Die VHS-Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße präsentiert ihre neue Dauerausstellung – nun auf verdoppelter Ausstellungsfläche von 200 Quadratmetern und mit neuen Schwerpunkten in der Vermittlungsarbeit. Unter dem Titel „Jüdische Kinderwelten: Die Geschichte der Israelitischen Töchterschule“ wird das jüdische Schulleben und die Lebenswelt der Kinder in Hamburg zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und der Verfolgung im Nationalsozialismus bis in die Gegenwart hinein vermittelt. Bildungssenatorin Ksenija Bekeris anlässlich der Neueröffnung der Gedenk- und Bildungsstätte: „Die neue Dauerausstellung in der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule schafft einen Zugang zur Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und Verfolgung und öffnet Raum für Fragen, Lernen und Nachdenken. Ich bin sehr dankbar für diesen Ort und wünsche mir, dass viele Hamburger Schülerinnen und Schüler die Gedenk- und Bildungsstätte besuchen werden.“
Die Ausstellung basiert auf der umfangreichen Sammlung originaler Schuldokumente, darunter Zeugnisse, Stundenpläne, Aufsätze, Fotografien sowie als besonderes Stück das Poesiealbum von Lucille Eichengreen (geb. Landau), das als Digitalisat (Tablet mit einer App) mit vertiefenden Informationen vorliegt. Die Ausstellung gibt Einblicke in den Schulalltag der Kinder und Jugendlichen an einem historischen Ort – in der ehemaligen Israelitischen Töchterschule, der letzten jüdischen Schule in Hamburg in der NS-Zeit. Neue Präsentationselemente sind interaktive Module, Hörstationen sowie Filmbeiträge mit Zeitzeug:innen. Ein zentrales Anliegen der Ausstellung ist zudem, die heutigen Perspektiven jüdischer Hamburger:innen einzubeziehen. In eigens produzierten Filminterviews kommen junge jüdische Erwachsene zu Wort. Sie setzen sich aus ihrer aktuellen Lebensrealität heraus mit den Themen der Ausstellung auseinander und reflektieren die Bedeutung jüdischer Traditionen, den Stellenwert von Wissen und Bildung und ihre Haltung zum Thema Erinnerungskultur.
Ksenija Bekeris, Senatorin der Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung: „Unsere Erinnerungskultur steht an einem Wendepunkt. Nur noch wenige Überlebende der Shoa können ihre Erinnerungen persönlich mit uns teilen. Das Erlebte wird zu Überliefertem. Umso wichtiger sind authentische Orte, die Anknüpfungspunkte zur eigenen Lebenswelt bieten und neue, zeitgemäße Zugänge zur Geschichte ermöglichen.“
Uwe Grieger, Direktor der Hamburger VHS: „Mit dem Abschluss der denkmalgerechten Sanierung und der Neugestaltung der Ausstellung entsteht in der ehemaligen Israelitischen Töchterschule ein bedeutender Ort für Erinnerung, Bildung und Dialog. Hier entfaltet sich Geschichte neu – offen, lebendig und zukunftsorientiert. Dazu gehört auch, dass wir zukünftig das Angebot für Führungen für Hamburger Schulklassen auf 90 pro Jahr verdreifachen werden.“
Dr. Anna von Villiez, Leiterin der VHS-Gedenk- und Bildungsstätte und Kuratorin der neuen Dauerausstellung: „Die Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule versteht sich als ein Ort des Erinnerns und der Würdigung der Kinder, ihrer Lehrkräfte und ihrer Familien. Dabei rücken wir insbesondere die Perspektive der Schüler:innen in den Mittelpunkt: Ihre Zeichnungen, Schulaufsätze und Hefte sind beindruckende, oft übersehene Quellen. Die Kinder, die hier einst zur Schule gingen, erkundeten als ‚Hamburger Jungs un Deerns‘ ihre Stadt – neugierig, kreativ und voller Leben. Gleichzeitig waren sie Teil einer jüdischen Gemeinschaft, deren Alltag unter dem Nationalsozialismus immer stärker bedroht wurde. Mit der neuen Ausstellung machen wir die vielstimmigen kindlichen Erfahrungen zwischen dem Schulalltag und der NS-Verfolgung sichtbar – als Teil der Hamburger Stadtgeschichte und als Beitrag zu einer lebendigen Erinnerungskultur.“
