Montagmorgen. Schule nach einem entspannten Wochenende. Auch in der Harburger Elisabeth-Lange-Schule beginnt eine neue Woche. Für die Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 11 aber anders als sonst. Heute bekommen sie Besuch der Hamburger Zeitzeugen.
Langsam füllt sich die grüne Tribüne in der Pausenhalle. Angeregte Unterhaltungen, zwei Mädchen kichern. Es ist ein bisschen unübersichtlich, bis alle ihren Platz gefunden haben. Nun gucken die Elftklässler auf einen langen Tisch und drei besondere Gäste: Frauke Petershagen, Dieter Sydow und Manfred Hüllen stellen sich vor. Sie sind alle um die 80, alle topfit – und sie sind Zeitzeugen des Hamburger Seniorenbüros.
„Ist mal was anderes“, sagt ein Schüler zu seinem Nachbarn. „Ist für uns total wichtig und bereichernd“, sagt Schulleiter Tobias Langer. In der Elisabeth-Lange-Schule sind die Zeitzeugen Stammgäste.
Dann wird es ruhig und Manfred Hüllen bricht schnell das Eis. Und kommt gleich zur Sache: Er erzählt, dass das Haus seiner Eltern in Düsseldorf aus Versehen durch Fliegerbomben zerstört wurde. „Die wollten den Rüstungsbetrieb Rheinmetall treffen, aber der Wind hat die Bomben 150 Meter weiter nach links getrieben. So lag unsere ganze Straße in Schutt und Asche.“
Die Schüler hatten sich schon vorher auf den Besuch vorbereitet und Fragen erarbeitet: Wie war das mit der Reichspogromnacht? Kannten Sie Menschen im Widerstand? Wie ging es nach Ende des Krieges weiter? Nach und nach beantworten die drei Senioren die Fragen – und ihre Erlebnisse beeindrucken die Jugendlichen sichtlich. Dieter Sydows Opa warf sich im Rinnstein schützend über ihn, weil beide nicht rechtzeitig im Luftschutzbunker waren. Frauke Petershagen erlebte die Hamburger Bombennächte. Als Manfred Hüllen unter Tränen erzählt, wie neben ihm seine große Schwester von einem Munitionslaster überfahren wurde und starb, fließen auch bei den Jugendlichen Tränen. In Geschichtsbüchern kann man nachlesen, wie viele Menschen durch den Krieg ihr Leben verloren haben. Aber den Tod eines geliebten Menschen hautnah miterleben zu müssen, ist eine Erfahrung, die kein Buch darstellen kann.
Das ist das Besondere an den Zeitzeugen. Und die Weitergabe dieser Erfahrungen ist ihnen eine Herzensangelegenheit. „Krieg ist scheiße“, sagt Manfred Hüllen. „Und die Demokratie unser höchstes Gut, für das wir kämpfen.“ Und er fügt mit Blick auf sein Alter hinzu: „Solange es geht!“
Mit dem Ukraine-Krieg ist das Thema Krieg näher gerückt. Auch viele ukrainische Schülerinnen und Schüler wurden ausgebombt, haben Angehörige verloren, sind nach Hamburg geflüchtet. Und die Demokratie? „Ist in Gefahr“, sagen die Zeitzeugen. „Mit Hass und Ausgrenzung hat alles schon einmal angefangen.“ Was in 30 TikTok-Sekunden markig klingt, könne schnell ins Unheil führen. Und dann müssten Menschen vielleicht dasselbe miterleben wie die drei Gäste.
Nach zwei Stunden löst sich die Runde auf. Man hätte noch Stunden weitermachen können, doch in der angrenzenden Mensa beginnt nun der Hochbetrieb. Merklich berührt verlassen die Schülerinnen und Schüler nach und nach die Pausenhalle. Die Eindrücke. Die ruhige Art der Zeitzeugen. Das, was man heute ‚authentisch‘ nennt. Die nächsten Schulbesuche sind geplant. Und auch die Elisabeth-Lange-Schule wird wieder mit dabei sein. Solange es eben geht.