„Kommt mal alle aus dieser Ecke raus, nehmt den ganzen Bühnenraum ein!“ Dania Hohmann, Regisseurin im St. Pauli Theater klatscht energisch in die Hände und scheucht die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler auseinander. Die Jugendlichen, allesamt Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Am Hafen, proben „Die Rote Zora“, ein Stück frei nach dem bekannten Jugendroman von 1941, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Es geht um Solidarität unter Außenseitern, um soziale Ungerechtigkeit und darum, dass Mut und Zusammenhalt wichtiger sind als materieller Besitz. Von oben schweben große Körbe herunter, gefüllt mit Obst und Gemüse, Fisch und Brot, es ist Markttag auf der Bühne. Im wirklichen Leben ist es ein Donnerstag in den Märzferien, drei Tage vor der Premiere - und der Text sitzt noch lange nicht.
„Das macht aber nichts“, beruhigt Regisseurin Hohmann. Erstens gebe es eine Souffleuse, zweitens bringe sie den Jugendlichen bei, bei Textaussetzern zu improvisieren. „Ihr müsst einfach nur behaupten, das gehört so“, lautet ihr simpler Rat. Die 13- bis 18-Jährigen lassen sich dann auch nicht stressen, sondern spielen, singen und tanzen und haben sichtlich Spaß. Auch wenn sie eine Szene zum fünften Mal wiederholen müssen. Im Zuschauerraum sitzt an diesem Tag Schulleiterin Kathrin Wittmaack. „Es ist wirklich erstaunlich, wie sich manche Jugendliche hier entwickeln“, sagt sie. Ein Schüler sei beispielsweise im Unterricht immer sehr introvertiert, doch auf der Bühne plötzlich das genaue Gegenteil. „Wie ausgewechselt“, staunt Wittmaack. Ebenso fasziniert sei sie von dem Gemeinschaftsgefühl, das sich durch die intensive Zusammenarbeit unter den Schülerinnen und Schülern entwickele. „Die kennen sich ja vorher nicht, das ist schon großartig zu beobachten.“
Das Theaterprojekt ist eine Kooperation der Stadtteilschule Am Hafen mit dem St. Pauli Theater. Jedes Jahr bringen Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Jahrgängen mit Unterstützung der Profis vom Theater ein neues Stück auf die Bühne – und das bereits seit 16 Jahren. Gespielt werden Klassiker wie "Hamlet" oder "Johanna von Orleans", Märchen wie "Alice im Wunderland" oder "Momo" bis hin zu "Frankenstein" und "Fight Club". Die Proben starten jeweils im Januar zunächst zwei Stunden pro Woche, in den Frühjahrsferien dann täglich sechs oder sieben Stunden – und zwar freiwillig. „Bislang haben sich immer genügend Jugendliche gefunden, ohne Casting, das ergibt sich“, erzählt Lehrerin Nina von Essen, die das Projekt zum zweiten Mal betreut.
Studentin Maria ist bereits zum achten Mal dabei, nach dem Abitur habe sie einfach weiter mitgespielt, weil es so viel Spaß mache, sagt sie. Zehntklässler Mujtaba, der einen Polizisten spielt, überlegt sogar, nach der Schule eine Ausbildung in diese Richtung zu machen. „Ich habe eine große Leidenschaft für die Schauspielerei“, schwärmt der 16-Jährige. Juli findet, es sei „sehr bereichernd, Theater zu spielen“. Die 18-Jährige, die in diesem Jahr ihr Abitur macht, hat die Hauptrolle ergattert. „Mit der roten Zora kann ich mich gut identifizieren, die ist so mutig“, sagt sie. Auch Juli liebäugelt mit der Schauspielerei. „Das tun einige hier“, betont Dania Hohmann. Zwei ehemalige Ensemblemitglieder seien tatsächlich professionelle Schauspieler beim Film geworden, berichtet die Regisseurin. „Und sogar ganz erfolgreich!“
Vergangenen Sonntag war Premiere. Unter den Zuschauenden im gut besetzten Theatersaal war auch Bildungssenatorin Ksenija Bekeris. Die Vorstellung habe ihr sehr gut gefallen, erzählt sie. „Man konnte richtig sehen, wie die Jugendlichen auf der Bühne aufblühen!“ Und hat es Textaussetzer gegeben? „Nein, zumindest habe ich davon nichts mitbekommen“, so Bekeris. Wunderbar! Wer jetzt neugierig geworden ist, muss allerdings bis zum nächsten Frühjahr warten, denn alle drei Vorstellungen sind bereits gelaufen.