Uwe Grieger dankt allen Beteiligten für die erfolgreiche Sanierung und Konzipierung der Ausstellung: „Hier ist seit vielen Jahren wertvolle Arbeit geleistet worden, deren Rahmen und Möglichkeiten jetzt noch einmal ganz erheblich ausgeweitet und verbessert werden. Wir werden unsere Anstrengungen engagiert fortsetzen, dieses wichtige Angebot für Aufklärung, Gedenken und Dialog für alle weiter auszuweiten und attraktiv zu gestalten. Hier gilt mein Dank allen Beteiligten und Unterstützenden, insbesondere den Ausstellungsmacher:innen, Schulbau Hamburg, unserer Behördenleitung und natürlich dem VHS-Team, namentlich der Leiterin der Gedenk- und Bildungsstätte, Dr. Anna von Villiez.“
Informationen zur Geschichte und Ausstellung (zugänglich für die Öffentlichkeit ab dem 13. Juli 2025)
Die Geschichte der Israelitischen Töchterschule – ein bedeutender Ort jüdischer Mädchenbildung in Hamburg
Die 1884 im Hamburger Karolinenviertel gegründete Israelitische Töchterschule war ein wegweisender Bildungsort für jüdische Mädchen, insbesondere aus ärmeren Verhältnissen. Finanziert wurde der dreigeschossige Backsteinbau durch das Ehepaar Sarah und Marcus Nordheim. Architekt war Peter von der Heyde. In den ersten Jahren lernten rund 500 Schülerinnen in 16 Klassenräumen. Nach Ausbauten des Dachgeschosses um 1910 und 1929 kamen drei weitere Klassenräume und der Naturkunderaum hinzu. Unter der Leitung von Mary Marcus, die die Schule 40 Jahre leitete, und seit 1924 von Alberto Jonas entstand ein modernes Bildungsprogramm, das weltliche Fächer, Sprachen, Naturwissenschaften und praktische Fähigkeiten mit religiöser Bildung verband. Ab 1930 konnte dort sogar der Realschulabschluss erlangt werden. Nach 1933 wurde die Schule zu einem Zufluchtsort für jüdische Kinder, denen der Zugang zu öffentlichen Schulen verwehrt wurde. 1938 wurde die Israelitische Töchterschule mit der Talmud Tora Schule zusammengelegt und war dann die einzig verbliebene Schule in Hamburg, die jüdische Kinder noch besuchen durften. 1942 wurde die Israelitische Töchterschule endgültig geschlossen und die verbliebenen Schüler:innen und Lehrkräfte wurden deportiert. Die Geschichte der Schule steht exemplarisch für die Zerstörung moderner jüdischer Bildungstraditionen im Nationalsozialismus und darüber hinaus für die brutale Verfolgung und spätere Ermordung jüdischer Kinder. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude unterschiedlich genutzt, u. a. durch eine Sprachheilschule. Seit 1989 beherbergt es die Gedenk- und Bildungsstätte der Hamburger Volkshochschule mit einer Dauerausstellung und ist ein Ort politischer Bildung. Ansässig sind in dem Haus auch eine Kindertagesstätte und Fortbildungsräume der Elbkinder gGmbH.
Das räumliche Konzept & Gang durch die Ausstellung:
Mit der umfassenden Neugestaltung präsentiert sich die Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule auf 200 Quadratmetern als moderner Lern- und Erinnerungsort. Ein neu gestaltetes Foyer mit Leitsystem, Garderobe und Empfangstresen heißt die Besucher:innen künftig willkommen. Die Ausstellung gliedert sich in mehrere thematisch und räumlich differenzierte Bereiche:
Raum „Großstadt“
Im Fokus steht das jüdische Schulleben als integraler Bestandteil der Hamburger Stadtgesellschaft. Ein begehbarer Stadtplan geht von der Gegenwart aus und führt die Besucher:innen aus dem heutigen Hamburg in die Geschichte. Mit interaktiven Elementen wird die Israelitische Töchterschule als lebendiger Teil eines vielfältigen jüdischen Alltags im historischen und heutigen Hamburg erlebbar gemacht.
Raum „Schule“
Der historische Naturwissenschaftsraum ist durch die originale Einrichtung von 1930 der historisch wertvollste Raum der Ausstellung und thematisiert die moderne Mädchenbildung dieser Zeit. Lehrmaterialien und Biografien zeigen den Bildungsanspruch der Schule unter Leitung von Mary Marcus. Besucher:innen können sich aktiv mit historischen Unterrichtsinhalten und der Situation jüdischer Mädchen im Bildungssystem auseinandersetzen.
