Zu diesem Senatsempfang waren keine Sitzreihen im Großen Festsaal des Rathauses aufgestellt, sondern Stehtische und ein paar kleinere Tische. Auf diese Weise konnte jede und jeder den passenden Platz für sich finden und sich barrierefrei bewegen, ob mit oder ohne Rollstuhl oder anderen Hilfen. Selbstbestimmung war dann auch das zentrale Thema auf der Feier zum 50-jährigen Bestehen der gemeinnützigen GmbH „Leben mit Behinderung Hamburg Sozialeinrichtungen“. Die Tochtergesellschaft des 1956 gegründeten Vereins „Leben mit Behinderung“ betreibt zahlreiche Tagesstätten und Wohngruppen in und um Hamburg sowie Pflege- und Betreuungsdienste.
Die soziale Organisation steht für eine inklusive Stadtgesellschaft und unterstützt heute mehr als 1.500 Menschen mit Behinderungen in den Bereichen Unterstütztes Wohnen, Unterstütztes Arbeiten, Familie, Bildung, Freizeit und Kultur. Unter der Trägerschaft des Vereins „Leben mit Behinderung“ – einem der ältesten Elternvereine für Eltern mit Kindern mit Behinderung deutschlandweit – engagieren sich rund 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie etwa 300 Freiwillige, die Menschen mit Behinderungen in ihrem Alltag begleiten und stärken. Vorstandsvorsitzender Christian Lührs umriss die Entwicklung des Vereins und bedankte sich herzlich bei allen Unterstützenden – und schaffte damit Wellen von Applaus und eine ausgelassene Stimmung unter den Gästen. Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer erinnerte daran, dass die Vereinsgründung in einer Zeit stattgefunden habe, in der Behindertenhilfe in Hamburg erst allmählich Gestalt annahm und betonte, welch wichtiges Zeichen für die Demokratie die moderne Eingliederungshilfe sei.
Vor 70 Jahren hatte Kurt Juster den „Verein zur Förderung und Betreuung spastisch gelähmter Kinder“ gegründet und damit eine erste Anlaufstelle für betroffene Eltern geschaffen. Es folgten 1958 die erste Hamburger Sonderschule für spastisch gelähmte Kinder und 1960 die erste Sonder-Kindertagesstätte in Wellingsbüttel. Diese frühen Initiativen waren getragen von einer Haltung, die bis heute prägend ist: Menschen mit Behinderungen gehören in die Mitte der Gesellschaft – mit ihren Bedürfnissen, Fähigkeiten und Rechten. Aus dieser Entwicklung entstand vor 50 Jahren die Organisation, die heute als „Leben mit Behinderung Hamburg Sozialeinrichtungen“ firmiert. Ihr Selbstverständnis ist es, Unterstützung nicht als Fürsorge zu begreifen, sondern als Ermöglichung von Selbstbestimmung und Teilhabe.
Dabei geht es auch darum, nicht über, sondern mit Menschen mit Behinderungen zu sprechen und vor allem um die eigene Mitbestimmung. Dazu sprach unter anderen Ari Gultom, Interessenvertretener bei „Leben mit Behinderung“ auf dem Podium. „Uns wurde die Frage gestellt, was heißt eigentlich eine gute Assistenz heute? Die Antwort ist doch eigentlich ganz einfach: Assistenz soll mich dabei unterstützen, so zu leben, wie ich leben will. Das heißt: Da ich Unterstützung brauche, um am Leben teilzuhaben, bekomme ich auch welche“, erklärte Gultom.
Das Schlüsselwort dazu laute „Personenzentrierung“, führte John Meister vom Projekt Inklusive Jugendhilfe in der Familienbehörde aus. „Wir müssen die individuellen Lebensstile, Wünsche, Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht etwa eventuelle Zuständigkeiten oder bürokratische Strukturen. Deswegen ist dieses Credo so unglaublich wichtig und zentral für die Eingliederungshilfe und für die Inklusion in die Gesellschaft“, betonte Meister.
50 Jahre Leben mit Behinderung – für Familienstaatsrätin Michaela Peponis ein besonders wichtiges Jubiläum für Hamburg: „Für die Stadt bedeutet das, dass wir einen Akzent setzen auf die Vielfalt der Menschen, die in dieser Stadt leben, mit Behinderung, ohne Behinderung, und das wir als Behördenvertretende ganz eng verbunden sind mit der Institution ‚Leben mit Behinderung‘.“ Ihr Kollege Dirk Bange, Leiter des Amts für Familie, ergänzte: Ganz besonders wichtig ist, dass wir bei den Kindern schon anfangen: Je früher wir die Menschen erreichen, desto besser können wir sie integrieren. Die Schilderungen der Menschen mit Behinderungen haben auf diesem Empfang ganz deutlich gemacht, wie wichtig die Arbeit des Vereins und unsere Arbeit ist.“
Sonderzeichen und Namen können fälschlicherweise übersetzt werden