Dritte Veranstaltung der fünfteiligen Veranstaltungsreihe zur globalen Neuvermessung
BRICS: ARCHITEKTEN EINER NEUEN WELTORDNUNG?
Vom belächelten Verbund zum geopolitischen Machtzentrum
Ein zentraler Pfeiler der BRICS-Agenda ist die Herausforderung des von den USA dominierten globalen Finanzsystems. Die Gruppe verfolgt die Strategie der Entdollarisierung, um die Abhängigkeit vom US-Dollar als primärer Währung für internationale Finanztransaktionen zu reduzieren. Eine der Hauptmotivationen hierfür ist die als "Waffe" eingesetzte Anwendung von US-Sanktionen. Als konkrete Maßnahmen werden die Schaffung einer potenziellen BRICS-Währung, gestützt durch einen Währungskorb, und die Entwicklung eines Blockchain-basierten Zahlungssystems namens „BRICS Bridge“ diskutiert.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die New Development Bank (NDB), die 2014 von den Gründungsmitgliedern ins Leben gerufen wurde, um die finanzielle und entwicklungspolitische Zusammenarbeit zu fördern. Die NDB ist eine multilaterale Entwicklungsbank mit Hauptsitz in Shanghai, deren Kapital und Stimmrecht gleichmäßig unter den Gründungsmitgliedern verteilt sind. Der Präsidentenposten rotiert, was eine geteilte Führung symbolisiert. Die NDB sollte eine Alternative zu den westlich dominierten Finanzinstitutionen wie dem IWF und der Weltbank darstellen.
Die Ambitionen der BRICS-Länder, ein paralleles Finanzsystem aufzubauen, sehen sich jedoch erheblichen Hindernissen gegenüber. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die Reaktion der NDB auf die westlichen Sanktionen gegen Russland. Obwohl Russland ein Gründungsmitglied ist und die NDB zur Reduzierung der Abhängigkeit vom Dollar geschaffen wurde, musste die Bank alle neuen Transaktionen in Russland aufgrund der globalen Sanktionsregime auf Eis legen. Dieses Ereignis zeigt auf, dass selbst eine BRICS-eigene Institution nicht immun gegenüber dem bestehenden Finanzsystem ist und illustriert die Macht und den Einfluss des Dollars, den die BRICS bekämpfen wollen. Die NDB musste ihre eigene finanzielle Integrität schützen, ein Schritt, der ihre Fähigkeit, als alternative Machtbasis zu agieren, in Frage stellt. Dieser „Realitäts-Check“ verstärkt die Notwendigkeit für die Gruppe, noch radikalere Alternativen wie das „BRICS Bridge“ Blockchain-System voranzutreiben.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die interne Dynamik. Obwohl alle Mitglieder das gemeinsame Ziel der Entdollarisierung teilen, gibt es innerhalb der Gruppe erhebliche Rivalitäten, insbesondere zwischen Indien und China. Der Handel innerhalb der BRICS ist stark auf China zentriert, und die restlichen Mitglieder haben nur wenige Handelsbeziehungen untereinander. Hinzu kommt der offene Wettbewerb um die Vorherrschaft bei der Schaffung eines alternativen Zahlungssystems. Während Indien sein eigenes System, das Unified Payments Interface (UPI), vorschlägt, setzt China auf eigene Entwicklungen. Dies stellt ein kollektives Handlungsdilemma dar: Das gemeinsame Ziel wird durch nationale Interessen behindert, da jeder Akteur möchte, dass sein eigenes System zum internationalen Standard wird. Dies könnte dazu führen, dass die Entdollarisierung eher bilateral zwischen einzelnen BRICS-Staaten – wie im Handel zwischen Russland und China – als kollektiv voranschreitet.
Mitwirkende:
Prof. Dr. Rolf J. Langhammer (ehemaliger Vizepräsident des Kiel Institut für Weltwirtschaft), Prof. Dr. Heribert Dieter (Stiftung Wissenschaft und Politik)
Moderation:
André Schünke (NDR)
Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist frei.
Eine Veranstaltungsreihe der Landeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem GIGA-Institut Hamburg.
Verantwortlich: Dr. Matthias Greite