Raum „Letzter Ort“
Dieser Raum dokumentiert die Jahre 1933 bis 1942, in denen die Schule ein Zufluchtsort für jüdische Kinder wurde. Biografien, Originaldokumente, Hörstationen mit Zeitzeug:innenberichten und eine Projektion mit den Namen der ermordeten Schüler:innen, Lehrkräften und weiterem Personal vermitteln die Auswirkungen von NS-Verfolgung und Shoa auf Schüler:innen und Lehrkräfte.
Gedenk- und Lernräume
Ein Raum der Stille ermöglicht individuelles Gedenken. In der Lernwerkstatt können Schulgruppen und Besucher:innen eigene Beiträge zur Erinnerungskultur fertigen. So können zum Beispiel an einem Wandbild Blütenblätter mit den Namen der Opfer geklebt werden. Die Ausstellung endet mit einem Ausblick in die Gegenwart: Wie wollen wir heute erinnern – und handeln?
Fakten & Informationen:
Zielgruppen und Vermittlung
Die Ausstellung lädt insbesondere Schulklassen der Jahrgangsstufen 6 bis 10 dazu ein, sich mit der Geschichte und der Lebenswelt der Schülerinnen der Israelitischen Töchterschule auseinanderzusetzen. Auch interessierte Einzelbesucher:innen und Gruppen sind herzlich willkommen.
Das Kurator:innen- und Gestaltungs-Team
Die Historikerin Dr. Anna von Villiez und die Judaistin Sabine Kößling verantworten die inhaltliche Konzeption der Ausstellung. Das neue Raum- und zeitgemäße Ausstellungskonzept entwickelte das Team von „Raumproduktion“ unter der Leitung von Eva Stankowski.
Zur Sanierung & Finanzierung
In Kooperation mit Schulbau Hamburg erfolgte die bauliche Sanierung des denkmalgeschützten Treppenhauses und des Dachgeschosses, in dem die Dauerausstellung ansässig ist. Für die Sanierung und Ausstellungsgestaltung hat die Stadt insgesamt rund 400.000 Euro investiert.
Freund:innen & Förder:innen der Ausstellung
Ein herzliches Dankeschön gilt den ehemaligen Schüler:innen und ihren Angehörigen, die der Gedenk- und Bildungsstätte persönliche Erinnerungsstücke für die Ausstellung überlassen haben. Als besondere Exponate sind der Schulranzen und ein Paar Schlittschuhe von Erika Estis zu nennen, die sie auf ihrer Flucht mit dem Kindertransport nach England begleiteten und die nun erstmalig öffentlich gezeigt werden.
Barrierefreiheit
Die Ausstellung im Dachgeschoss ist über das Treppenhaus und über einen Fahrstuhl erreichbar, der eine neue Rampe und Klingelanlage bekommen hat. Die Ausstellungstexte sind auf Deutsch und Englisch sowie in einfacher Sprache verfasst. Saaltexte und Filme werden per QR-Code in Deutscher Gebärdensprache verfügbar sein (dieses Angebot ist noch in Arbeit).
Programm, Öffnungszeiten, Adresse und Kontakt
Das Programm wird online regelmäßig aktualisiert: Hier finden Sie die Bildungsangebote
Ab dem 13. Juli ist die Gedenkstätte regelmäßig und auch während der Ferien geöffnet:
donnerstags von 14:00 bis 17:00 Uhr und sonntags von 10:00 bis 14:00 Uhr, Führungen nach Vereinbarungen. Für Gruppen und Schulklassen sind Besuche nach vorheriger Anmeldung auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten möglich.
Karolinenstr. 35, 20357 Hamburg, toechterschule@vhs-hamburg.de.
Rückfragen der Medien
Behörde für Schule und Berufsbildung
Peter Albrecht | Pressesprecher
Telefon: 040 42863 2003
E-Mail: pressestelle@bsb.hamburg.de
Internet: www.hamburg.de/bsb
Twitter: @hh_bsb
Instagram: @schulbehoerde
Hamburger Volkshochschule
Dorothea Olbertz | VHS-Pressesprecherin
Telefon: 040 60929 5111
E-Mail: d.olbertz@vhs-hamburg.de
Instagram: @vhshamburg