Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus veranstaltet die Landeszentrale im Metropolis Kino zwei Filmvorführungen zu zwei wichtigen und bislang selten beleuchteten Themen. Hierbei können wir Dr. des. Jule von Hertell, Regisseurin und Mitarbeiterin der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg, als Referentin und Gesprächspartnerin begrüßen. Sie hat zum Gedächtnis im essayistischen Dokumentarfilm, Erinnerungskulturen in Spanien und transkulturellem Gedenken an der Hochschule für bildende Künste Hamburg promoviert. Jule von Hertell wird jeweils eine historische Einführung zu den Filmen geben und im Anschluss gibt es die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Beide Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Metropolis Kino Hamburg statt.
Verantwortlich: Abut Can
Dienstag, 27. Januar 2026, 17:00 bis 19:00 Uhr
Eintritt: 6,- Euro
Geboren in Ravensbrück
Deutschland 2021, Jule von Hertell, 45 Min., dt., ukr. OF, dt. UT
Mit Ingelore Prochnow, Heike Rode, Klaus Prochnow, Frau Sonntag
Der Dokumentarfilm schildert die Geschichte eines Kindes, das zu einem der wenigen Kinder gehört, die in einem Konzentrationslager geboren wurden und überlebten. Am 1. Dezember 1943 kam Ingelore Prochnows Mutter, im fünften Monat schwanger und gerade mal 19 Jahre alt, ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Der Grund ihrer Inhaftierung lautete: „Verkehr mit einem Polen“. Im April des folgenden Jahres brachte sie ihre Tochter Ingelore zur Welt. Wie durch ein Wunder überlebte sie ein Jahr lang bis zur Befreiung im April 1945. Sie wuchs bei Adoptiveltern auf, erfuhr erst 40 Jahre später von den Umständen ihrer Geburt und machte sich auf die Suche nach ihrer Geschichte und nach möglichen Angehörigen. Ein Film, der diese Suche und die Geschichte nachvollzieht. Es geht um fehlende Erinnerungen, offene Fragen und das Erinnern ohne eigene Erinnerung.
Dienstag, 27. Januar 2026, 19:00 bis 21:00 Uhr
Eintritt: 6,- Euro
entrelazado – verflochten
D/ES 2025, Jule von Hertell, 52 min., dt., span., katalan. OF, dt. UT
Mit Tonina Mercadal, Maria Antonia Óliver
Mallorca, ein Urlaubstraum. Eine Insel, auf der es zu viele Reisende und zu wenig Wohnraum gibt. Aber zwischen bunten Sonnenschirmen und pittoresken Wanderwegen versteckt sich noch eine andere Geschichte: von Militärdiktatur und Zwangsarbeit, vom Vergessen und Verschweigen und vom Kampf um Gedenkorte, alles eng miteinander verflochten. Der Lehrer Jaume Serra Cardell aus Sa Pobla wurde 1937 in der Militärfestung Illetes auf Mallorca erschossen. Seine Nichte setzt sich heute für eine Aufarbeitung dieser Zeit ein und sammelt Beweise.
Regisseurin Jule von Hertell geht auf der Baleareninsel auf Spurensuche und stößt auf Formen des transkulturellen Gedenkens wie auch auf politisch motiviertes Schweigen. Indem sie historischen Verstrickungen in der deutsch-spanischen Geschichte nachgeht, betreibt sie eine Art Filmarchäologie, die das Nichtsichtbare und seine Übersetzung erforscht.
Das Filmprojekt versteht sich als eine Art „Filmarchäologie“, die historisch Unsichtbares freilegt und seine heutige Bedeutung befragt. Die essayistische Arbeitsweise soll Erinnerungen multiperspektivisch erfahrbar machen und eine selbstreflexive Wahrnehmung anregen. Authentische Orte und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dienen als zentrale Quellen, während gesellschaftliche Veränderungen neue Fragen an Erinnerung stellen. Gerade die spanische Erinnerungskultur ist bis heute von einem dröhnenden Schweigen geprägt, während Aktivistinnen und Aktivisten zugleich auf die – von außen oft als gelungen betrachtete – deutsche Aufarbeitung blicken. Die Untersuchung der lokalen Geschichte und ihrer deutsch-spanischen Verflechtungen öffnet damit den Blick auf grundlegende Fragen des europäischen Gedenkens: Wie verändert sich Erinnerung im Kontext aktueller politischer Entwicklungen, Migration und Debatten um (Post-)Kolonialismus? Und welche Formen des Erinnerns brauchen wir künftig?