Was hat der 11. September 2001 mit unserer Gegenwart zu tun?

25 Jahre nach den Anschlägen: Schülerinnen und Schüler diskutieren mit hochkarätigen Gästen

  • Schule, Familie und Berufsbildung
25 Jahre nach den Anschlägen
Initiatorin Sandra Baumeister (2.v.r.) mit Shahin Morid, Angelo Kwarteng, Lynn Wiebigke und Dayana Lusina von der Schüler:innenkammer Hamburg Ulrike Klettner

Die Aula war bis auf den letzten Platz gefüllt – auch noch nach zweieinhalb Stunden: Anlässlich des 25. Jahrestags der Anschläge auf die USA am 11. September 2001 hatte die Schüler:innenkammer Hamburg auf Initiative der Politik- und Geschichtslehrerin Sandra Baumeister zu einer ganz besonderen Veranstaltung eingeladen: „Ein Ereignis. Eine veränderte Welt. 9/11 zwischen Erinnerung, Medien, Politik, Freiheit und Sicherheit“, so der Titel. In der Aula der Beruflichen Schulen BS 01 und 02 kamen Expertinnen und Experten zusammen, die in besonderer Weise mit den Terroranschlägen verbunden sind: Susan Elbow, damalige US-Generalkonsulin in Hamburg, Gundula Koch, USA-Korrespondentin des ZDF in Washington, Bernd Krösser, heutiger Staatssekretär im Bundesinnenministerium und damals Antiterrorismusbeauftragter in Hamburg, sowie Konstanze Nastarowitz, Autorin eines sechsteiligen NDR-Podcasts zum Thema. „Dieser Tag hat jeden Menschen weltweit berührt und deshalb ist es wichtig, dass gerade auch junge Menschen sich an diesen Tag erinnern müssen,“ so Organisator Angelo Kwarteng, stellvertretender Vorsitzender der Schüler:innenkammer.

„Ich war in meinem Büro im Konsulat und da kam ein Kollege herein und sagte: Wow, da ist ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen!“, erinnert sich Susan Elbow, die selbst einmal im 77. Stock des World Trade Centers (WTC) gearbeitet hatte. „Es war für uns klar: das ist Terrorismus, das war für uns auch vorher schon ein Thema.“ Die Journalistin Gundula Koch hatte, nachts von einem Anruf mit der Nachricht geweckt, spontan an einen Unfall mit einer kleinen Cessna gedacht. Auch Bernd Krösser, damals in der Hamburger Innenbehörde tätig, habe zuerst an einen Unfall gedacht, dann aber im Besprechungsraum mit seinen Kolleginnen und Kollegen live das zweite Flugzeug in den zweiten Turm des WTC fliegen sehen. „In dem Moment war allen klar, dass das kein Absturz war!“, erinnert er sich. Gespannt lauschten die Schülerinnen und Schüler aus dem gesamten Stadtgebiet den Berichten der Zeitzeuginnen und -zeugen – um dann in den interaktiven Austausch zu treten. Organisatorin Sandra Baumeister hat sich das genauso vorgestellt: „Geplant war keine klassische Vortragsveranstaltung, sondern ein interaktiver Austausch. Alle können eigene Fragen stellen, sich an Diskussionen beteiligen und ihre Perspektive direkt in das Gespräch mit den Gästen einbringen.“

„Heutzutage hätte man sofort gesagt, das ist alles nur Künstliche Intelligenz, alles Fake!“ Diese Aussage eines 18-jährigen Berufsschülers brachte auf den Punkt, wie sehr sich die mediale Wahrnehmung in den letzten 25 Jahren gewandelt hat. Zentrale Fragen der Diskussion waren dann beispielsweise, welche Verantwortung Medien in Krisensituationen tragen und wie ein vergleichbares Ereignis heute, im Zeitalter von Social Media, wahrgenommen würde. Gundula Koch, die monatelang als Reporterin über 9/11 und die Folgen berichtet hat, betonte, wie wichtig für die journalistische Arbeit vertrauenswürdige Quellen seien und das Beharren auf Fakten, gerade wenn sich Angst und konspirative Theorien verbreiteten, weil Dinge geschehen, die sich nicht gleich erklären ließen. Sie sei froh darüber, dass es damals noch kein Social Media gegeben habe: „Da hätten wir alt ausgesehen“, so Koch.

Der Initiatorin des Projekts, Oberstudienrätin Sandra Baumeister, ging es vor allem um die Frage, welche Bedeutung der 11. September 2001 heute noch hat. „Als Politik- und Geschichtslehrerin ist mir die Erinnerungskultur sehr wichtig. Wir lernen durch die Vergangenheit die Gegenwart besonders gut kennen und diese prägt dann auch die Zukunft.“ 9/11 sei ein ganz wichtiger Einschnitt und präge die USA und auch Deutschland bis heute, zum Beispiel mit dem Patriot Act (heute Freedom Act), der Freiheitsrechte beschneide, um Sicherheit zu gewähren. „In Deutschland ist nach dem 11. September zum Beispiel die Rasterfahndung notwendigerweise verstärkt eingesetzt worden. Es stellt sich stets die Frage, wie die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit gehalten werden kann“, so Baumeister.

Dass diese Balance immer wieder gesellschaftlich auszuhandeln sei, betonte Staatssekretär Bernd Krösser. Er stellte dar, wie stark alle Sicherheitsbehörden auch in Deutschland damals davon ausgegangen seien, dass dieser Anschlag von einem bis dahin undenkbaren Ausmaß weitere Anschläge nach sich ziehen würde und dass deshalb weitreichendere Maßnahmen zur Überprüfung bestimmter Personengruppen als nötig erachtet wurden. Krösser: „Damals war es sehr nachvollziehbar, dass man so reagiert hat, auch mit den Problemen, die das für die Einzelnen geschaffen hat.“ Gemeint sind Verdächtigungen, denen unbescholtene Bürger (in dem Fall tatsächlich nur Männer) ausgesetzt waren, darunter beispielsweise ein Hamburger Apotheker muslimischen Glaubens. Unter anderem dessen Geschichte hat Konstanze Nastarowitz in ihren Podcast „Pearl Harburg – Deutschland nach 9/11“ aufgenommen, der derzeit ausgestrahlt wird. Für die Journalistin war es wichtig, jungen Menschen die Geschichte und die Folgen des Terrorakts im Stadtteil Harburg nahezubringen, aus dem drei der Attentäter kamen.

Dazu meldete sich ein Schüler aus dem Publikum zu Wort: „Wir Muslime wollen uns ganz klar von Islamisten distanzieren und ich finde es schlimm, dass wir damit immer wieder in Kontakt gebracht werden“, so der 22-jährige Belal. Und ergänzt: „Wenn du sagst, du bist Moslem, spürst du, wie die Menschen dich komisch angucken, sehr kritisch. Das ist so ein Schubladendenken! Das finde ich traurig. Gerade jetzt, nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, sollten wir doch alle zusammenhalten, egal, welche Herkunft und welche Religion man hat.“

Der fesselnde Vormittag endete mit einem Gedenken der Opfer des 11. Septembers zu dem Song des 9/11 Memorial-Videos „Only Time“ von Enya. Eine beeindruckende Veranstaltung! Schade nur, dass die Aula nicht noch mehr Plätze hatte – von so einer hochkarätigen Veranstaltung hätten bestimmt noch mehr Schülerinnen und Schüler profitieren können.

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