnehmung an so vielen verschiedenen Ecken in unserer Stadt aufblühen.

Dass wir von städtischer Seite Ende des Jahres mit einem „Hamburger Literaturpreis“ in der Kategorie „Comic“ nachziehen, ist dabei ebenso überfällig und Anlass zur Freude.

Ich bedanke mich bei den Initiatoren des „Hamburger Bilderbuchpreises“ für ihr Engagement und bei der Jury für die Arbeit der letzten Wochen. Ich stelle es mir nicht leicht vor, aus einer Vielzahl an anspruchsvollen, mit Liebe und Hoffnung gestalteten Einsendungen die eine auswählen zu müssen.

Umso schöner, dass die Hamburgerinnen und Hamburger die Gelegenheit haben, die schönsten Entwürfe hier in der „Fabrik der Künste“ noch etwas länger zu betrachten. Ich bin auf die Entscheidung der Jury gespannt und freue mich, dass die Kinder aus Hamburg und anderswo das Ergebnis bald als Buch in den Händen halten dürfen.

„Today is the tomorrow you were promised yesterday“, heißt es einmal bei Shaun Tan. Möge der heutige Tag nicht nur für die Preisträgerin oder den Preisträger des „1. Hamburger Bilderbuchpreises“ seine Versprechungen einlösen – und möge dieser Preis den Weg ebnen für eine glänzende Zukunft als Zeichnerin oder Illustrator.

Vielen Dank!