Am 8. Mai, genau 81 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, besuchten Schülerinnen und Schüler des Heilwig Gymnasiums die Synagoge Hohe Weide in Eimsbüttel. Der Ausflug erfolgte im Rahmen ihres Geschichtsprofils „Das Eigene und das Fremde“, doch von „Fremdeln“ mit der jüdischen Kultur war bei den Jugendlichen nichts zu spüren – ganz im Gegenteil: Gut vorbereitet und mit einer großen Portion Neugier stellten die 16- bis 18-Jährigen differenzierte Fragen zu Religion, Festen, Regeln und Traditionen sowie zum jüdischen Leben damals und heute in Hamburg. Gemeindemitglied Rebecca Vaneeva erläuterte kenntnisreich, was es mit Kippa, Torah oder Menorah auf sich hat und beantwortete souverän alle Fragen – auch solche intimerer Art.
So fragte etwa eine Elftklässlerin nach dem Beschneidungsritual bei Jungen und wollte wissen, ob Eltern dieses auch verweigern könnten. Die Beschneidung, die sogenannte Brit Mila, geschehe traditionell am achten Lebenstag des Neugeborenen unter lokaler Betäubung, dann seien die Schmerzrezeptoren noch nicht voll ausgebildet, erläuterte Vaneeva. Dass Eltern diese Jahrtausende alte Tradition ablehnten, komme nur äußerst selten vor, da die Zeremonie ein zentrales religiöses Gebot sei, das den Bund zwischen Gott und dem Volk Israel symbolisiere. Auf die Frage einer anderen Schülerin, warum Männer und Frauen im Gottesdienst getrennt sitzen, gab es für die Jugendlichen eine überaus nachvollziehbare Erklärung: Die Geschlechtertrennung diene vor allem dazu, Ablenkungen während des Gebets zu minimieren und so die Konzentration auf Gott zu fördern.
Seit zehn Jahren bietet die jüdische Gemeinde Hamburg Führungen durch die Synagoge an – ein nachgefragtes Angebot, das bereits über 1.000 Schulklassen wahrgenommen haben. Das zentrale Anliegen der Gemeinde: Schülerinnen und Schüler sollen jüdisches Leben direkt erleben können, durch persönliche Begegnungen, die Verständnis schaffen und Vielfalt erlebbar machen – gerade auch in Zeiten eines wieder lauter werdenden Antisemitismus. „Wo Menschen miteinander sprechen, verlieren Vorurteile an Kraft“, weiß Daniel Sheffer, Vorsitzender der Stiftung Bornplatzsynagoge. „Mit unseren Bildungsangeboten schaffen wir Räume für Gespräch, Fragen und unmittelbare Erfahrungen. Schülerinnen und Schüler begegnen nicht ‚dem Judentum‘ als abstraktem Thema aus dem Unterricht, sondern Jüdinnen und Juden, ihrer Synagoge und ihrem gelebten Alltag.“
Die Schülerinnen und Schüler des Alsterdorfer Heilwig Gymnasiums zeigten sich nach der Führung durchweg begeistert. „Wir haben wirklich Glück, die Synagoge mit unserem Geschichtsprofil besuchen zu können“, so eine Schülerin. Ihrer Ansicht nach wüssten viele Jugendliche nur wenig über den Holocaust. Ein Mitschüler betonte, dass es wichtig sei, als Gesellschaft nicht zu vergessen, was damals vor über 80 Jahren gewesen sei. „Vor allem jetzt, wo wieder vermehrt rechts gewählt wird!“
Unter den Anwesenden war an diesem Tag auch Bildungssenatorin Ksenija Bekeris, die sich vor Ort ein eigenes Bild von den Begegnungsformaten der jüdischen Gemeinde machen wollte. Bekeris machte deutlich, wie bedeutend diese Arbeit für die Bildungslandschaft sei. „Begegnungen wie diese tragen dazu bei, dass Vielfalt in Hamburg nicht nur Thema ist, sondern gelebte Realität wird.“ Besonders beeindruckt zeigte sich die Senatorin davon, wie offen und differenziert die Jugendlichen gefragt haben. Bekeris: „Es ging nicht nur um Religion und Traditionen, sondern auch um das Leben jüdischer Menschen heute in Hamburg. Solche Gespräche schaffen Verständnis und bringen Menschen miteinander in Kontakt. Wenn ich mir diese jungen Menschen hier heute anschaue, ist mir um die Zukunft unserer Stadt nicht bange.“